Der letzte Strohhalm

- Laut ZDF gehört "Aktenzeichen XY … ungelöst" zu den beliebtesten Sendungen im deutschsprachigen Europa. Ab dem 20. Februar wird der von Rudi Cerne moderierte Klassiker nicht nur auf 90 Minuten verlängert, er wechselt auch auf einen neuen Sendeplatz am Mittwochabend um 20.15 Uhr.

"Aktenzeichen XY" wird aufgewertet: Rudi Cerne über fast aussichtslose Fälle, böse Buben und Kriminalpsychologie

Wie werden Sie die halbe Stunde mehr nutzen?

Wir behandeln künftig zwei Fälle mehr pro Sendung. Außerdem können wir nun ausführlicher auf Einzelheiten wie Fahndungsfotos eingehen. In der Mitte und am Ende einer jeden Ausgabe planen wir jeweils eine Abfrage ein, bei der wir mit einem LKA- oder BKA-Kommissar über die eingegangenen Reaktionen sprechen. Das ist bisher aus Zeitgründen immer gekippt worden.

Über 40 Prozent der behandelten Verbrechen sind in der Vergangenheit mit Hilfe der Zuschauer aufgeklärt worden. Wie wichtig ist "Aktenzeichen XY" für die Ermittlungsbehörden?

Wir widmen uns Fällen, die bei der Polizei als nahezu aussichtslos eingestuft wurden, nachdem man versucht hatte, auf regionaler Ebene alle Kollegen der Printmedien und der elektronischen Medien zu mobilisieren. Eine Sendung wie "Aktenzeichen XY" bietet der Polizei noch einmal eine große Öffentlichkeit. Vor ein paar Jahren strahlten wir eine Fahndung nach einem mutmaßlichen Täter aus, der ein Kind misshandelt hatte. Dazu rief uns eine Frau aus Spanien an, die unsere Sendung via Satellit empfängt und den Mann gesehen hatte. Die Guardia Civil konnte ihn daraufhin tatsächlich festnehmen. "Aktenzeichen XY" ist praktisch der letzte Strohhalm.

Die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Juristen forderte 1981 die Absetzung der Sendung, weil sie Denunziantentum verbreite. Wie oft wurden durch die Täterbeschreibungen unbescholtene Bürger denunziert, seitdem Sie moderieren?

Ich habe das noch nicht erlebt. Die bösen Buben verstecken sich immer in der Masse der Unschuldigen, um nicht aufzufallen. So kann es passieren, dass auch mal ein Unschuldiger untersucht wird. Ich selbst bin Ende der 70er-Jahre einmal mit dem Terroristen Christian Klar verwechselt worden. Das waren aufregende Minuten, als ich diese Personenuntersuchung über mich ergehen lassen musste. Aber wenn man damit lässig und souverän umgeht, ist das in Ordnung.

Der Psychologe David M. Buss behauptet, dass der Mensch im Zuge der Evolution keineswegs seine grausame Natur abgelegt hat. Sind die Mörder mitten unter uns?

Nein. Aber durch die Expansion der Medien hat man oft das Gefühl, dass der Mörder an jeder Ecke lauert. Ich habe mich oft mit Kommissaren unterhalten. Die Kriminalstatistik besagt, dass die Verbrechensquote zum Beispiel bei Banküberfällen rückläufig ist. Die Überwachungskameras liefern inzwischen gestochen scharfe Fotos, die könnte man fast als Passbild benutzen. Viele Verbrechen werden bereits im Vorfeld verhindert. Auch Kindesentführungen, Kindesmisshandlungen und Kindstötungen kommen heute nicht häufiger vor als in den 60ern.

Werden Sie sich auch dem spektakulären Fall der in Portugal entführten Madeleine "Maddie" McCann widmen?

Durch die offenen Grenzen ist bei "Aktenzeichen XY" heute viel mehr Internationalität gefragt. Einen Fall aus Tschechien konnten wir relativ schnell lösen. Daraufhin erhielten wir immer wieder Anfragen, ob wir nicht mal wieder helfen können. Ich möchte nicht wissen, wie viele Hundertschaften die Hinweise im Fall der Madeleine McCann abarbeiten. Eine Beteiligung von unserer Seite würde da nur noch mehr Verwirrung stiften.

Sie sehen oftmals schaurige Details, die dem Zuschauer nicht gezeigt werden können. Haben Sie eine bestimmte Strategie entwickelt, mit diesen Bildern umzugehen?

Ich schaue mir die einfach nicht mehr an. Anfangs war ich mal bei einer Fallrecherche dabei. Es ging um den Mordversuch an einem Mann mit einer Machete. Mir wurden ungefilterte Originalfotos vom Opfer gezeigt, Gott sei Dank in Schwarz-Weiß, aber ein Gemetzel! Ich musste mich erst mal hinsetzen. Kommissare müssen wohl einen Mechanismus besitzen, um das alles auszuklammern.

In Krimis wird gern das geheime Motiv des Täters angesprochen, eigentlich gefasst werden zu wollen. Beschäftigen Sie sich auch mit Kriminalpsychologie?

Ja. Es ist auch schon vorgekommen, dass sich jemand nach einer Sendung freiwillig gestellt hat, weil der Druck durch die Fahndung zu groß war. Die Belastung, geschnappt zu werden, muss für einen Täter enorm hoch sein. Man sieht das auch an Briefen, die uns aus dem Gefängnis erreichen, mit denen die Verurteilten ihr Gewissen erleichtern wollen. Kürzlich erhielten wir ein anonymes Bekennerschreiben zu einem Mord, der 25 Jahre zurück liegt.

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