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„Wir dürfen unsere Geschichte nicht verdrängen“: Film- und Fernsehproduzent Nico Hofmann.

Interview mit Nico Hofmann

„Meine Filme emotionalisieren“

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Deutschlands größter Film- und Fernsehproduzent Nico Hofmann hat ein Buch geschrieben, das mehr ist als eine Zwischenbilanz seines Lebens und Werks. Es ist auch ein Appell gegen die Geschichtsvergessenheit.  

München - Nur wer sich mit sich selbst auseinandergesetzt hat, kann sich souverän auch mit anderen auseinandersetzen. So formuliert es Ufa-Chef Nico Hofmann sinngemäß in seiner Autobiografie „Mehr Haltung, bitte!“ Der 58-Jährige weiß, wovon er spricht, er schuf eine Vielzahl kontrovers diskutierter Filme und Mehrteiler, die sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen – von „Unsere Mütter, unsere Väter“ über junge Deutsche im Krieg bis zu „Der Turm“ über die späten Jahre der DDR.

Sie haben „Dresden“ produziert, „Die Flucht“, „Der Tunnel“ und „Mogadischu“ – alles Filme über Fixpunkte der deutschen Geschichte. Fühlen Sie sich als „Geschichtslehrer der Nation“?

Nico Hofmann: Dieser Eindruck ist vielleicht entstanden durch die intensive Beschäftigung mit unserer jüngeren Geschichte, insbesondere mit der des „Dritten Reichs“. Was wiederum durch die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Familiengeschichte begründet ist. Da haben wir in der Tat einiges an Filmen produziert. Aber der Titel „Geschichtslehrer der Nation“ gebührt eher Guido Knopp.

Deutsche Filme über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg gab es ja vorher auch schon – beispielsweise „Die Brücke“, „Das Boot“ oder „Stalingrad“. Wo sehen Sie den Unterschied zu Ihrem Werk?

Hofmann: Ich glaube, der Unterschied besteht darin, dass sich die Erzählhaltung verändert hat. Meine Filme sind direkter, sie emotionalisieren stärker. Hinzu kommt, dass Filme wie „Dresden“ oder „Die Flucht“, die mit die größten Publikumserfolge waren, Tabuthemen behandeln. Es gab vorher nichts Fiktionales über die Bombardierung Dresdens oder das Schicksal der Deutschen in den ehemaligen Ostgebieten. Entsprechend heftig waren die Reaktionen.

War die Zeit reif, die Deutschen auch einmal als Opfer zu zeigen?

Hofmann: Die Absicht von „Dresden“ war nicht, die Deutschen als Opfer darzustellen, es geht auch um einen amerikanischen Flugzeugpiloten, der abgeschossen wird. Ich wollte nie eine Rechnung aufmachen. Mich hat an „Dresden“ interessiert, diese totale Apokalypse zu zeigen und was sie in Menschen anrichtet. Auch das hängt wieder mit meiner Geschichte zusammen. Meine Mutter hat die Zerstörung Mannheims miterlebt. Mit Opferrolle hat das nichts zu tun. Ich bin ganz klar der Meinung, dass wir ein Tätervolk sind, und dabei bleibe ich auch.

„Tätervolk“ – ein Begriff, der viele erzürnt. In AfD-Kreisen spricht man vom „Schuldkult“. Warum, glauben Sie, scheint Deutschland immer noch – oder schon wieder – ein so emotionsgeladenes Verhältnis zu seiner Vergangenheit zu haben?

Hofmann: Ich sehe das ganz nüchtern. Und ich denke, dass wir unsere Vergangenheit zu einem großen Teil sehr gut aufgearbeitet haben. Ich halte es für wichtig, mit unserer Geschichte bewusst umzugehen und sie nicht zu verdrängen. Je konsequenter wir uns damit beschäftigen, desto besser können wir uns mit dem heutigen Deutschland identifizieren.

Eines Ihrer zentralen Werke ist „Unsere Mütter, unsere Väter“. Ein Dreiteiler, der am Beispiel von fünf jungen Frauen und Männern exemplarisch Schicksale im Zweiten Weltkrieg erzählt und eine enorme Resonanz erzielt hat. Haben Sie mit dieser Vehemenz der Reaktionen gerechnet?

Hofmann: Ich habe mit kontroversen Diskussionen gerechnet, aber natürlich nicht damit, dass wir bis zum heutigen Tag in Polen einen Rechtsstreit führen(über die Darstellung des polnischen Widerstands im Film, d. Red.). Viele in Deutschland haben sehr positiv auf die Ausstrahlung reagiert. Dass sich viele wegen „Unsere Mütter, unsere Väter“ zum ersten Mal mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt haben, hat mich sehr gefreut und auch ein bisschen stolz gemacht.

Viele Ihrer Filme waren Straßenfeger, nun werden immer mehr hochwertige Serien für Streamingdienste produziert, die dann im frei empfangbaren Fernsehen nur zweitverwertet werden. Ist das die Zukunft des Fernsehens – Teures bei Netflix und nur noch billige Massenware bei den klassischen Sendern?

Hofmann: Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Wir haben im linearen Fernsehen nach wie vor gigantische Erfolge mit Premiumprodukten. Nehmen Sie „Ku’damm 59“, das hatte im ZDF im Schnitt knapp sechs Millionen Zuschauer, dazu kamen jeweils 1,6 bis 1,8 Millionen Abrufe in der Mediathek. Das sind die höchsten Zahlen seit Bestehen dieses Angebots! Wenn ein Programm stark ist, wird es in den Öffentlich-Rechtlichen genauso wahrgenommen wie bei den Streamingdiensten. Neu ist, dass immer mehr Zuschauer nicht mehr nach der Programmzeitschrift einschalten, sondern wenn sie Zeit und Lust haben. Das ist die Veränderung. Ich glaube, dass es in Zukunft noch mehr Kooperationen zwischen Streamingdiensten und klassischen Sendern geben wird. Am Ende zählt allein, wie sich ein großes Projekt finanzieren lässt. Das lineare Fernsehen stirbt nicht aus.

Aber kann das, was schon bei Streamingdiensten lief und dort viel gesehen wurde, noch hohe Quoten im frei empfangbaren Fernsehen haben? Es ist ja nicht mehr exklusiv…

Hofmann: Im Moment ist es ja noch umgekehrt. Netflix beispielsweise kauft systematisch erfolgreiche Fernsehproduktionen ein. Ein großer Teil des Angebots dort besteht aus Programmen, die längst bei ARD und ZDF gelaufen sind.

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