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„Ich bin sehr stolz auf sie“: Miroslav Nemec und seine Frau Katrin, Trägerin des Nachwuchspreises beim Bayerischen Fernsehpreis.

Interview

„Mein Genuss ist das Jetzt und Hier!“

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Miroslav Nemec (62) steckt sich eine Zigarre an. Wir trafen ihn, seine Frau, die Dokumentarfilmerin Katrin Nemec und die gemeinsame Tochter Mila (5) im Hafen von Portopiccolo am Golf von Triest – in unmittelbarer Nachbarschaft von Nemec’ Heimatland Kroatien. Die kleine Familie war mit Kollegen auf Genussreise bei der Eventreihe „Carlos André Cooking for Friends“ und machte Urlaub im eigenen Haus in Kroatien, bevor es wieder nach München ging, wo Katrin Nemec am Freitag mit dem Nachwuchspreis des Bayerischen Fernsehpreises geehrt wurde (wir berichteten). Bei einem Glaserl und italienischen Spezialitäten im Falisia Resort & Spa plauderte der beliebte „Tatort“-Kommissar mit uns offen über seine Kindheit bei Adoptiveltern in Freilassing, seine Arbeit und darüber, was nach dem Leben kommt.

Im vorletzten „Tatort“ hast Du uns ja ein trübes Bild von Dir, also dem Ivo Batic, vermittelt – in der Krise mit Deinem Kollegen, angeschossen im Krankenhaus... Im gestrigen ging es dann wieder um Liebesdinge. Macht Dir die Melancholie und emotionale Tiefe mehr Spaß bei der Arbeit – oder lieber doch die Leichtigkeit?

Miroslav Nemec: Weißt Du, ich bin jemand, der die Leute unterhalten möchte, und mit Schmerzen unterhält man sie nicht so gut wie mit Humor und lustigeren Geschichten, gerade in einer Zeit, wo vieles aus dem Ruder läuft. Es passieren so viele furchtbare Sachen, und das verleitet, diese Themen im „Tatort“ zu behandeln. Aber es gibt auch Zuschauer, die sich abends lieber ablenken als reinziehen lassen. Deshalb: Ich bin für Abwechslung! Was ja jetzt auch am Sonntag passiert ist.

Egal, in welchem Zustand, Ihr seid eines der beliebtesten Duos der Reihe...

Nemec: Ja, es ist schön, wie wir über die Jahre zusammengewachsen sind. Was die Zuschauer manchmal bemängeln, dass früher mehr Humor in unserem „Tatort“ war und dass die Themen schwermütiger geworden sind. Ich finde, man kann das schon mal machen, dass die beiden Protagonisten in eine Krise geraten. Jeder fragt sich doch irgendwann mal: Ist das der richtige Beruf für mich?

Bist Du mit Deinem Beruf schon mal in die Krise geraten?

Nemec: Nein, es war immer Leidenschaft. Bei mir fing ja alles mit der Musik an, und die ist bis heute Leidenschaft geblieben, und das Schauspiel ist zur Leidenschaft geworden. Ich wollte zunächst Pianist oder Rockmusiker werden. Was mich inzwischen sehr befriedigt, ist, dass ich so viel Verschiedenes machen kann: schreiben, lesen, musizieren und spielen – diese Vielfältigkeit beflügelt mich. Du, dieses Jahr habe ich 40-Jähriges!

Wie? Wann?

Nemec: Im Dezember! Ich glaube, es war der 7. 12. 1977 – mein erster Theaterauftritt in Köln, Faust II, eine Übernahme, Regie Hansgünther Heyme.

Und wie willst Du Dein Jubiläum zelebrieren?

Nemec: Udo Wachtveitl und ich machen wieder die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens – im Dezember haben wir 22 oder 23 Auftritte, da vergesse ich wahrscheinlich den 7. Dezember. (Lacht.)

Töchterchen Mila (5) macht sich im Hintergrund bemerkbar, Nemec spricht sie auf Kroatisch an.) Ich rede immer Kroatisch mit ihr und sie antwortet auf Deutsch. Wenn wir in Kroatien sind, hat sie auch schon Worte, um mit den Nachbarn oder Kindern Kontakt aufzunehmen.

Wir sind hier am Golf von Triest – ganz in der Nähe Deiner ursprünglichen Heimat. Wie unterscheidet sich das italienische Lebensgefühl vom kroatischen?

Nemec: Das Flair an der italienischen Küste im Vergleich zur istrischen oder dalmatinischen Küste unterscheidet sich nicht sehr. Die Leute sind sich in ihrem Naturell recht ähnlich, was das Laissez-fair und das Dolcefarniente angeht.

Hast Du das auch, sich einfach gehen lassen...?

Nemec: Nein, ich habe ja in Deutschland gelernt. (Lacht.)

Für ihre Disziplin sind die Deutschen berühmt...

Nemec: Ja, ich hab’ die Disziplin, das ist richtig. Und ebenso hatte ich den Willen voranzukommen. Ich wollt’ mich aus diesen kleinen Verhältnissen lösen. Dazu muss man zielstrebig sein, willensstark, fleißig, diszipliniert eben. Das war durchaus eine Tugend, als ich in Deutschland ankam.

Du bist als Zwölfjähriger nach Bayern gekommen und hast Dir gleich die deutsche Tugend zum Vorbild gemacht?

Nemec: Ja, ich fand das gut. Meine Adoptiveltern hatten eine kleine Firma, Modelleisenbahn- und Kleinstprofilbau. Sie haben rund um die Uhr gearbeitet, auch am Wochenende. Sonntag war natürlich Kirche angesagt, und dann hat man es sich auch mal geleistet, nach Anif zum Friesacher zum Essen zu gehen.

Warst Du mit Deinen Adoptiveltern glücklich?

Nemec: Ja! Die waren halt zwei Generationen älter, hatten keine Kinder, deswegen wollten sie für mich etwas tun und mich aufnehmen. Sie hatten schon meine Mutter, deren Mutter früh starb, erzogen; so gab’s von meiner Mutter eine Art Verpflichtung, dass sie ihnen auch das Enkelkind gibt und dass  sie  etwas für mich schaffen. Mein leiblicher Vater war nicht begeistert. Der meinte, ich könnte auch in Kroatien zu etwas kommen. Was nicht wirklich zugetroffen hätte. Es war besser, dass ich weg bin.

Und der Verlust Deiner kroatischen Heimat, Deiner leiblichen Eltern hat Dir nichts ausgemacht?

Nemec: Doch, klar. Das war die emotionale Seite. Die andere die materielle. Inzwischen sind aber die Deutschen auch sehr viel lebensfreudiger, dafür ist es mit dem Arbeiten weniger geworden. (Lacht.) Durch die vielen Gastarbeiter und Einwanderer und das Reisen haben sich die Deutschen eine gewisse Lebensqualitat geschaffen – auch im genießerischen Sinn. Früher war das schon eher karg und eng – auch kulinarisch.

Du hast nie gehadert, dass Du nicht in Kroatien aufgewachsen bist?

Nemec: Nein, das war völlig in Ordnung. Ich habe aus beiden Lebensweisen das Beste gezogen. In Kroatien war’s das Familiäre, Fröhliche, das Singen und Feiern und in Deutschland die Maloche, das Arbeiten, die Disziplin. Fur mich geht heute beides zusammen.

Was bedeutet für Dich Genuss?

Nemec: Genuss hat erst einmal nichts mit Geld zu tun. Genuss ist, da drüben auf der Mauer zu sitzen, aufs Meer und die Boote zu schauen, die Luft zu riechen, die Wolken zu beobachten. Genuss kann überall sein, und das heißt auch, nicht darauf zu warten, ihn erst später, beim Essen oder am Abend zu haben. Es geht um das Sein im Jetzt und Hier, den Weg als Ziel. Wenn wir jetzt hier beim Interview sitzen, ist es ja Lebenszeit und insofern muss man das ebenfalls irgendwie genießen. Ich denke auch, dass man sich anders mitteilt, wenn man versucht, diese Zeit als Lebenszeit zu begreifen.

Auch Fernsehen ist Lebenszeit. Schaust Du gern?

Nemec: Ich hab mir gern diese US-Serien angeschaut – „Breaking Bad“ oder „True Detective“. Katrin und ich schauen ganz gern Boxkämpfe an oder gute Dokus und Berichte über Länder, auch Tiergeschichten. Man sollte sich das anschauen, auf was man Lust hat. Wir schauen auch Dokus, die harter Tobak sind. Katrin interessiert sich für das Menschliche, nicht das Konventionelle, die Abgründe eher.

Deine Frau dreht selbst Dokumentarfilme – und wurde jetzt beim Bayerischen Fernsehpreis geehrt. Ihr Film „Vom Lieben und Sterben“ erzählt über den Gitarristen Robert Wolf, der nach einem Autounfall vom Hals abwärts gelähmt ist und in der Schweiz sterben will...

Nemec: Sie hat ihn sechs Jahre lang begleitet. Ich habe ihn und seine Frau auch kennengelernt. Da kommt man an Grenzen, wo man denkt, wenn einem so etwas passiert, ich möcht’s mir nicht vorstellen. Ich freu’ mich sehr für meine Frau, ich bin sehr stolz auf sie.

Macht ihr das was aus, dass Du als „Tatort“-Kommissar meistens im Vordergrund stehst?

Nemec: Nein. Wir sind jetzt seit 17 Jahren zusammen und sie kennt’s gar nicht anders. Sie macht ihre Sachen, und sie mag auch gar nicht so gerne in der Öffentlichkeit stehen, außer mit ihrer eigenen Arbeit. Sie ist mehr hinter der Kamera – mit Recherchieren und Erzählen von Inhalten.

Dann sind Tod und Vergänglichkeit nicht nur Themen im „Tatort“, sondern auch bei Euch daheim?

Nemec: Natürlich! Das ist sowieso immer ein Thema. Auch für mich immer schon gewesen, unabhängig von Katrin, die sich mit diesen Dingen sehr stark beschäftigt. Der plötzliche Tod meines Freundes Erich Hallhuber hat sie damals sehr mitgenommen – und das war schon ein Auslöser für solche Themen.

Macht es Dir Angst – das Ende?

Nemec: Eigentlich nicht. Ich glaube halt an keine Wiedergeburt, nicht an Himmel und Hölle und dass man sich später wieder trifft oder als Hase auf die Welt kommt.

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