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Zufrieden: Landauer 1932 nach der ersten Meisterschaft.

Am Mittwoch in der ARD

Kurt Landauer, Erfinder des FC Bayern - Film im TV

München - Der Erfolg des FC Bayern hatte unter Kurt Landauer (1884-1961) begonnen. Am Mittwoch erzählt ein ARD-Film seine Geschichte. Die Parallelen zu einem heutigen Club-Boss sind unverkennbar.

Den Hut muss man sich wegdenken. Uli Hoeneß trug nie etwas auf dem Kopf, mochte es auch noch so kalt sein. Ohne Hut bleibt die bauchige präsidiale Silhouette: ein Mann im Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte, den Fuß auf einen Fußball gestellt, die rechte Hand steckt in der Hosentasche. Er spricht die Körpersprache eines Bestimmers. Er ist „Der Präsident“. Oder auch: „Der Mann, der den FC Bayern erfand“ – so steht es auf den Plakaten, die für den Film werben, der morgen zur besten Sendezeit, um 20.15 Uhr, in der ARD läuft.

Es geht darin nicht um Uli Hoeneß. Es geht um: Kurt Landauer. Bayern-Präsident in einer Zeit weit vor Hoeneß. Bevor die Nazis kamen, bis 1933, und dann wieder, als sie weg waren, nach dem Krieg also. Landauer – eben erst wiederentdeckt, mit einer ganz anderen Lebensgeschichte als die große Medienfigur Hoeneß.

Aber sind sie nicht ähnliche Charaktere? Wer den Film sieht, glaubt in der Darstellung des großen bayerischen Schauspielers Sepp Bierbichler Hoeneß zu erkennen. Und dann noch dieses Plakat.

Die Landauer-Silhouette auf den Filmplakaten.

Dirk Kämper hat das Drehbuch zum Spielfilm geschrieben und auch eine in diesen Tagen erscheinende Landauer-Biografie, die erste überhaupt. Er sagt, auf die plakative Präsentation des Films angesprochen: „Parallelen zwischen Landauer und Hoeneß ergeben sich zwangsweise. Beide waren starke Typen, die die Dinge an sich ziehen, das lag in ihrem Charakter begründet. Sie haben Entscheidungen selbst getroffen und nicht groß Gremien befragt. Das Plus bei beiden: Sie haben sich um ihre Leute gekümmert.“ Nicht zu vergleichen, darauf weist Autor Kämper hin, seien natürlich die Zeiten.

Kurt Landauer sorgte für seine Spieler

Die von Kurt Landauer, geboren 1884: Fußball war noch klein, in Deutschland hatten die Turner das Sagen. Aber Landauer, der aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammte, brachte den Fußball schon ein wenig auf einen neuen Weg. Jutta Fleckenstein, die im Jüdischen Museum in München eine (bis 26. Oktober laufende) Landauer-Ausstellung kuratiert hat, verweist auf ein frühes Foto aus den 1920er-Jahren: „Das war das Gesundheitszimmer, das Landauer beim FC Bayern einrichten ließ.“ Seine Spieler sollten die besten Bedingungen vorfinden, dazu gehörte ärztliche Behandlung. Sie sollten sich aufs Fußballspielen konzentrieren können, Landauer führte das Profitum ein (das später wieder aufgehoben wurde – für Jahrzehnte). Kurt Landauer erfand die Versicherung für Fußballer – für die Lohnfortzahlung im Verletzungsfall.

Mit 27 war Kurt Landauer Präsident des FC Bayern geworden. 27 war später auch das Eintrittsalter von Hoeneß ins Management des Vereins – noch eine Parallele. Was sie unterschied: Hoeneß war ein Weltklassefußballer gewesen, Landauer nur Torwart in der zweiten Mannschaft des FC Bayern – und in einer Zeit, als noch gar nicht viele Menschen Fußball spielten, sondern es der Sport der Studenten und im Fall FC Bayern der Schwabinger Boheme war.

Kurt Landauer holte prominente Teams nach München

Landauer pflegte seine Visionen: Er holte in den 20er- und 30er-Jahren die besten Teams zu Freundschaftsspielen nach München – um von ihnen zu lernen. Der Sporthistoriker Dietrich Schulze-Marmeling, Spezialist für die Frühgeschichte des FC Bayern, listet auf: 1927 kam Uruguays Meister Pennarol Montevideo und lockte 30 000 Zuschauer. Weitere prominente Namen: FC Modena, Bolton Wanderes, West Ham United, Birmingham, Chelsea FC, sogar die Boca Juniors aus Buenos Aires.

Die erste Meisterelf: die Spieler des FC Bayern 1932, die Frankfurt im Finale 2:0 bezwang.

Der FC Bayern Kurt Landauers stand für Weltoffenheit. Und er wurde besser und besser: 1932 gewann er das Finale um die Deutsche Meisterschaft, vor 58 000 Zuschauern in Nürnberg gegen Eintracht Frankfurt. Die Vorbereitung: top-professionell, die Bayern bezogen vor Ort ein Hotel; welches, das hielten sie geheim. Die Feier danach: eine Vorahnung von dem, was in München viel später einmal kommen würde. Hunderttausende auf den Straßen, die Mannschaft im Korso – in Kutschen, mit weißen Pferden.

Uri Siegel kann sich daran noch erinnern. Damals war er zehn. Heute ist er 91, lebt in München und ist der letzte Angehörige, der Kurt Landauer noch erlebt hat. Der Präsident des FC Bayern war sein Onkel.

„Ich habe nicht gedacht, dass die Sprache noch einmal auf ihn kommt“, sagt Siegel. Erst vor zehn Jahren erschienen erste Zeitungsartikel über den jüdischen Fußball-Präsidenten. Beim FC Bayern hielt man sich bedeckt – wohl auch aus Unsicherheit, etwas Falsches zu sagen. Erst auf Initiative der Fanszene begann der Verein, sich mit seiner Geschichte zu beschäftigen.

Kurt Landauer: Die Bayern-Ultras verehren ihn

Die Bayern-Fans in der Südkurve erinnern an Kurt Landauer.

Die Ultras von der „Schickeria“ nahmen sich des Themas an, starteten das Einladungsturnier um den Kurt-Landauer-Pokal als Teil ihres antirassistischen Engagements – heuer fand es zum neunten Mal statt. Uri Siegel wird immer eingeladen, mehr noch: „Ich werde abgeholt, betreut, wieder nach Hause gefahren“, erzählt er zufrieden. Zwei Mal zeigte die „Schickeria“ in der Allianz-Arena eine Landauer-Choreografie, 2009 zu seinem 125. Geburtstag und 2014 am Erinnerungstag des deutschen Fußballs. Heute bekommt die „Schickeria“ vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Irland in Gelsenkirchen für ihr Engagement den Julius Hirsch Preis 2014 des Deutschen Fußballbunds, vergeben in Erinnerung an die NS-Opfer.

Uri Siegel hat viel geholfen in der Landauer-Forschung, die die Autoren Schulze-Marmeling und Kämper, die Bayern-Fans von der „Schickeria“ und dem „Club Nr. 12“ und für den FC Bayern Andreas Wittner beim Aufbau eines Vereinsmuseums betrieben haben. Siegel war allerdings auch nicht immer da, er emigrierte noch als Bub nach Palästina. Sein Onkel Kurt blieb.

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 veränderte sich sein Leben gravierend: Er trat als Präsident des FC Bayern zurück, verlor seine Stelle als Anzeigenleiter der Münchner Neuesten Nachrichten und arbeitete als Angestellter im Münchner Spitzengeschäft Rosa Klauber. Dort holte ihn die Gestapo 1938 ab, brachte ihn ins Konzentrationslager Dachau.

Was Landauer dort erdulden musste, ist in einer Schilderung seines Mithäftlings Otto Blumenthal überliefert: „Der Sadismus unserer Wärter feierte wahre Orgien. Duschen mit fast kochend heißem Wasser, Duschen mit eiskaltem Wasser, Abspritzen mit Wasserschläuchen, Abbürsten mit Schrubbern und Besen.“ Nach 33 Tagen kam Kurt Landauer frei – er war Offizier im Ersten Weltkrieg gewesen, das rechnete man ihm an. Vier seiner Geschwister wurden in den Lagern umgebracht, er selbst emigrierte im Mai 1939 in die Schweiz.

Kurt Landauer kehrt 1947 zurück nach München

Es sind Bilder erhalten, Jutta Fleckenstein erkennt in ihnen, „wie Kurt Landauer sichtbar altert“. Er erlebte auch in Genf eine Zeit der Ungewissheit: „Die Aufenthaltserlaubnis wurde immer nur um drei Monate verlängert.“ 1947 kehrte Landauer nach München zurück, übernahm wieder die Präsidentschaft beim FC Bayern.

Auf einige Wochen aus dieser Comebackphase ist der Film komprimiert. Landauer versucht sich an der Rettung des Clubs, am Wiederaufbau, strebt – und so ähnlich wiederholt sich die Geschichte im neuen Jahrtausend – den Bau eines gemeinsamen Stadions mit den Sechzigern an. Der TSV 1860 hatte sich dem Nazi-Regime willfährig ergeben, anders als der einstmalige „Juden-Club“ FC Bayern genoss er im Dritten Reich eine Vorzugsbehandlung. Landauer mochte die Löwen nicht, klar, aber er war Pragmatiker: Fürs Geschäft brauchte er sie und die Rivalität, die sich mit ihnen leben ließ.

Regisseur Hans Steinbichler (l.) und Landauers Neffe Uri Siegel (r.), den im Film als Bub Osaker Ober (M.) spielt.

Im Spielfilm wird manches zurechtgefeilt, was nicht dem historischen Ablauf entspricht. Dirk Kämper lässt seinen Film-Landauer mit seiner Entschädigungszahlung für den KZ-Aufenthalt den FC Bayern vor der Zahlungsunfähigkeit retten – dass dies in den Wochen, die der Film erzählt, geschah, ist aber nicht belegt. Und ob jene Geschichte stimmt, dass, als die Bayern 1943 ein Freundschaftsspiel in der Schweiz bestritten, Münchner Spieler ihrem im Publikum stehenden Ex-Präsidenten Landauer trotz zu befürchtender Konsequenzen demonstrativ applaudiert haben sollen – „in Schweizer Zeitungen findet sich dazu nichts“, so Jutta Fleckenstein.

Was es auch nur im Film gibt: einen gemeinsamen Gefängnisaufenthalt von Landauer und seinem 1860-Amtskollegen im Gefängnis, weil sie die amerikanischen Besatzer mit einem nicht genehmigten Lokalderby brüskiert hatten. „Das ist reine Fiktion“, räumt Drehbuchverfasser Dirk Kämper ein. Was Knastaufenthalte betrifft, greift sie also nicht, die Parallele Landauer – Hoeneß.

Kurt Landauer - "Die Identifikationsfigur schlechthin"

Aber Kurt Landauer war bereit, alles zu geben für den FC Bayern. „Dass einer zurückkommt in das Land, in dem er seine Familie verloren hat, dass der Verein ihm so wichtig ist, dass er nicht wie vorgesehen nach Amerika auswandert – für die Fans ist er die Identifikationsfigur schlechthin“, sagt Kämper, „und die ,Schickeria‘ hat es gespürt.“ Und jetzt ist der ehemalige Präsident so etwas wie der Mann der Stunde. Durch den Film. Das Buch. Auch durch die kluge Installation im Foyer des Jüdischen Museums. Man hat die erhalten gebliebenen Erinnerungsstücke in einen aktuellen Fanshop des FC Bayern integriert, und neben einem Schweinsteiger- gibt es jetzt auch einen Kurt-Landauer-Schal.

Die Amtszeit von Landauer beim FC Bayern endete 1951. Er wurde einfach abgewählt. Wie das? Kämper erklärt: „Für den Verein war er nützlich gewesen als guter Deutscher. Aber die sportlichen Erfolge blieben aus, er wurde autokratisch und starrsinnig, war über 60, ein Generationenproblem tat sich auf. Landauer bereitete seinen Abgang vor, doch der Verein war schneller.“

Der gestürzte Präsident brach aber nicht ganz mit dem Verein, ab und zu soll er bei Spielen gewesen sein und bei Versammlungen Durchhaltereden gehalten haben. Genaues weiß man nicht. Als er 1961 starb, war ein Nachruf auf Seite eins der Vereinsnachrichten. Darüber ein christliches Kreuz. Man hatte verdrängt oder schlicht nicht mehr gewusst, dass der Mann, der den FC Bayern 16 Jahre lang geführt hatte, ein Jude gewesen war.

Kurt Landauer konnte nicht viel hinterlassen. Sein Neffe Uri Siegel bekam die Offizierskiste aus dem Ersten Weltkrieg. Darin: zwei Manschettenknöpfe, zwei Schallplatten, ein schwarzer Regenschirm. Kein Hut.

von Günter Klein

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