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Wer die „Lindenstraße“ liebt, hat selbstverständlich auch Sekundärliteratur zur Hand - wie unser Reporter Günter Klein.

Zum Ende der Kultserie „Lindenstraße“

„Ich habe nur eine Folge verpasst“

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Diesen Sonntag läuft die 1758. Folge der „Lindenstraße“. Unser Sportreporter Günter Klein wird am Ende 1757 gesehen haben. Er erzählt, wie die Serie ihn durchs Leben begleitete. Dass er ene Folge verpasste, war übrigens die Schuld von US-Präsident George W. Bush.

Irakkrieg 2003. Operation „Wüstensturm“. US-Präsident George W. Bush lässt die Welt den Atem anhalten. Man denkt nicht an Unterhaltung in diesen Tagen. Sonderprogramme auf allen Kanälen, Live-Berichterstattung vom Schlachtfeld. Auch an jenem Samstag im Bayerischen Fernsehen. Normal wäre um 9.30 Uhr die Wiederholung der „Lindenstraße“-Folge aus dem Ersten vom vorangegangenen Sonntagabend gewesen. Sie entfällt. Für immer. Meine Serie – gerissen! Der BR war die letzte Hoffnung gewesen. Die Videoaufzeichnung am Sonntag hatte nicht hingehauen. Eine Mediathek gab es noch nicht.

Meine Liebe zur „Lindenstraße“ musste sich allerdings erst entwickeln. Die erste Folge am 8. Dezember 1985 begeisterte mich überhaupt nicht. Ich war 23, meine Freundin sagte: „Da kommt was Neues im Fernsehen, bahnbrechend, sozialkritisch, Unterhaltung, die auch relevant ist.“ Okay, dann schauen wir das. Ich war enttäuscht, sah nur die Sperrholzkulissen und eine Sozialarbeiterfamilie, die sich an Hausmusik versuchte. Das ist doch nicht das richtige Leben. Nach ein paar Wochen stieg ich aus. Die Freundin schaute weiter.

Ende 1989 waren wir dann kein Paar mehr. In der ersten Wehmut begann ich, die Zeitschriften zu lesen, die sie gelesen hatte (ich kaufte mir einige Monate „Die Zeit“), und ihr Fernsehverhalten anzunehmen. Sonntagabend „Lindenstraße“. Neuer Eindruck: Ist ja gar nicht schlecht. Hat sich entwickelt (oder ich mich).

Die über 200 Folgen, die schon versendet waren, holte ich nach. Mein Glück war, dass das SWR Fernsehen noch einmal von vorne anfing, jeden Werktag um 17.30 Uhr. Ich kam in den Flow, ich war nun voll dabei. Das Leben ging mit „Lindenstraße“ weiter. Neue Partnerschaft, Ehe. Meine Frau kannte diese deutsche Soap nicht, sie schaute allenfalls mit einem Auge hin – bis plötzlich Organspende zum Thema wurde: Hajo Scholz, eine der Langzeitfiguren der Serie, brauchte eine Spenderniere. Er bekam sie von Olli Klatt, einem Typen zwischen Schnorrer und Fiesling. Es war ein Deal an der Gesetzeslage vorbei – nun war auch die Gemahlin angefixt. Das war in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre. Sie wollte nichts mehr verpassen.

Um die Jahrtausendwende verbrachte sie zum Studieren zwei Trimester in den USA. Sie wollte bei der „Lindenstraße“ den Anschluss halten. Meine Aufgabe war es, jede Folge aufzuzeichnen. Das bedeutete für mich: Bangen, ob das automatische Programmiersystem des VHS-Recorders funktioniert (2003 bei der Irakkrieg-Aufnahmepanne war das nicht der Fall), die Kassetten so zu organisieren, dass alles draufpasst (die Falle Restlaufzeit des Bandes), und zu hoffen, dass es keinen Bandsalat gibt. Als meine Frau aus Amerika zurückkam, schauten wir die Aufzeichnung von 26 „Lindenstraßen“ fast am Stück durch. Das war die Erfindung des „Binge Watching“.

Sie stieg vor ein paar Jahren aus, weil es „immer das Gleiche ist“. Fand ich nicht. Es kamen neue Figuren, neue Dramen, es wurde – gut, hätte nicht sein müssen – öfter in Betten gelegen und mehr Haut gezeigt. In unser Leben traten derweil andere Aufzeichnungsgeräte. Den VHS- (am Anfang sogar VCR-)Recorder löste der Festplattenrecorder ab, der sich jede Folge merkte, bis auch ich auf die Mediathek umstieg. Meine Mutter, 81, die die „Lindenstraße“ auch ziemlich komplett haben dürfte, sagte mir neulich, sie habe eine Episode auf dem Tablet angesehen.

Dass die „Lindenstraße“ an Standing verlor, war offenkundig. Fiel sie früher allenfalls wegen eines deutschen Fußball-WM-Spiels aus, so wurden in den letzten Jahren Sommer- und Weihnachtspausen eingeführt – oder man verschob sie ins Spartenprogramm von One. Die Quoten gingen drastisch zurück, und selbst ein Kollege aus dieser Redaktion, mit dem ich einen inoffiziellen Ulrike-C.-Tscharre)-Fanclub gegründet hatte (sie spielte die Marion Beimer), erklärte seinen Ausstieg.

Ich bin „Lindenstraße“-süchtig geworden. Sogar „Let’s Dance“ habe ich angeschaut, weil da Moritz Sachs alias Klaus Beimer den Tanzbären gab. Liz Baffoe, die die mit dem griechischen Wirt verheiratete Nigerianerin Mary spielt (tatsächlich aber ein Kölsches Mädchen ist), habe ich auf einer Eurosport-Veranstaltung zum Afrika-Cup 2010 in „Lindenstraße“-Gespräche verwickelt. Auf der Website bin ich neulich durch die Liste aller Rollen gescrollt. Ich habe Zorro und Walze wiederentdeckt, doch bei manchen Charakteren tue auch ich als Junkie mich schwer. Die standen jetzt mit wem in welcher Beziehung?

Die „Lindenstraße“ geht zu Ende. Oder: Ich ziehe weg aus der Straße. Die Serie habe ich aus sechs Wohnungen verfolgt, mein Zweitdomizil war die Lindenstraße 3. 35 Jahre lang. Minus die eine Folge.

Die letzte Folge

der „Lindenstraße“ läuft am Sonntag um 18.50 Uhr im Ersten. Sie trägt den Titel „Auf Wiedersehen“ und soll, so heißt es, trotzdem einen sogenannten Cliffhanger haben.

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