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Die Breakdance-Wettkönige (l.) Hakan Karaca und Cem Kiracli mit dem zweitbesten Kandidaten Marcus Grill (M.) am 20.1.2001 in Bremen. Grill hatte die Idee für die Sieg-Wette.

Erfolgreichster Kandidat

Doppel-Wettkönig: "Wetten, dass..?" war vor Lanz tot

Kempten - Viermal bei "Wetten, dass..?" dabei, zweimal gewonnen: Der erfolgreichste Wettkandidat Marcus Grill spricht im Interview vor der letzten Sendung heute Abend. Auch über die Gründe für das Aus der Show.

Zum Live-Ticker der letzten Sendung von "Wetten, dass..?"

Marcus Grill fummelt am 20. Januar 2001 der Rapperin Sabrina Setlur an ihrer Strumpfhose herum. Der Tanzlehrer  wettet, dass er durch reines Erfühlen - trotz verbundener Augen- die Strumpfhosenmarke an den Beinen von fünf Frauen erkennt.

Marcus Grill (52) liebt das Scheinwerferlicht, die große Bühne, den Applaus. Der Kemptner sprudelt vor Energie und Tatendrang. Viermal trat er als Kandidat bei der ZDF-Show "Wetten, dass..?" auf - 1986, 1988, 1991 und 2001. Zweimal begeisterte der renommierte Tanzlehrer das Publikum, holte sich den Sieg und wurde Wettkönig (Stepp-Wette, 1986; Tauch-Wette, 1991). Zweimal reichte es für Platz zwei (Zeit-Salto-Wette, 1988; Strumpfhosen-Wette 2001). Thomas Gottschalks allererster Wettkönig in seiner "Wetten, dass..?-Laufbahn feierte 2001 sogar so etwas wie einen Doppelsieg. Denn neben seinem persönlichen Auftritt triumphierte die Breakdance-Einlage von Cem Kiracli und Hakan Karaca bei "Wetten, das..?" - und die stammte ebenfalls von Grill höchstpersönlich. Ein Höhepunkt in seinem Leben. Es folgte der Tiefschlag. Im Jahr 2004 verunglückte er beim Snowboarden, ist seitdem querschnittgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Mittlerweile hat er ein Buch geschrieben. Allerdings nicht über "Wetten, dass..?". Die Erinnerungen daran behält er im Kopf.

Vor der letzten "Wetten, dass..?"-Show heute in Nürnberg spricht der mehrfache Wettkandidat im Interview über seine persönlichen Erfahrungen, die Gründe für das Aus der Sendung und über die Moderatoren Thomas Gottschalk und Markus Lanz.

Übrigens: "Wetten, dass..?": Die Stars der letzten Sendung am Samstag  bei der letzten Sendung von "Wetten, dass..?" auf. Und diese Wetten sind heute in der letzten Sendung zu sehen. 

Herr Grill, Sie sind 1986 zum ersten Mal Wettkönig geworden, kämpften seither viermal um die Wetten, dass-Krone? Wie sehr liegt Ihnen die Sendung am Herzen?

Ich hab' mir die Show immer wieder angeschaut. Ich habe Sendungen gesehen, die mich zu Tränen gerührt haben. Und ich habe Sendungen gesehen, die mich geschockt haben – wie der Unfall von Samuel Koch. Das war ein Horrortrip. Auch Beate Koch (damals Redaktionsleiterin der Show/Anm. der Red.), zu der ich noch Kontakt habe, hat der Unfall damals schwer getroffen. Aber gerade ich wusste durch meinen Unfall, was so etwas für die Familie bedeutet. Bei mir ist das unbeobachtet passiert. Wenn das aber vor so vielen Leuten geschieht, ist das schon eine harte, harte Kiste. Das muss man erst einmal verarbeiten.

Sie lassen sich die letzte "Wetten, dass..?"-Show in Nürnberg doch sicher auch nicht entgehen. Wie verfolgen Sie diese?

Natürlich schau' ich sie mir an. Allerdings würde ich wie Samuel Koch auch sehr gerne hinfahren. Wenn nur die Möglichkeit bestünde. Schließlich war ich insgesamt fünfmal dabei. Aber leider hat mich keiner angerufen. Deshalb schau' ich mir die Sendung daheim an.

Zu Hochzeiten zog es um die 15 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm - Tendenz sinkend. In der Ausgabe im vergangenen November waren es nur noch knappe sechs Millionen. Wie erklären Sie sich, dass die Quoten in den Keller gingen?

Auf jeden Fall waren nicht unbedingt die Moderatoren schuld. Das liegt an der Konkurrenz, am Business und an den Menschen im Hintergrund von Wetten, dass. Wenn der Stab um den Moderator stimmt, wenn kreative Leute da sind, funktioniert's auch.

Marcus Grill vor letzter Sendung heut Abend: Meine Wetten bei "Wetten, dass..?"

Was meinen Sie damit?

Ein Beispiel: Meine erfolgreichste Wette, die Tauchwette, wollten sie erst nicht. Da ich Holm Dressler (Ex-Produzent von Wetten,dass /Anm. d. Red.) ja kannte, hab' ich ihn gleich persönlich angerufen und sie ihm genau erklärt. Und schon ging's. Die erfolgreichste Wette bei "Wetten dass..?, ist eine Abkupferung meiner Tauchwette. Die Ur-Form der Tauchwette. Dabei sollte ein Auto in einem Schwimmbecken untergehen, ein Team von drei Personen beatmet den Wettkandidaten, und ein anderes Team taucht unter das Auto, bläst die Luft drunter, sodass das Auto langsam aufsteigt. Die Idee war von mir, gelaufen ist es aber nicht unter mir. Ebenso stammt die Wette mit den Golfbällen, die in einen Basketballkorb getroffen werden sollten, von mir. Die habe ich aber einem Kandidaten weitergegeben. Ich hatte schon Negativ-Erlebnisse. Das ist einfach ein happiges Business.

Das heißt, Sie nehmen Moderator Markus Lanz aus der Schusslinie? Er ist nicht schuld am Niedergang von "Wetten, dass..?"?

Nein. Lanz ist cool. Ein „Extremist“, wenn man das so sagen kann. Der ist schon fresh, wenn auch ein bisschen verklemmt. Aber vielleicht wurde ihm einfach alles zu viel. Lanz kann jedenfalls nichts dafür. Da wird im Hintergrund viel Schindluder betrieben, vermute ich. Die Kritik bekommt immer der ab, der vorne dran steht. Die Maschinerie dahinter ist nie schuld.

Also war Markus Lanz auch keine Fehlbesetzung als Moderator für "Wetten, dass..?"

Wenn die bei "Wetten, dass..?" cool gewesen wären, dann hätten Sie mich im Rollstuhl genommen. Ich hab' ja selber schon viele Großveranstaltungen moderiert.

""Wetten, dass..?" zu moderieren, ist ein Klacks."

Herr Grill, Sie meinen also, sie hätten das Zeug dazu gehabt, Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass..?" zu beerben?

Ja klar. "Wetten, dass..?" zu moderieren, ist ein Klacks, weil alles organisiert ist. Ich bin auch ein bisschen neidisch auf Stefan Raab, dass er es soweit gebracht hat. Ich hätte mir diese Arbeit im Fernsehbusiness für mich auch vorstellen können.

Welcher der Moderatoren Lippert, Elstner, Gottschalk, Lanz hat Ihnen denn am besten gefallen?

Ich bin nur immer bei Gottschalk aufgetreten. Er war auch der Beste bei "Wetten, dass..?". Auch wenn Lanz gut war, er hatte nicht diese Witzigkeit. Gottschalk ist ein Wort-Jongleur. Vier Tage liefen die Proben. Da hat er immer alle Witze rausgehauen. Es gab Momente, da hätte man vor Lachen am Boden liegen können. Gottschalk hat getestet, welchen Witz er dann in der Sendung bringt und welchen nicht. Allerdings hätte ich mir von ihm gewünscht, dass ich ihm ein bisschen näher komme. Aber man muss auch sagen, dass er sich nach meinem Unfall rührend um mich gekümmert hat, als ich ihn im Rollstuhl besuchte. Ich freue mich, dass Samuel Koch die Premium-Unterstützung erhält und würde ihn auch gerne persönlich kennenlernen.

Ab 2002 war "Wetten, dass..?" nur noch Kommerz

Das hört sich danach an, als fühlten Sie sich sehr mit "Wetten, dass..?" verbunden. Wie finden Sie es, dass heute in Nürnberg die letzte Sendung von "Wetten, dass..?" läuft?

Die Zeiten haben sich eben verändert. Die Fernsehlandschaft hat "Wetten, dass..?" lange beobachtet. Viele der jetzigen Showmaster wie Stefan Raab haben Gutes abgekupfert. Formate, wie "Joko gegen Klaas" gehen ja in diese Richtung. Ich habe schon bei meiner zweiten Teilnahme zu Holm Dressler gesagt, was man bei "Wetten, dass..?" besser machen könnte und dass man etwas ändern muss. Ich als Showtänzer und Moderator hab' schon auch Ahnung. Aber dann lief mit der Sendung alles gut und das große Geld wurde gemacht... Früher war "Wetten, dass..?" cool. Aber dann wurde es vom ZDF und Gottschalks „Brot und Spiele“ (Gottschalks Firma, die sich um seine Werbeaktivitäten kümmert/ Anm.d.Red.) gesteuert. Ab 2002 war es dann nur noch Kommerz - der erste Untergang.

Sie sagen, es hätte sich etwas ändern müssen? Was denn?

Ich hab' 2002 dem Management meine Meinung gegeigt, dass alle Strukturen bei "Wetten, dass..?" verstaubt und zu eingeschliffen sind. Man hätte einfach moderner werden müssen. Ich habe den Wunsch geäußert, die Leute im Hintergrund auszutauschen. Damit bin ich angeeckt. Es wollte keiner mehr so wirklich mit mir reden.

Das klingt, als ob Ihre persönlichen Erfahrungen durchwegs negativ waren. Welche schönen Erinnerungen bleiben an "Wetten, dass..?"?

Von den Wetten her gab's schon crazy Dinger. Der Fallschirm, der in den Heißluftballon fliegt, oder die Motorradgeschichten. Ich profitiere auch heute noch von den Merk-Wetten, weil ich mich mit diesen Leuten unterhalten habe. Ich erinnere mich auch gerne noch an die Sendung mit den Fußballstars Diego Maradona und Lothar Matthäus in Bremen. Aber am schönsten war, als ich 2001 in Bremen mit meinen beiden Wetten in einer Sendung von "Wetten, dass..?" war. Was auch noch toll war: Der Umgang mit den Menschen, die "Wetten, dass..?" im Hintergrund zusammengeschraubt haben. Zum Beispiel Regisseur Alexander "Sascha" Arnz. Er hat gespürt, was der Wettkandidat braucht. Vielleicht ist durch seinen Tod dieses Gespür verlorengegangen.

Nach letzter Sendung von "Wetten, dass..?": "Lanz soll sein eigenes Ding machen"

Das ZDF wird heute sicher nochmal eine große Abschieds-Show von "Wetten, dass..?" abliefern wollen. Was erwarten Sie sich von der Sendung?

Ich bin selber gespannt. Ein bisschen zweifle ich ja an, dass es wirklich die letzte Show ist. Aber wenn es so sein soll, dann machen wir das Kapitel "Wetten, dass..?" eben zu. Ich sehe keine Chance mehr für die Sendung. Da müsste schon was „Wunderbares“ passieren. Was auch immer das sein soll.

Herr Grill, letzte Frage: Nach all der Kritik, die wegen "Wetten, dass..?" auf Markus Lanz eingeprasselt ist. Was raten Sie ihm für die Zukunft?

Er soll sein eigenes Ding machen. Lanz ist jetzt schon größer als Gottschalk. Raab zum Beispiel ist schon verdammt gut. Lanz muss was Eigenes bringen. Was hingegen Gottschalk macht, interessiert mich nicht mehr. Die Sendung "Die 2 – Gottschalk & Jauch gegen ALLE" auf RTL ist für mich eine Lachnummer für's Seniorenheim.

Interview: Manuela Schauer 

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