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Felix Murot (Ulrich Tukur).

"Wer bin ich?" am Sonntagabend

Merkur-Kritik: Hochintelligenter "Tatort" aus der Steinzeit des Krimis

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München - "Ein durchgeknallter, aber hochintelligenter 'Tatort' und einer aus der Steinzeit des Fernsehkrimis": So lautet das Urteil von Merkur-Autorin Ulrike Frick zum "Tatort: Wer bin ich?" am Sonntagabend.

Da kann Til Schweiger in Hamburg noch so viel Mummenschanz veranstalten, da können sich die beiden neuen Berliner Kommissare (Meret Becker und Mark Waschke) noch so großstädtisch-neurotisch geben – die originellsten und innovativsten ARD-„Tatorte“ kommen seit Jahren zuverlässig aus Hessen, man denke nur an den mit Preisen überhäuften Italo-Western-Fall „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur oder den unendlich zu bedauernden, absolut großartigen Abschied von Joachim Król in der Frankfurter Episode „Das Haus am Ende der Straße“. Mit der am gestrigen Sonntag ausgestrahlten Folge „Wer bin ich?“ schießt das kreative Team des Hessischen Rundfunks (HR) nun aber endgültig den Vogel ab, mit einer grandios überdrehten Film-im-Film-Variante.

Der Zuschauer, das wird nach ein paar Minuten klar, ist Zeuge bei den Dreharbeiten eines „Tatort“. Tukur spielt LKA-Mann Felix Murot, doch plötzlich muss die Produktion unterbrochen werden. Ein Aufnahmeleiter wird tot aufgefunden. Ein Unfall? Wohl kaum. Und Tukur gerät unter Mordverdacht. Redakteur und Regisseur überlegen, wie man Tukur rasch aus dem Film schreiben könnte, damit man weiterdrehen kann.

Währenddessen versucht Tukur, unterstützt von seinen neuen Frankfurter „Kollegen“ Margarita Broich und Wolfram Koch sowie dem Leipziger Ex-Kollegen Martin Wuttke, den Fall zu lösen. Natürlich wollen sie „dem Ulli“ helfen, aber eigentlich sind alle vor allem auf die eigene Wirkung bedacht. Die durchgeknallte aber hochintelligente Geschichte birgt nicht nur eine Menge Insidergags – so ist Wuttke arbeitslos und klamm, weil er nicht mehr „Tatort“-Kommissar in Leipzig sein darf – sondern auch einen mehr als nur passabel spannenden Fall.

Gegen einen solchen Coup und Glücksfall fällt ein mediokrer „Tatort“ aus Köln rückblickend natürlich umso stärker ab. „Benutzt“ heißt die von Dagmar Seume in Szene gesetzte und am 2. Weihnachtsfeiertag ausgestrahlte Folge, in der Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) vor allem im Auto sitzen, einem zugegebenermaßen wunderschönen Opel Diplomat. Mal fahren sie damit über Land, dann wieder mit Blaulicht durch die Innenstadt, ganz oft klingeln sie an Türen, dann wieder sitzen sie einträchtig im Wagen, observieren und schwelgen in Erinnerungen.

Behrendt und Bär sind zwei körperlich enorm präsente Darsteller, die schon in einigen Folgen ihr Gegenüber damit an die Wand drückten. In „Benutzt“ ist es dank des unausgegorenen Falls rund um einen zweimal untoten Billardspieler, seine Frau und eine dubiose Geschäfte im und mit dem Iran ein echter Trost, wenigstens die beiden Ermittler in routiniert guter Form zu sehen. Auch wenn sie am laufenden Band so fürchterliche Sätze aus der Steinzeit des Fernsehkrimis sagen müssen wie: „Wo waren Sie denn gestern Abend zwischen 19 und 22 Uhr?“

Ulrike Frick

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