+
Szene aus der Lindenstraße: Helga Beimer (Marie-Luise Marjan, hinten rechts) mit ihrem ersten Mann Hans (Joachim Hermann Luger, l.) und ihren Kindern (v.l.) Marion (Ina Bleiweiß), Benny (Christian Kahrmann) und Klausi (Moritz A. Sachs).

Jubiläums-Ausgabe am Sonntag

Lindenstraße: So feiert die Mutter aller Serien ihren 30. Geburtstag

München - Am Anfang hagelte es schlechte Kritiken, heute ist die Lindenstraße Kult. Mutter Beimer, die Mutter der Nation, kennt jeder. Jetzt feiert die Endlos-Serie 30. Geburtstag. Zur Jubiläums-Ausgabe am Sonntag haben sich die Macher etwas Besonderes einfallen lassen.

Der 1. Münchner „Lindenstraßen“-Fanclub ist in heller Aufregung. Drei Mitglieder der „Lindenstraß’n Gmoa“ sitzen an einem Novemberabend zusammen und diskutieren die aktuelle Folge vom vorausgegangenen Sonntag. Darin kam ans Licht, dass die Mieter der Lindenstraße 3 aus ihren Wohnungen geworfen werden sollen – das wäre das Ende der Serie. Und das kurz vor dem 30. Jubiläum im Dezember!

„Wenn sich das bewahrheitet, dass Anna und Hans aufs Land ziehen – ja lieber Gott im Himmel“, stöhnt Karl-Heinz Radowsky. „Das wird aber nicht passieren“, widerspricht Club-Vorsitzende Gisela Mittelsten Scheid. „Das Haus wird niemals abgerissen!“ Albertine Schwörer zupft an ihrem „Lindenstraße“-Shirt, runzelt besorgt die Stirn und schweigt. „Ich kann mir auch vorstellen, dass Herr Dressler die Notbremse zieht“, sagt Radowsky. Mittelsten Scheid nickt: „Ja, das hat ja die Beimerin schon in der letzten Folge gesagt.“

Den drei Fans entgeht kein Detail ihrer Lieblingsserie. Karl-Heinz Radowsky ist seit der ersten Folge 1985 dabei, Albertine Schwörer ebenfalls. Gisela Mittelsten Scheid gibt zu: „Ich habe es am Anfang überhaupt nicht geschaut. Bei den schlechten Kritiken in der Zeitung dachte ich, das muss ich mir nicht antun.“ Einige Jahre später hat es aber auch sie erwischt – seither verpasst sie keine Sendung und sieht sich die alten Folgen immer wieder auf VHS-Kassetten an.

Lindenstraße: Medien-Echo machte Darstellern anfangs zu schaffen

„Lindenstraßen“-Erfinder Hans W. Geißendörfer hat das Medien-Echo zu Beginn der Serie immer noch als „schreckliches Erlebnis“ in Erinnerung. Das Ensemble, das ja gleichzeitig drehen musste, sei nach den Kritiken teilweise völlig aufgelöst gewesen, erzählt er. „Die saßen weinend in der Garderobe und sagten: ,Ich kann das nicht mehr spielen, ich bin ja nur der Depp!’ Ich konnte die Leute aber immer wieder motivieren, doch weiterzumachen.“ Vor allem ein Argument wiederholte er immer wieder: „Wer nur eine Folge einer Langzeitserie gesehen hat und so kühn ist zu behaupten, jetzt alles über diese Serie zu wissen, den darf und muss man nicht ernst nehmen.“

Gisela Mittelsten Scheid jedoch will ernst genommen werden. Ihr fällt sofort auf, wenn in der Handlung etwas nicht stimmt – etwa, wenn eine Figur in Vergessenheit gerät. „Jetzt ist ja wenigstens Nicos Kind mal thematisiert worden“, seufzt sie beim Fanclub-Treffen. „Der taucht da plötzlich wieder auf und kein einziges Mal ging es um seinen Sohn!“ Oft schon hat der Club in solchen Fällen einen Brief an Geißendörfer persönlich geschrieben und ihn auf den Fehler hingewiesen.

Geißendörfer selbst sagt, der Austausch mit den Fans sei für ihn sehr bereichernd. „Wenn Fanclubs ihre Meinung sagen, dann hören bei uns alle sehr konzentriert zu. Denn die Fans lieben die Serie. Und wenn man über das, was man liebt, kritisch spricht, dann hat man wahrscheinlich immer einen Punkt im Auge, der tatsächlich überdenkenswert ist.“

Gisela Mittelsten Scheids Liebe zur „Lindenstraße“ erkennt man nicht nur an den unzähligen Szenen, die sie minutiös nacherzählen kann, sondern auch an den Devotionalien, mit denen sie ein ganzes Zimmer gestaltet hat: Plakate, Souvenirs, Autogrammkarten – und eine Original-Kittelschürze der von Annemarie Wendl gespielten Figur Else Kling.

Lindenstraße: Figuren werden mit den Zuschauern älter

Die Schauspielerin war bis zu ihrem Tod 2006 Ehrenmitglied im Fanclub. Dass es aber nicht immer leicht ist, „Lindenstraße“-Fan zu sein, wissen die Club-Mitglieder aus eigener Erfahrung. „Wenn ich das irgendwo erzählt hab, auf der Arbeit oder so...“, beginnt Radowsky, „dann haben sie dich ausgelacht!“, vollendet Mittelsten Scheid den Satz. Radowsky nickt und Albertine Schwörer bekräftigt: „Ja, die nehmen einen auf den Arm!“ Doch an der Treue der Fans hat sich auch nach dreißig Jahren nichts geändert.

Erfinder Geißendörfer sieht dafür zweierlei Gründe. Einerseits werden die Figuren mit den Zuschauern älter: Viele der Schauspieler sind seit 30 Jahren dabei, einige der jüngeren Darsteller begannen als Babys und spielen tatsächlich schon ihr ganzes Leben lang eine „Lindenstraße“-Figur. Für Geißendörfer liegt darin eine große Faszination, „wenn man vor 30 Jahren angefangen hat zu gucken und jetzt sieht, wie aus Frau Beimer eine richtige Oma geworden ist und aus dem kleinen Klausi ein gestandener Bauchträger.“ Und der zweite Grund: „Dass wir sehr nah an der Zeit sind, in der der Zuschauer lebt, und dass wir Themen behandeln, die ihm bekannt sind.“

Dass das so ist, liegt sicherlich auch an dem Vorbild der „Lindenstraße“: Ein Mehrfamilienhaus im fränkischen Neustadt an der Aisch, in dem Geißendörfer aufgewachsen ist. „Natürlich ist die große Schwierigkeit eines solchen Zusammenwohnens, dass nichts geheim bleibt“, sagt er schmunzelnd. „Wir haben gehört, wenn die Familie oben gerade Streit hatte oder die Kinder mit der Mutter nicht klarkamen. Und wenn wir heimlich nachts Schlitten gefahren sind, hat es, wenn es die eigene Mutter nicht gemerkt hat, eben die von obendrüber oder untendrunter gemerkt.“ Für die moderne Mietwohnung sei eine solche Vertrautheit mittlerweile Vergangenheit. „Aber bei uns war das so.“

Und so ist es auch in der Lindenstraße Nr. 3 – es sei denn, es kommen doch noch die Abrissbagger, irgendwann. Gentrifizierung ist wohl eines von vielen Themen, mit denen sich „Lindenstraße“-Zuschauer identifizieren können. Auch die Mitglieder der „Lindenstraß’n Gmoa“ konnten schon viele Ähnlichkeiten zwischen dem Serien-Alltag und dem eigenen Leben feststellen. Lustig war das allerdings nicht immer. „Als Sabrina Scholz Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte“, erzählt Karl-Heinz Radowsky, „habe ich genau zur gleichen Zeit dieselbe Diagnose bekommen. Ich hab gedacht, ich werd’ verrückt. Sie hat die Krankheit durchgemacht, ich hatte die Chemotherapie, das war schon ein Hammer.“ Die Serien-Figur starb 2012, Radowsky überlebte. „Ich habe immer daran zu knabbern gehabt, dass sie gestorben ist“, sagt er. „Das zu sehen hat mich extrem geschlaucht.“

Lindenstraße bezieht immer wieder gesellschaftspolitisch Stellung

Mittelsten Scheid nickt. „Ich habe mir damals immer gedacht: Mein Gott, die stirbt – und der Karl-Heinz schaut das jetzt an!“ Radowsky verpasste trotzdem keine Folge. „Ich würde nicht sagen, dass es hilft, das anzuschauen. Aber man kann sich auf jeden Fall besser hineinversetzen. Die Figur ist einem ja ans Herz gewachsen.“

Nicht nur Krankheit und Tod gehören bei der „Lindenstraße“ dazu, auch gesellschaftspolitisch bezieht die Serie immer wieder Stellung. In den letzten Jahren lag der Fokus auf extremistischen Strömungen, verkörpert durch die Figuren des ehemaligen Terroristen Timo Zenker und der in den Rechtsextremismus abgleitenden Lea Starck. Dass die „Lindenstraße“ viel Wert auf Authentizität legt, macht den Fans aber auch Sorgen, gerade in der aktuellen Entmietungs-Debatte. „Die Lindenstraße 3 muss bleiben“, sagt die Club-Vorsitzende, aber Radowsky kontert: „Wo gibt’s denn sowas? Das widerspricht ja jeglicher Realität!“ Am Ende würden ja doch immer die Miet-Haie gewinnen.

Und was, wenn die Serie wirklich eingestellt würde? Noch gibt es keinen Vertrag über 2016 hinaus. Schweigen am Tisch. „Das wäre schon schlimm“, gibt Gisela Mittelsten Scheid dann zu und Albertine Schwörer nickt. Karl-Heinz Radowsky räuspert sich. „Aber Herr Geißendörfer hat ja versprochen, dass er alles dafür tun wird, dass die ,Lindenstraße’ bestehen bleibt.“ Mittelsten Scheid lacht. „Aber er ist ja nicht der liebe Gott – das ist er nur in der ,Lindenstraße’!“

Lindenstraße zum 30. Jubiläum live im Fernsehen

Geißendörfer ist erst mal aus anderem Anlass nervös: Zum 30. Geburtstag wagt die „Lindenstraße“ erstmals eine Live-Sendung. „Es gibt eine Menge Falltüren. Ich kann nur hoffen, dass niemandem ein Scheinwerfer auf die Zehen fällt und dass es nicht regnet“, sagt er. Auch die Zeit macht ihm Sorgen: Schließlich muss eine Folge genau 30 Minuten lang sein.

Im Fanclub hat die Vorfreude schon begonnen: „Was da alles schiefgehen kann“, sagt Gisela Mittelsten Scheid mit großen Augen. Die Live-Ausstrahlung wollen die Mitglieder gemeinsam ansehen. Und zusammen hoffen sie auf eine weitere Verlängerung ihrer Lieblingsserie. „Sonst wüsste man ja nicht mehr, was man Sonntagabend machen soll“, sagt Gisela Mittelsten Scheid und lacht. Dann hängt sie Else Klings Kittelschürze sorgfältig auf einen Kleiderbügel und zupft sie noch mal zurecht.

Johanna Popp

Update: Jubiläumsfolge Lindenstraße

Die Jubiläums-Ausgabe "Hinter der Tür" lief am Sonntag, 6. Dezember, um 18.50 Uhr in der ARD. Ausgerechnet in der Sendung zum 30-jährigen Bestehen der ARD-Serie Lindenstraße ließen die Macher Erich Schiller (Bill Mockridge), den Ehemann von Helga Beimer (Marie-Luise Marjan), möglicherweise an einem Herzinfarkt sterben.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordfall Mirco: Eltern bei ZDF-Vorpremiere mit Heino Ferch
Das Schicksal von Mirco hat vor sieben Jahren bundesweit für Aufsehen gesorgt. Der Junge wurde entführt, ermordet und verscharrt. Jetzt ist der Fall Mirco wieder da: Als …
Mordfall Mirco: Eltern bei ZDF-Vorpremiere mit Heino Ferch
Wegen diesem Foto wirft Netflix Biene Maja aus dem Programm
Die Biene Maja kennt man seit den 70er-Jahren als Kinderserie im TV. Jetzt warf Netflix eine Folge der neuverfilmten Serie aus dem Programm. Der Grund dafür ist …
Wegen diesem Foto wirft Netflix Biene Maja aus dem Programm
Warnstreik beim WDR: Radiomoderatoren von „1Live“ bleiben stumm
Wegen eines Warnstreiks verzichtete der WDR-Sender 1Live in den frühen Morgenstunden eine Stunde lang auf jegliche Redebeiträge und sendete stattdessen nur Musik.  
Warnstreik beim WDR: Radiomoderatoren von „1Live“ bleiben stumm
Wahlabend im TV: Private fassen sich kürzer und bieten Alternativ-Programm
Für manche Sender geht es am Wahlabend um kaum etwas anderes. ARD und ZDF berichten mehrere Stunden am Stück. Andere fassen sich kurz und sind so eine Alternative für …
Wahlabend im TV: Private fassen sich kürzer und bieten Alternativ-Programm

Kommentare