Es liegt nicht nur an den Augen

Seiner unschillernden Ausstrahlung zum Trotz setzt sich Schauspieler Matthias Brandt im Fernsehen fest

Wie man mit diesen Augen Ruhm erringen kann, ist ein kleines Rätsel. Ihre verquollene Faltigkeit reduziert das Gesicht auf so wenige Ausdrücke, dass es ziemlich unscheinbar daherkommt. Schönheit oder Spannung darin zu entdecken, fällt daher schwer. Und man muss den Namen beim Betrachten schon mal kurz aussprechen, um darin ihn zu sehen – Willy, den anderen, den größeren, wohl größten Brandt überhaupt. Es ist sein Vater.

Diese Herkunft mag für eine gewisse Eleganz im Umgang mit Prominenz eher ein Garant sein als für eine große Schauspielerkarriere. Nicht im Fernsehen. Da ist es fürs Publikum ein Segen, dass der Sohn für den Ex-Kanzler „eine große Enttäuschung“ war, wie Matthias Brandt seine Abstinenz von aller Politik beschreibt.

So konnte er das verfeinern, was ihm trotz allem in die Wiege gelegt wurde – die Charakterrolle. Fein justiert, ohne Trara expressiv und so präsent, dass der Bildschirm voll von ihm ist, obwohl er darauf oftmals völlig abwesend wirkt. So viel Bescheidenheit gestatten sich nur wenige in diesem Business.

Welch ein Mann! Was für ein Talent! Seines berühmten Namens hat es also nie bedurft, um erst im Theater, dann vor der Kamera die höchsten Weihen zu erhalten, Engagements an den renommiertesten Bühnen, Fernsehpreise in Reihe etwa und eine schier explodierende Zahl an Rollen, über drei Dutzend allein in den vergangenen drei Jahren. „Ich arbeite eben gern. Und ich arbeite auch gern viel“, sagt er und nennt sich doch für einen Workaholic „zu faul“.

Bei so viel Widersprüchlichkeit ist es kein Wunder, dass Matthias Brandt den Durchbruch im Fernsehen am Ende doch seinem Vater zu danken hatte. Oder besser – dessen Verräter. Das war vor vier Jahren, als der Filmneuling mit gut 40 Jahren in Oliver Storz’ ARD-Zweiteiler „Im Schatten der Macht“ Günter Guillaume darstellte, ausgerechnet jenen Mann, über den Papa Willy einst stürzte. Eine Ironie der Geschichte.

Eine Ironie des Mediums, seiner ganzen aufgeregten Oberflächlichkeit ist es hingegen, dass sich jemand mit derart unschillernder Ausstrahlung darin derart beharrlich festsetzt. Heute zum Beispiel spielt Brandt in Claudia Gardes ARD-Film „Ein Sommer mit Paul“ (20.15 Uhr) den Zauberer Raimund Balsam, dem der Tod seiner Frau neben dem Zaubern gleich den Rest des Lebens verleidet, bis das Verhältnis zu seinem assistierendem Sohn Paul (Max Schmuckert) daran zu zerbrechen droht.

Keine weltbewegende Geschichte. Gezaubert wird auch wenig. Und das Ende ist statt happy eher offen. Doch wie Matthias Brandt die Traurigkeit seines kurzsichtigen Blicks darin tanzen lässt, wie er einen Strauchelnden mit Hoffnung versieht und selbst einem trinkenden, arbeitsscheuen, ausgelaugten, zynischen und (auto)aggressiven Verlierer Restbestände von Humor entlockt, macht das Ganze zur eindrücklichen Studie einer Spaßgesellschaft, die sich so hektisch amüsieren muss, dass ihr ganzes aufgestautes Selbstmitleid darunter nur eruptiv entweichen kann.

Oder eben stecken bleiben muss. Wie in Matthias Brandt. Seinen Augen. Und jeder seiner Fasern. Dabei hat er schon mehrfach bewiesen, wie man seine Figuren fast ohne Mimik beseelt. An der Seite Katja Flints verlieh er in der Komödie „Wie krieg ich meine Mutter groß“ 2004 dem Thema Single so viel Zuversicht, dass eine Fortsetzung („Väter, Mütter, Kinder“) folgte. In „Der Stich des Skorpions“ vermaß er einen früheren Stasi-Offizier mit der perfekten Mixtur aus Zerrüttung und Stolz.

In Episodenrollen von „Tatort“ bis „Nachtschicht“ macht er genau das, was ihm auch in seinen vielen Hauptrollen am besten gelingt, nämlich aus dem Hintergrund unmerklich nach vorn drängen.

Und zwar nicht selten im Dunstkreis bildschöner Frauen, die er auf subtile Art verzaubert, ohne dass es vom Drehbuch konstruiert wirkt. Er verkörpert schließlich, was moderne Männer heute auszeichnet – die Bereitschaft, sich nicht wichtiger zu nehmen, als man ist. Dazu die Einsicht in eigene Schwächen wie im ARD-Film „Vertraute Angst“, wo er sich im vergangenen Jahr als ausgerasteter Normalbürger freiwillig in die Psychiatrie begibt.

Oder Verletzlichkeit, etwa im Drama „Gegenüber“ von Jan Bonny, der ihn als Gewaltopfer seiner Frau realistischer als erträglich inszeniert. Zugleich aber steht der 47-Jährige für jene Adoleszenzverweigerung, die eine ganze Männergeneration auf der Flucht vor Verantwortung zwischen 30 und 50 produziert hat.

Als Vater von Paul ist es heute Raimunds Magie, die seinen trotzigen Unernst im Umgang mit der eigenen Zukunft definiert. Dass Kinder in „Ein Sommer mit Paul“ allzu oft Dialoge aufsagen, die schwer nach Erwachsenen klingen, sei dem Film verziehen – und Drehbuchautor Sebastian Schubert empfohlen, Kinderrollen künftig lieber für Kinderfilme zu schreiben, als seine Darsteller mit altklugen Aphorismen der Unglaubwürdigkeit preiszugeben.

Aber auch hier ist es Matthias Brandt, der die Kohlen aus dem Feuer holt. Und zwar ganz nebenbei, aus dem Hintergrund quasi, mit wenigen Worten und kleinen Gesten. Wem sonst als dem Familienvater aus Berlin könnte man zwei Minuten dabei zusehen, wie er an der Kamera vorbei ins Nichts blickt, um dem Brief seines Sohnes an die tote Mutter zu lauschen. Da darf er wie zuletzt ruhig mal ein paar leichtere Rollen in seichteren Stoffen übernehmen – mit Matthias Brandt wird jede Hauptrolle zur Nebenrolle. Und umgekehrt. Und das liegt nicht nur an den Augen.

von Jan Freitag

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