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Schlagersänger Matthias Reim beim Interview-Termin in München.

Matthias Reim wollte nicht ins Dschungelcamp: "Bin kein Kasper"

München - Der Schlagersänger Matthias Reim (53) über seine Autobiografie „Verdammt, ich leb noch“ - und einen Anruf der Dschungelcamp-Macher:

Matthias Reim weiß noch genau, an welchem Tag er die Idee zu dem Lied hatte, das sein Leben umkrempeln sollte. „Es war am 25. November 1989, ein Tag vor meinem Geburtstag. Ich hatte eine ganze Platte produziert und genau an dem Tag teilte mir die Plattenfirma mit, dass sie nicht veröffentlicht werden würde. Schlager wäre out und immer dieses verdammte ,Ich liebe Dich, ich liebe Dich nicht‘ – das könne niemand mehr hören. Dieser Satz blieb hängen und ich suchte nach einer Melodie. Sechs Stunden später war das Lied im Kasten. Ich wusste sofort, dass das ein Hit wird.“

Lesen Sie auch: Was ist am Dschungelcamp eigentlich live?

Matthias Reim bietet das Lied anderen Sängern an, alle winken ab. Der deutsche Schlager ist tot. Eher aus Verzweiflung singt er es selbst und dann geschieht im Sommer 1990 etwas, was laut den Mächtigen der Musikbranche gar nicht geschehen darf: Ein deutscher Schlager landet auf Platz 1 der Hitparade und bleibt da unfassbare vier Monate. Am Ende wird „Verdammt, ich lieb Dich“ mit weit über zwei Millionen verkauften Exemplaren zur erfolgreichsten Single der 90er-Jahre und Matthias Reim ein neues Feindbild für das Feuilleton. Ein Typ in Jeanskluft, mit Cowboystiefeln und blonden Strähnchen in der Vokuhila-Fußballer-Standardfrisur hat gerade noch gefehlt.

Reim bleibt aber erfolgreich, trotz der Häme verkauft er Millionen Platten. Und meldet eines Tages Insolvenz an – das verdiente Geld, ein wahnsinniges Vermögen, ist futsch. „Ich weiß, es klingt unglaublich, vor allem, wenn man ein Beamtensohn aus einer Kleinstadt ist. Man hatte mir beigebracht: Verprasse das Geld nicht, leg es an. Und das war der Fehler. Ich habe von Geldanlage keine Ahnung, ich bin Musiker. Also habe ich jemandem mein Geld anvertraut und das war eigentlich schon der vorprogrammierte Weg in den Untergang.“

Schon 1990 hatte er seinem damaligen Manager eine Generalvollmacht ausgestellt und damit sein Geld aus der Hand gegeben. Erst seit April 2010 ist Reim wieder ein „freier Mann“ wie er sagt, also schuldenfrei. Wenn man den heute 53-Jährigen über seinen tiefen Fall und Existenzängste, das Musikgeschäft, Scham und Lebensmut sprechen hört, passiert etwas Merkwürdiges: Man beginnt, diesen Mann, der aussieht wie ein Gebrauchtwagenhändler im Ruhrpott, sympathisch zu finden. Auch wenn er den fröhlichen Proleten gibt, ist er wohl schlauer als viele Kollegen – und vor allem dankbarer. Für seine Karriere, seinen Über-Hit, selbst für die Pleite ist er dankbar: „Wäre mir das nicht passiert, wäre ich heute nicht mehr hier. Ich hätte das Geld, aber nicht die Musik und das Publikum.“

Über seine eigenwillige Karriere hat Matthias Reim nun ein Buch geschrieben, wenig originell ist es „Verdammt, ich leb noch“ betitelt. Anders als andere Popstars verzichtet er dabei auf rachsüchtige Beleidigungen von Kollegen oder das Ausbreiten peinlicher Sex-Eskapaden. „Macht man nicht“ erklärt Reim auf Nachfrage, so kurz wie resolut.

Der Mann hat Prinzipien, das muss man ihm lassen. Deswegen hat man ihn auch nie in Dschungelcamps oder beim perfekten Promidinner gesehen. „So doof bin ich dann auch wieder nicht. Die vom Dschungelcamp haben mich angerufen und utopische Summen angeboten, aber ich habe abgelehnt, auch wenn es mir schlecht ging. Ich bin Musiker und kein Kasper. Wenn Du bei einer inszenierten Schweineshow den Doofen machst, das kann nur nach hinten losgehen. Kann sein, dass man über meine Dummheit gelacht hat, so viel Geld versenkt zu haben, aber die Menschen haben Achtung davor, dass ich es überlebt habe. Und diese Achtung verspiele ich für kein Geld der Welt.“

Reim ist stolz darauf, immer noch da zu sein, Hallen zu füllen, Platten in den Charts zu haben, das merkt man ihm an. Dass man ihn als „Schlagerfuzzi“ abgetan hat, nimmt er hin. Seine Texte sind nicht für die Literaturgeschichte geschrieben, aber sie funktionieren, sie erreichen die Menschen, findet er und fügt noch an, dass er den Vergleich mit den Texten von jungen deutschen Bands wie Juli oder Silbermond nicht scheue. Da mag mancher zusammenzucken, aber wenn man ein wenig darüber nachdenkt, fällt einem nicht übertrieben viel ein, um die Lyrik der genannten Bands zu verteidigen.

Reim leistet sich den Luxus des klaren Wortes, das Privileg eines Wiedergeborenen. Das schließt seine eigenen Leistungen ein. „Meine erste Tournee war so schlecht, da schäme ich mich heute noch dafür.“ Und weil man ihn in der Branche ohnehin für einen Außenseiter hält, hat er eine gesunde Distanz zum aktuellen Treiben und den neuen Sternen am Pophimmel, etwa unser aller Lena. „Da schafft ein junges Mädel einen legendären Erfolg und könnte sich ihr ganzes Leben darüber freuen. Und die wird jetzt zur Schlachtbank geführt. Sie hat beim nächsten Grand Prix keine Chance, ihre Tournee ist eine Katastrophe – da ist keiner, der ihr sagt: ,Mach deine Platten und genieße es. Du hast erreicht, was man erreichen kann mit so einem Stimmchen.‘ Das ist die Vernichtung eines Lebens. Menschlich eine Tragödie.“

Es klingt nicht wie das Nörgeln eines alten Besserwissers, eher nach abgeklärtem Mitleid. Reim weiß schließlich wovon er redet. Auch nach zwei Jahrzehnten immer wieder auf dieses eine Lied reduziert zu werden, findet er folgerichtig nicht so schlimm. „Wenn man nach 20 Jahren immer noch präsent ist und Erfolg hat, gibt es keinen Grund, sich zu beschweren.“ Überleben und im Geschäft bleiben, das ist die Devise, so wie es die beiden gegensätzlichen persönlichen Helden von Matthias Reim vorgemacht haben: „Ozzy Osbourne und Udo Jürgens, das sind Idole.“

Infos zum Buch Matthias Reim: „Verdammt, ich leb noch.“ Südwest Verlag, 160 Seiten; 14,99 Euro.

Zoran Gojic

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