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„Es gibt viele Szenen und Schauspieler, die mich tief beeindruckt haben“: Maurice-Philip Remy, Autor des Drehbuchs zum ARD -Fernsehfilm „Mogadischu".

Von Menschen, die ihre Pflicht tun

Maurice-Philip Remy über sein Drehbuch zu „Mogadischu“ und seine Recherchen zur Entführung der „Landshut“

Auf dem Höhepunkt des „Deutschen Herbstes“ kapert ein palästinensisches Terrorkommando einen deutschen Urlauberjet. Der Beginn eines mehrtägigen Nervenkrieges – mit glücklichem Ausgang. Erstmals rekonstruiert ein Fernsehfilm die Ereignisse vom Oktober des Jahres 1977 vollständig. Mit hochkarätigen Darstellern – unter anderen Thomas Kretschmann, Nadja Uhl, Simon Verhoeven, Christian Berkel und Jürgen Tarrach – drehte Roland Suso Richter „ Mogadischu “, zu sehen am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten. Das Drehbuch schrieb der Münchner Dokumentarfilmer Maurice-Philip Remy („Holokaust“, „Offiziere gegen Hitler“).

-Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Entführung der „Landshut“ vor mehr als 30 Jahren. Was fasziniert Sie so an diesem Ereignis?

Das, was in Mogadischu geschah, steht für einen der ganz seltenen Momente der Nachkriegsgeschichte, an dem in Deutschland so etwas wie ein großes, patriotisches Glücksgefühl aufkam. Die Befreiung der Geiseln – bei aller Trauer über den Mord am Kapitän der „Landshut“ und an dem wenig später an Hanns-Martin Schleyer – zeigt: Die Demokratie hatte sich wehrhaft gezeigt, den staatlichen Organen war es gelungen, im Rahmen der Gesetze eines Rechtsstaats auf eine große Bedrohung erfolgreich zu reagieren.

-Ihr Film ist auch eine Art Rehabilitation Jürgen Schumanns, über dessen Verhalten bei der Zwischenlandung in Aden viel spekuliert wurde. Zum Beispiel dass er versucht habe, sich abzusetzen. Ihr Film widerlegt das ganz klar...

Das war nicht das primäre Ziel meiner Recherchen. Mich hat stets die ganze Geschichte interessiert. Aber dann kristallisierte sich im Lauf der Zeit heraus, dass da in der Person des Kapitäns ein Mann an Bord ist, der anders ist als die anderen, mutiger. Einer, der sich einsetzt für das Leben anderer, der Informationen herausschmuggelt, damit später die Erstürmung gelingen kann. Und genau dem sagte man nach, er habe versucht abzuhauen. Das passte nicht zusammen.

-Sie haben auch mit der Witwe Jürgen Schumanns gesprochen. Welche Erkenntnisse brachte das?

Das war ein schwieriger Prozess. Monika Schumann war getroffen und verärgert über das, was über die Rolle ihres Mannes verbreitet wurde. Sie selbst hatte niemals an ihrem Mann gezweifelt, sie kannte ihn und war sich sicher, dass er nicht vor der Verantwortung davonlaufen würde. Aber wie sollte sie das beweisen? Sie blieb auch uns gegenüber zunächst sehr misstrauisch, aber wir konnten sie schließlich davon überzeugen, dass wir es ernst meinen. Sie hat unsere Arbeit kritisch begleitet und war dann auch eine der Ersten, die den fertigen Film gesehen hat. Und da sah sie zum ersten Mal, ganz realistisch nachgestellt, wie ihr Mann erschossen wird. Das war furchtbar, nicht nur für sie selbst, sondern auch für alle anderen, die dabei saßen.

-Wie kooperativ waren die damaligen Opfer? Ist Ihnen nicht begegnet, dass viele nach all den Jahren gar nicht mehr darüber reden wollen – auch um sich selbst zu schützen?

Nein. Es waren fast alle bereit, mit uns zusammenzuarbeiten.

-Sie haben auch andere als die damaligen Opfer interviewt. Gab es Gesprächspartner, vor allem aus der arabischen Welt, die so etwas wie Sympathie für die Terroristen empfanden?

Sicherlich Bassam Abu Sharif, der sogenannte Pressesprecher der PLFP (Volksfront zur Befreiung Palästinas, Red.). Der hat sich mit feuchten Augen an den Anführer der Entführer, „Captain Mahmud“, erinnert und von ihm als einem „tapferen Mann“ gesprochen.

-Der Film zeigt, dass sich die Passagiere der „Landshut“ bis zuletzt in ihr Schicksal ergeben haben. Es gibt keine Hysterie, keinen Widerstand, nicht einmal dann, als das erste Ultimatum abläuft und alle wissen, dass sie möglicherweise nur noch wenige Sekunden zu leben haben.

Sie stellen sich die gleiche Frage, die auch ich mir gestellt habe. Was, wenn gleich am Anfang alle gemeinsam entschlossen Widerstand geleistet hätten? Zwei Faktoren erklären, warum sich die Menschen an Bord der „Landshut“ so verhalten haben. Zum einen verändert eine Pistole vor der Nase alles. Zum anderen hat der Anführer der Terroristen die Geiseln systematisch zermürbt. Mal ließ er zu, dass eine Torte in die Maschine gebracht und dass ein Geburtstagsständchen gesungen wurde. Dann wieder sollten einzelne Geiseln vor aller Augen hingerichtet werden. „Mahmud“ hat eine psychologisch durchdachte Show abgezogen, um den Willen der Passagiere zu brechen.

-Es gibt Details, die so unglaublich sind, dass man sich unwillkürlich fragt, ob sie nicht doch der Dramaturgie geschuldet sind. War beispielsweise tatsächlich eine Überlebende des Holocaust an Bord?

Ja, das stimmt. Wir haben die Frau bei unseren Recherchen auch ausfindig machen können.

-Und dann gibt es die Szene, in der GSG 9-Chef Ulrich Wegener einem jungen Kollegen seine eigene schusssichere Weste überlässt, weil es nicht genug Westen für alle gibt.

Ich muss zugeben, dass der späte Zeitpunkt der Übergabe der Weste im Film – kurz vor Beginn der Erstürmung – ein Zugeständnis an die Dramaturgie ist. Aber dass Wegener seine Weste einem Kollegen gibt, dem sie prompt das Leben rettet – auch das entspricht den Tatsachen.

-Sie haben das Drehbuch geschrieben. Hat Sie der Film, haben Sie die Darsteller trotzdem noch überraschen, Ihre Erwartungen übertreffen können?

Es gibt viele Szenen und Schauspieler, die mich tief beeindruckt haben. Said Taghmaoui, der den „Mahmud“ spielt, beispielsweise. Dieser Mann hat eine Präsenz, die einem den Atem raubt. Sehr beeindruckend fand ich auch Thomas Kretschmann in der Rolle des Jürgen Schumann. Oder auch Valerie Niehaus als junge Frau, die beinahe ermordet wird, weil die Entführer auf ihrem „Montblanc“-Füller einen Davidsstern zu erkennen glauben. Das ist unglaublich stark gespielt.

-Hat der Film – über die Rekonstruktion der realen Ereignisse hinaus – eine Botschaft?

Beim Begriff Botschaft in Zusammenhang mit einer künstlerischen Arbeit bin ich immer vorsichtig, weil so etwas oft überstrapaziert wird. Aber wenn, gibt es hier in der Tat eine ganz kleine Botschaft, und wenn die den einen oder anderen Zuschauer erreicht, würde mich das freuen. Dieser Film handelt von Menschen, die ihre Pflicht tun. Keine Helden, keine Siegfriede, sondern Menschen, die vor der Entscheidung stehen, das Richtige oder das Falsche zu tun. Mit allen entsetzlichen Folgen. Für mich – und hoffentlich für viele andere – sind das Vorbilder für verantwortungsvolles politisches und menschliches Handeln.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann

Die ARD zeigt ferner

um 22.45 Uhr „Mogadischu – die Dokumentation“, produziert ebenfalls von Maurice- Philip Remy. Mit dem Ereignis beschäftigt sich auch die Polittalkshow „Anne Will“ um 22 Uhr. Zum Thema „Terror in der Luft – Mogadischu und die Lehren“ diskutieren unter anderen Jürgen Vietor, damals Kopilot der „Landshut“, Diana Müll, damals Geisel, Gerhart Baum, damals Staatssekretär im Bundesinnenministerium, sowie der Journalist Peter Scholl-Latour.

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