Wo Männer im Pyjama einkaufen gehen

München - Sie ist eine der populärsten Nachrichtenfrauen im deutschen Fernsehen - doch ab und zu wird "heute journal"-Moderatorin Marietta Slomka das Studio zu eng, und sie geht fürs ZDF auf Reportagereise. Als Einstimmung der Zuschauer auf die Olympischen Spiele in Peking im August war die 39-Jährige nun 14 Tage lang im Reich der Mitte.

Was sie dabei erlebt hat, schildert die Journalistin von heute an bis zum kommenden Sonntag in täglichen Reportagen im "heute journal" (21.45 Uhr). Im August reist Marietta Slomka noch einmal in den fernen Osten. Dann moderiert sie die Nachrichten live aus Peking.

-War das Ihre erste Reise ins Reich der Mitte?

Ja, und das war auch eine große Chance. Beim ersten Mal läuft man mit großen Augen durch die Straßen und sieht Dinge, die einem später nicht mehr auffallen. Zum Beispiel Männer, die im Pyjama auf dem Markt einkaufen - nach einer Woche fand ich das auch normal. Oder einen Mann, der einen Drachen steigen ließ - auf einer Hauptverkehrsstraße! Oder man geht in den Park und sieht Männer, die rückwärts laufen, weil sie finden, dass das gesund sei.

-Also setzen Sie den Schwerpunkt weniger auf Politik als auf Land und Leute?

Ich will den Alltag von ganz normalen Chinesen zeigen, sozusagen Familie Müller in Peking. Aber Alltag ist ja nicht unpolitisch. Zu den ganz normalen Menschen gehören zum Beispiel auch die Millionen Bittsteller, die nach Peking pilgern, um über Unrecht zu klagen, das ihnen widerfahren ist. Enteignung und Korruption sind in China Alltag. Wir haben mit Leuten gesprochen, die bei Nacht und Nebel aus ihrem Haus vertrieben worden sind, weil die örtliche Polizei und Regierung mit einer Immobilienfirma unter einer Decke stecken.

-Haben sich die Menschen denn getraut, mit Ihnen zu reden?

O ja, die wollten unbedingt mit uns reden, es hört ihnen ja sonst niemand zu. Aber natürlich hatte ich Angst, ob ich sie damit in Gefahr bringe, obwohl sie ja nichts Unrechtes tun. China ist eben kein Rechtsstaat, und wie in jeder Diktatur müssen Sie als Journalist das Risiko abwägen, ob Sie jemanden gefährden, wenn Sie über Unrecht berichten. Und ich habe auch erlebt, dass die Leute in China im Moment alle wahnsinnig vorsichtig sind, sobald es um Politik oder Olympia geht. Keiner würde in die Kamera sagen, dass er die Olympischen Spiele nicht gut findet, das wäre geradezu lebensgefährlich. Und auch Tibet ist natürlich ein Tabuthema.

-Haben Sie auch direkte Repressalien erlebt?

Wir wurden zwar gleich am ersten Tag demonstrativ von der Staatssicherheit beobachtet, aber an nichts gehindert. Wir konnten ganz frei mit unserer Kamera durch Peking laufen und überall drehen, das war zunächst völlig unproblematisch. Aber in dem Moment, in dem wir an der Oberfläche kratzten und politisch wurden, war auch sofort Schluss mit der Freiheit. Nämlich bei der Geschichte des enteigneten Bittstellers, der Opfer von Willkür und Korruption geworden ist. In Peking durften wir noch drehen, wurden nur mit Passkontrollen etwas aufgehalten. Doch als wir später auf dem Land die enteigneten Grundstücke filmen wollten, haben Staatssicherheit und Polizei uns drei Stunden lang festgehalten und so am Drehen gehindert. Wir saßen im Auto, und mehrere Polizeiwagen und schwarze Limousinen mit abgedunkelten Scheiben standen um uns herum. Am Ende wurden wir dann regelrecht aus der Stadt gejagt. Das war bedrückend, aber es gab auch schöne Erlebnisse.

-Sie haben früher für die Deutsche Welle aus Brüssel berichtet. Wollen Sie später mal wieder als Auslandskorrespondentin arbeiten?

Das könnte ich mir gut vorstellen, aber ein solcher Wechsel steht derzeit nicht an. Ich finde, dass die Arbeit fürs "heute journal" ein toller Job ist, und je länger man ihn macht, umso besser macht man ihn eigentlich. Denn man moderiert nach sieben Jahren auch gelassener als in den ersten sieben Monaten.

-Der Job ist auch mit viel Druck verbunden. Wie gehen Sie damit um?

Ganz am Anfang hatte ich Angst davor, was passiert, wenn ich prominent bin und nicht mehr unbeobachtet in Urlaub fahren kann. Oder dass ich von Kritikern zerrissen werde und wie ich damit dann umgehe. Aber es ist alles gar nicht so wild, ich bin von der Kritik eigentlich immer ziemlich gut behandelt worden und hatte das Glück, auch innerhalb meines Senders viel Anerkennung zu bekommen. Das stärkt einen ja auch. Außerdem bin ich jemand, der ein bisschen Druck auch braucht. Wenn bei einer Sendung alles durcheinander läuft, man improvisieren muss und der Adrenalinspiegel steigt, dann laufe ich eigentlich zur Hochform auf.

Das Gespräch führte Cornelia Wystrichowski.

Über Marietta Slomka

Geboren am 20. April 1969 in Köln, studierte Slomka in ihrer Heimatstadt und in Canterbury Volkswirtschaftslehre und volontierte anschließend bei der Deutschen Welle.

Im Jahr 1998 kam sie zum ZDF und arbeitete zunächst als Parlamentskorrespondentin in Bonn und in Berlin. Ihr Schwerpunkt war die Wirtschaftspolitik. Der Moderation von "heute nacht" (2000) folgte im Jahr 2001 der Sprung zum ZDF-"heute journal", wo sie Alexander Niemetz ablöste.

Slomka ist verheiratet mit dem RTL-Journalisten Christof Lang und lebt in Köln.

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