Langer Atem für Reformen

- Von heute an können die Zuschauer der beiden öffentlich-rechtlichen Systeme "nahtlos" von einem Nachrichtenmagazin zum nächsten zappen. Die "Tagesthemen" im Ersten beginnen sofort nach dem Ende des ZDF-"heute-journals" um 22.15 Uhr. Eine Vorverlegung, die Konsequenzen für die ARD-Politmagazine hat. Denn der Senderverbund stutzt "Panorama", "Monitor", "Fakt"; "Kontraste", "Report Mainz" und "Report München" auf je eine halbe Stunde und lässt sie künftig einheitlich zum späten Termin um 21.45 Uhr beginnen. Mitinitiator der intern als größte Programmreform der letzten 15 Jahre gerühmten Veränderung ist Chefredakteur Hartmann von der Tann (62).

Die von der ARD-Chefetage verabschiedete Programmreform stößt auf Kritik, nicht zuletzt bei Ihrer Mainzer Konkurrenz, die vor allem die Vorverlegung der "Tagesthemen" auf 22.15 Uhr kritisiert. Wollten Sie auf Konfrontationskurs zum ZDF gehen?

Hartmann von der Tann: Nein. Die Gründe für die Vorverlegung der "Tagesthemen" sind sehr komplex. Zum einen wissen wir, dass sich die Zahl der Menschen, die am Abend fernsehen, im Zeitraum zwischen 22.15 Uhr und 22.30 um drei Millionen reduziert. Diesen Zuschauern möchten wir unser Nachrichtenmagazin zu einem früheren Zeitpunkt anbieten. Zum anderen erreichen wir mit dieser Maßnahme eine Menge von Umwälzungen im Ersten. Wir haben eine regelrechte Informationsleiste ins Programm eingezogen, jeden Tag um 21.45 Uhr. Montags das erste politische Magazin, dienstags das Wirtschaftsmagazin, mittwochs die Reportage, am Donnerstag das zweite politische Magazin - eine deutliche Verbesserung der Programmstruktur.

Wenn Sie sagen, Sie haben die "Tagesthemen" vorverlegt, um mehr Zuschauer zu erreichen, dann ist die gleichzeitige Verlegung der Politmagazine nach hinten doch kontraproduktiv . . .

Von der Tann: Also erstens verlegen wir nicht  d i e  Politmagazine nach hinten, die am Donnerstag fanden ja bisher auch schon ab 21.45 Uhr statt. Es geht also um den Montag, und an die Stelle der Politmagazine rücken um 21 Uhr die Dokumentationen, das ist ja sicher keine geringerwertige Ware. Und zweitens erreichen wir damit, dass der Zuschauer in unserem Programm die Hintergrundinformation auf den ersten Blick wiederfindet, nämlich von Montag bis Donnerstag immer um 21.45 Uhr.

Nun stößt die Verkürzung der Sendezeit auch auf Widerstand innerhalb der Magazin-Redaktionen. Anja Reschke beispielsweise hat in ihrer letzten "Panorama"-Abmoderation vor der Reform ziemlich deutlich gesagt, was sie von den Plänen hält, nämlich nicht viel . . .

Von der Tann: Dafür habe ich großes Verständnis. Wenn ich Moderator einer Sendung wäre, die von 45 auf 30 Minuten gekürzt würde, würde ich mich auch wehren. Nur - wir müssen das Gesamtprogramm betrachten. Für das Fernsehen gilt das Gleiche wie für die Politik: Reformen sind nicht möglich, wenn man nicht auch Besitzstände angreifen darf. Sie können nicht neu verteilen, ohne jemandem etwas wegzunehmen. Das ist ja auch, wenn Sie Reformpolitik im Großen anschauen, eines der Probleme, die wir haben.

Aber was bedeutet die Verknappung konkret? Wird sich die Zahl der Beiträge verringern, werden die Beträge verkürzt?

Von der Tann: Das wird bei den Magazinen unterschiedlich gehandhabt werden. Aber ich möchte noch einmal darauf aufmerksam machen, dass wir mit zwei Mal 30 Minuten Magazin pro Woche immer noch mehr bieten als jeder Wettbewerber auf dem deutschen Markt. Die geschätzten Kollegen vom ZDF haben nur 45 Minuten politisches Magazin. Und übrigens hatte die ARD bis 1990 nur einen Termin von 45 Minuten, der von fünf Magazinen "bespielt" wurde. Dann wurde im Zuge der Wiedervereinigung "Fakt"und daraufhin der zweite Magazintermin geschaffen. Das heißt, wir haben immer noch eine Viertelstunde mehr Sendezeit als vor der Wiedervereinigung. Ob man nun das Gewicht einer Sendung ausschließlich an der Dauer messen kann, ist eine andere Frage.

Es geht also nicht um die Alternative Häppchenkultur oder Mut zur Lücke?

Von der Tann: Weder das eine, noch das andere trifft zu. Die Magazine haben ja nicht selten das Gebiet der Politik sehr weit definiert. Und ich denke, dass zum Beispiel eine Möglichkeit sein könnte, mit investigativen Geschichten zum Kernbereich der politischen Magazine zurückzukehren.

Wenn sich die Programmreform - wider alle Erwartungen - doch als Fehler herausstellt, weil die Quoten nicht mehr stimmen . . .

Von der Tann: Für öffentlich-rechtliche Systeme ist die Quote eine Größe unter mehreren. Wenn die Quote nach der Reform nicht mehr stimmte, müsste man darüber nachdenken, welche Feinjustierungen man vornimmt. Aber man wird erst einmal ein halbes Jahr warten müssen, weil die Veränderungen so groß sind, dass die Menschen eine Weile brauchen werden, bis sie das wiederfinden, was sie suchen.

Sie haben einen langen Atem?

Von der Tann: Ich habe einen unglaublich langen Atem!

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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