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Claire (Johanna Wokalek, gr. ­Foto) und ­Richard ­(Ronald Zehrfeld) bemühen sich um Tochter Selma.

Beruht auf wahren Begebenheiten

„Landgericht“: Der großartige Zweiteiler im ZDF

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München - Der Titel täuscht. „Landgericht“ – das klingt mehr nach juristischen Scharmützeln als nach einer aufwühlenden Geschichte, die vom Überleben erzählt.

Wer Ursula Krechels preisgekrönten Roman über das Schicksal der Familie Kornitzer in der NS-Zeit nicht kennt, wird ­hinter dem gleichnamigen ZDF-Zweiteiler wohl kaum das Drama vermuten, das sich in ihm verbirgt. Am Montag lief der erste Teil der Geschichte, die von Flucht und Vertreibung, von Schmerz und Verlust und der Sehnsucht nach Wiedergutmachung erzählt.

In beklemmenden Szenen schilderte das hervorragende Fernsehspiel „Landgericht“ wie eine Familie auseinanderbricht. In der Hoffnung, ihre Kinder vor dem Naziregime in Sicherheit bringen zu können, schicken der jüdische Richter Richard Kornitzer (Ronald Zehrfeld) und seine Frau Claire (Johanna Wokalek) Sohn und Tochter 1938 mit dem Kindertransport (siehe Info unten) allein nach England. Sie sind nicht die Einzigen.

Beklemmende Szenen waren im ersten Teil mit dem ­Titel Abschied zu sehen. Denn auch Richard und Claire müssen sich im Kampf ums Überleben trennen. Während der Richter ins kubanische Exil flieht, verharrt Claire, die kein Visum bekommen hat, in Deutschland, erträgt Demütigung und Schmerz.

Drehbuchautorin ­Heide Schwochow hat diese wahre Geschichte wunderbar fürs Fernsehen adaptiert. Das Drama gehört sicherlich zum Besten, was wir in diesem Jahr sehen werden. ­Regisseur Matthias Glasner (Der freie ­Wille) verzichtet bewusst auf historische Opulenz und Nazifetischismus. Sein Fokus liegt auf der Familie, die im ersten Teil auseinandergerissen wurde und in der Fortsetzung versucht, wieder zusammenzufinden. Wiederkehr ist der Titel des zweiten Teils, der das ganze Ausmaß der emotionalen Katastrophe sichtbar macht. Gemeinsam suchen die Kornitzers nach Kriegsende ihre beiden Kinder. Sie finden schließlich Teenager, die sich in England und bei ihren Pflegeeltern wohlfühlen. Eine Annäherung ist nur schwer möglich. Während Richard Kornitzer erbittert um Wiedergutmachung kämpft, ist Claire längst klar: Für ein verpasstes Leben gibt es keine Wiedergutmachung.

Die echte Familie Michaelis nach dem Zweiten Weltkrieg: Sohn Martin, Vater Robert, Mutter Luise und Tochter Ruth (von li.)

Eine Erkenntnis, die auch die Familie Michaelis gewonnen hat. Es sind ihre Erlebnisse, auf denen der Roman Landgericht und das Fernsehspiel beruhen. Richter Robert Michaelis floh 1939 nach Shanghai. Die chinesische Hafenstadt war die letzte Anlaufstelle für schutzsuchende Juden. Nach Kriegsende kehrte er nach Deutschland zurück und suchte mit Ehefrau Luise nach den beiden Kindern Martin und Ruth. „Ein echtes Gespräch war nicht möglich. Es war zu viel passiert“, sagt Ruth Barnett heute. Sie könne sich noch erinnern, wie sie als kleines Mädchen ins Bett der Eltern gekrochen sei. „Wir hatten ein wunderbares Leben. Bis ­Hitler kam und alles zerstörte.“ 

Drei Fragen an Darstellerin Johanna Wokalek:

Wie würden Sie Claire beschreiben?

Sie ist für mich eine kluge, selbstbewusste und starke Frau. Eine Frau, die mit einer inneren Zer­rissenheit leben muss. Die Frage, ob es richtig war, die Kinder nach England zu schicken, begleitet sie ihr ganzes Leben.

Ist es eine besondere Verantwortung, eine historisch reale Figur zu spielen?

Auf jeden Fall. Ich habe versucht, mich ganz auf die Lebensgeschichte der Claire einzulassen. Ihr Schicksal berührt mich zutiefst, weshalb ich mich bei der Darstellung auch nicht geschont habe.

Kannten Sie den Roman „Landgericht“ von Ursula Krechel?

Nein. Ich habe das Buch aber während des Drehens immer wieder gelesen. Mich hat am meisten beschäftigt, was es bedeutet, in ­einem Menschenleben zu hoffen, ohne dass sich die Hoffnung einlöst.

Kindertransporte: Das sind die Fakten

Für viele jüdische Kinder und Jugendliche waren sie die letzte Rettung: die sogenannten Kindertransporte. Zwischen 1938 und 1940 brachten sie knapp 18 000 Kinder ins europäische Ausland, nach Kanada und in die USA. Großbritannien nahm mit 10 000 jungen Flüchtlingen den größten Teil auf. Die „Refugee Children’s Movement“ (RCM) genannte Vereinigung entsandte Repräsentanten nach Deutschland, Österreich und Tschechien, um den Transport gemeinsam mit jüdischen Organisationen vorzubereiten.

Ein Rucksack oder ein kleiner ­Koffer mussten für die Fahrt ins Ungewisse reichen. 50 Pfund Sterling zahlten jüdische Familien damals für die Sicherheit ihrer Kinder und die Hoffnung, sie eines Tages wiederzusehen. „Meine Eltern haben es mir so leicht gemacht wie möglich. Es muss furchtbar viel für sie gewesen sein“, erinnert sich Liesl Munden in einem Zeitzeugeninterview mit der Seite kindertransporte-nrw.eu. Auch Lore Robinson, damals gerade 15, schildert ihre Erlebnisse: „Ich war ganz allein. Aber da war ein kleines Baby von ungefähr drei Monaten in unserem Zug, das hatte die Mutter in einer Babytragetasche abgesetzt, mit ein paar Flaschen Milch und ein paar Windeln, das fuhr auch nach England – alleine. Das fand ich so couragiert, dass eine Frau ihr Kind in Sicherheit schickt. Es war schwer genug für unsere Mütter und Väter, die wussten alle nicht, ob sie uns wiedersehen. Aber sie wussten, dass es so vielleicht eine Chance für uns gibt.“ Ursprünglich ging man davon aus, dass sich die Familien, die auf so traumatische Weise auseinandergerissen wurden, nach Kriegsende wiedersehen würden. Fakt ist, dass die meisten geretteten Kinder ihren Eltern und Geschwistern nie wieder begegneten.

„Landgericht: Wiederkehr“,

morgen, 20.15 Uhr, ZDF

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