Manche sind psychiatrische Fälle

- Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der "Notizen aus der Provinz" mit Dieter Hildebrandt leistet sich das ZDF wieder politisches Kabarett. "Neues aus der Anstalt" heißt die Reihe, für die der Mainzer Sender "Eigengewächs" Urban Priol (45) -­ er präsentiert bereits "Alles muss raus" beim Kulturkanal 3 sat ­ sowie Georg Schramm (57) gewinnen konnte.

Letzterer gehörte bis zum Mai vergangenen Jahres dem "Scheibenwischer"-Team in der ARD an. Unter den Gästen der Premierensendung ist übrigens auch -­ Dieter Hildebrandt.

Sie und Urban Priol sind absolute Stars Ihres Metiers mit großer Fernseherfahrung. Haben Sie sich schon zusammengerauft?

Georg Schramm: Zusammengerauft im Sinne von auf der Bühne ausprobiert, wie‘s da funktioniert ­ ja. Wir haben auf Urban Priols Bühne, dem Hofgartentheater in Aschaffenburg, einen Abend gemeinsam absolviert, bei dem wir die Dialoge improvisiert haben. Und zum Erstaunen vieler Zuschauer und von Leuten, die uns kennen, haben wir einander nicht die Butter vom Brot genommen, sondern sie uns geradezu gegenseitig aufs Brot gestrichen. Und politisch haben wir nicht lange diskutieren müssen, da kennen wir unsere bevorzugten Abneigungen. Die passen ganz gut zusammen.

Hätten Sie das Angebot des ZDF auch angenommen, wenn Sie die Sendung zu dritt hätten machen sollen?

Schramm: Drei sind immer zwei gegen einen. Aber wenn es ein Konzept dazu gegeben hätte und wir hätten einen Dritten auf Anhieb gewusst, wäre das vielleicht auch gegangen. Aber nun führen wir zu zweit durch die Sendung, wir konzipieren sie gemeinsam, und dadurch haben wir natürlich auch die Möglichkeit, mehr Kollegen auszuprobieren. Es kann also durchaus sein, dass wir im Laufe der Zeit jemand finden, von dem wir sagen: Der sollte öfter kommen.

Apropos zwei gegen einen ­- Sie sind im vergangenen Jahr im Streit aus dem "Scheibenwischer"-Trio geschieden. Empfinden Sie auch so etwas wie Genugtuung, dass Sie den alten Kollegen jetzt auf dem anderen Kanal Konkurrenz machen können?

Schramm: Genugtuung empfinde ich, wenn ich sehe, dass einige der Vorschläge, die ich damals gemacht habe, jetzt im "Scheibenwischer" verwirklicht werden. So falsch können also meine Überlegungen nicht gewesen sein. Aber ­ ich sehe unsere Sendung überhaupt nicht als Konkurrenz. Sowohl die ARD als auch das ZDF hätten eine politische Kabarettsendung lieber vierzehntäglich gehabt. Und das wollte keiner von uns im "Scheibenwischer" ­ und Urban Priol und ich im ZDF jetzt auch nicht, weil das von Kabarettisten, die ihre Texte selbst schreiben und auch noch auf Tournee gehen, nicht leistbar ist. Jetzt haben die Zuschauer, was sich auch die Sender gewünscht haben, nämlich alle zwei Wochen politisches Kabarett im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Es war auch immer für alle klar, dass wir die Sendung so legen, dass wir nicht gegeneinander antreten...

Viele kennen Sie vor allem als zornigen Rentner Lothar Dombrowski und als Oberstleutnant Sanftleben. Wird man Sie auch in anderen Rollen zu sehen bekommen oder gar einen ganz ungeschminkten Georg Schramm erleben?

Schramm: Zunächst müssen wir uns in das Konzept hineinfinden. Und da sind die Figuren Sanftleben und Dombrowski die sichersten. Sobald wir Tritt gefasst haben, werden wir sicher darüber nachdenken, ob es für uns nicht auch noch andere Rollen gibt. Ich könnte mir für mich beispielsweise einen Pharmareferenten vorstellen. Aber das überlassen wir dem Gang der Dinge.

Der Schauplatz Ihrer Sendung ist eine fiktive psychiatrische Tagesklinik. Die Verrückten darin sind vermutlich nicht die Kabarettisten...

Schramm: Das weiß man allerdings nie so genau...

...sondern die Politiker.

Schramm: Der Übergang vom alltäglichen Irrsinn zum Psychopathologischen ist fließend. Manche sind nach strengen Kriterien eigentlich schon psychiatrische Fälle, dürfen aber weitermachen, weil sie in hohen Positionen sind. Edmund Stoiber beispielsweise wäre als normaler Angestellter vielleicht schon längst zum Betriebsarzt bestellt worden. Vielleicht hätte man ihn dann auch schon früher in Kur geschickt. Je weniger herausgehoben die Position, desto strenger wird man beäugt. Und es gibt bestimmt eine Menge Chefs, die ihren Wahnsinn nur ausleben können, weil sie Chefs sind.

Wenn die Politiker die Verrückten sind...

Schramm: Bei einigen muss man den dringenden Verdacht haben...

...dann müsste Ihre Klinik doch bald wegen Überfüllung geschlossen werden.

Schramm: Dafür ist es ja eine Tagesklinik. Die dürfen da rein und wieder raus. Und wir würden sie auch gar nicht gerne behalten wollen, weil das den Unterhaltungswert mindert.

Ist die derzeit regierende Große Koalition ein besonders dankbares Opfer fürs Kabarett?

Schramm: Ja. Und zwar deshalb, weil die Menschen große Hoffnungen in diese Koalition gesetzt haben. Und diese Hoffnungen -­ man sieht‘s an der missratenen Gesundheitsreform ­- sind in die Brüche gegangen. Darüber sind viele wirklich erschüttert. Das Ansehen der politischen Klasse insgesamt ist am Boden. Das ist fürs Kabarett ein bestelltes Feld.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

ZDF, heute, um 22.15 Uhr.

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