"Man hat mich das immer machen lassen"

Frankfurt/Main - Er akquirierte im Auftrag des Hessischen Rundfunks (HR) Gelder von Sportveranstaltern und Sponsoren zur Finanzierung von Sportsendungen - und wirtschaftete dabei auch in die eigene Tasche. Seit gestern muss sich Jürgen Emig, von 1987 bis 2004 Sportchef des Senders, deswegen vor dem Frankfurter Landgericht verantworten.

Zu Prozessbeginn räumte der 63-Jährige, der wegen Korruption und Betrugs angeklagt ist, Fehler ein. Zugleich wies er dem HR die Verantwortung dafür zu, dass er von Dritten im Millionenumfang Beiträge zur Finanzierung von Sportsendungen kassieren musste, weil das Budget des Senders nicht ausgereicht hätte. "Man hat mich das immer machen lassen", so Emig.

Die Zahlungen an sich waren nicht verboten, Emig kassierte laut Anklage aber gemeinsam mit seiner Ehefrau Atlanta Killinger daran mit. Außerdem soll er 525 000 Euro Schmiergelder erhalten haben, laut HR sogar 625 000. Mitangeklagt ist sein ehemaliger Geschäftspartner Harald Frahm. Der heute 64-Jährige hatte Anfang 2000 mit seinem Freund Emig die Agentur SMP gegründet. Über diese Firma zahlten Sportveranstalter und Sponsoren Geldsummen, um dem HR die Produktion von Sportsendungen über das knapp bemessene Senderbudget hinaus zu ermöglichen.

Laut Anklage wurden aber nicht alle Einnahmen an die Rundfunkanstalt weitergeleitet, und es flossen Schmiergelder. Die Verhandlungen mit den Vertragspartnern führte Emig eigenständig, der Sender erfuhr demnach nichts davon, dass Emigs Ehefrau stille Teilhaberin der SMP war. Das Stammkapital von 25 000 Euro wurde laut Anklage ausschließlich vom Ehepaar Emig aufgebracht, aber Frahm als alleiniger Anteilseigner eingetragen. Später seien fünfzig Prozent der Gesellschaftsanteile auf Emigs Ehefrau übertragen und die Gewinne zwischen Frahm und Altlanta Killinger geteilt worden. Killinger kassierte demnach jährlich Gewinnausschüttungen von 396 693 Euro.

"Natürlich war es ein Fehler, diese mittelbare Beteiligung. Das hätte man anders machen müssen", sagte Emig und räumte ein: "Es war mir schon klar, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen." Der Ex-Sportchef kritisierte aber auch, dass ihm mit einer "sehr undifferenzierten medialen Vorverurteilung alles in die Schuhe geschoben" werde. "Für mich war das nie ein System Emig, sondern ein System HR", betonte der Angeklagte. Unausgesprochen habe der Sender von ihm die Akquirierung der Fremdmittel erwartet und deswegen die Kosten des HR für einzelne Sendungen bereits extrem niedrig angesetzt. Seine Vorgesetzten hätten nicht genau über die Fremdmittel Bescheid wissen wollen, sagte Emig.

Der Ex-Sportchef des Hessischen Rundfunks

und das "System Emig"

"Jan Ullrich, die ARD ist Ihnen zu Dank verpflichtet", so Jürgen Emig im Jahr 1997 zum damaligen Tour de France-Sieger. Im Glanz Ullrichs, der in jenem Jahr als bisher einziger Deutscher das härteste Radrennen der Welt gewann, sonnte sich auch der stets jovial auftretende Reporter.

Der Ex-Sportchef des Hessischen Rundfunks (HR) hatte früh erkannt, wie nach Tennis und Boxen auch der Radsport zu einem nationalen Medienereignis gemacht werden kann. So war es nicht weit zum "System Emig". Auch sogenannte Randsportarten sollten im Fernsehen zu sehen sein - wenn sie sich an der Produktion der Sendungen finanziell beteiligen. Das System der "Beistellungen" war geboren, mit dem Emig auch zur damaligen Freude des HR dem Sender viel Geld eintrieb. Niemandem fiel auf, dass Emig dabei einen Teil der Gelder in die eigene Tasche wirtschaftete.

Emig, aus Kaiserslautern stammend, war zunächst Lehrer und arbeitete dann als Sportreporter für den Saarländischen Rundfunk (SR), bevor er 1987 zum mächtigen Sportchef des HR aufstieg. Die HR-Sportmitarbeiterin Atlanta Killinger wurde nicht nur Emigs Ehefrau, sondern mit der von ihr gegründeten Agentur zur Geschäftspartnerin ihres Mannes bei der Abwicklung der "Beistellungen".

Als der frühere HR-Intendant Klaus Berg dieses Gebaren untersagte, gründete Emig mit seinem Freund Harald Frahm - dem Präsidenten des Deutschen Tanzportbundes - die Agentur SMP. Als "Strohfirma", um weiter Gelder abzuzweigen, wie die Staatsanwaltschaft vermutet. Erst 2004 kamen die Ermittlungen ins Rollen. Emig musste als Sportchef gehen. Der fristlosen Kündigung folgte die Untersuchungshaft. Er fühle sich als "Kleinkrimineller" gedemütigt, sagte Emig verbittert vor zwei Jahren im Prozess vor dem Arbeitsgericht. Schließlich habe er als Vermittler dem HR und der ARD rund 20 Millionen Euro in die Kassen gespült. "Es wird der Tag kommen, an dem ich das alles beziffern kann."

Thomas Maier

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