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„Klar ging  mir am ersten Tag die Düse. Aber die Freude überwog.“

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Schluss als SOKO-Schauspieler! Guillaume im Interview

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München - Seit 25 Jahren steht Michel Guillaume bei der ZDF-Serie SOKO München vor der Kamera. Nun wechselt er die Rolle - und blickt zurück auf ein Vierteljahrhundert.

25-jähriges Dienstjubiläum – das schaffen nicht viele im Fernsehen. Michel Guillaume schon! Im kommenden Jahr ist es so weit. Der Münchner spielt dann seit einem Vierteljahrhundert in der ZDF-­Serie SOKO München den Ermittler Theo ­Renner – und nimmt den Geburtstag zum Anlass für eine Veränderung: Guillaume wird bald nicht mehr vor der Kamera stehen, sondern als Regisseur für die SOKO ­arbeiten. Uns erklärt er seine Gründe für die Entscheidung, blickt zurück auf die dramatischen ­Anfänge bei der SOKO und ­öffnet sein ganz privates ­Foto-Tagebuch.

Herr Guillaume, wie kamen Sie Anfang der 90er-Jahre zu der Rolle als Theo Renner?

Michel Guillaume: Ich habe damals viel als Synchronsprecher gearbeitet. Und immer, wenn ich für Aufnahmen im Studio stand, hatte ich eine VHS-Kassette mit Szenen von mir und einen Lebenslauf in der Tasche. Denn im selben Haus saß die Produktionsfirma der SOKO 5113. Irgendwann sagte mir eine Kollegin: Du, die suchen unten einen Kommissar. Und dann bin ich runtergegangen.

Einfach so?

Guillaume: Mehr oder weniger. Die Sekretärin wollte mich aufhalten, aber ich habe einfach die Tür des Produzenten Jochen Ludwig aufgestoßen, ihm meine Bänder in die Hand gedrückt und gesagt: „Ihr braucht nicht mehr suchen. Ich bin’s. Fertig.“ Dann sind wir essen gegangen, und am Ende hatte ich eine Serviette in der Hand – mein Vertrag.

Woher hatten Sie dieses Selbstbewusstsein?

Guillaume: Ich habe gedacht: Als Kommissar kann man auch nicht so mimimi daherkommen. Entweder man macht es groß oder man macht es gar nicht.

Warum wollten Sie die Rolle unbedingt haben?

Guillaume: SOKO war ein absolutes Riesending. Werner Kreindl, Olivia Pascal, Wilfried Klaus … Das waren Straßenfeger. Da wollte ich gerne dabei sein.

Was ist das Geheimnis des ­Erfolges?

„Das Team ist das wichtigste überhaupt. Da gibt es Kollegen, die sind auch schon so lange dabei wie ich, die sind mir ans Herz gewachsen. Die bekommen ja auch alles mit - Scheidungen, Krankheit, gute Zeiten “

Guillaume: Die SOKO ist ein Familienprogramm. Man kann sich um 18 Uhr zum Essen versammeln und gemeinsam schauen. Es ist nicht zu brutal, man muss den Kopf einschalten, kann aber trotzdem zwischendurch ein Bierchen holen und kommt schnell wieder ins Geschehen rein. Und, was uns Schauspieler besonders freut, Polizisten sagen: „Ja, das, was ihr da macht, ist realistisch. So läuft das bei der Polizei.“ Wir sind authentisch – das geht in vielen anderen Krimis flöten. Neulich sind in einem Tatort zwei einsame Ermittler in einem Rockerclub aufgeschlagen. Ich kenne jemanden bei den Bandidos. Der hat sich schlappgelacht und gemeint: Wenn bei uns eine Schießerei ist, kommt gleich ein SEK.

Gibt es eine Zeit aus den 25 Jahren, an die Sie sich besonders gern erinnern?

Guillaume: Die erste Zeit war schon super – und dramatisch. Denn eine Woche nachdem ich meinen Vertrag unterschrieben hatte, bin ich beim Bergsteigen abgestürzt. Milz verloren, eine Niere weg, linkes Bein abgetrennt. Ich war klinisch tot, lag sechs Wochen im Koma. Das war am 21. Juli 1992. Und am 9. Oktober sollte mein erster Drehtag sein.

Da haben Sie sich die „SOKO“-Karriere erst mal abgeschminkt, oder?

Das aktuelle München-Team: Amanda da Gloria, Gerd Silberbauer, Michel Guillaume und Bianca Hein (v. li.).

Guillaume: Ne. So bin ich nicht. Als ich aus dem Koma aufwachte, kam der Produzent und sagte: „Erster Drehtag: 9. Oktober.“ Das war meine Rettung. Ich hatte ein Ziel vor Augen und habe gekämpft wie ein Löwe. Bis heute bin ich Jochen Ludwig dankbar.

Haben Sie mit der Rolle mal gehadert?

Guillaume: Hadern würde ich nicht sagen, aber ich mache mir Gedanken darüber, ob nicht irgendwann alle Geschichten in so einer Serie mal erzählt sind.

Ist das der Grund, warum Sie die Rolle an den Nagel hängen?

Guillaume: Ja, auch. Ich sehne mich einfach nach neuen Herausforderungen. Ich spiele wahnsinnig gerne Theater, produziere demnächst einen Sechs-Millionen-Euro-Kinofilm und werde künftig als Regisseur für die ­SOKO München arbeiten. Darauf freue ich mich schon sehr.

Worauf haben Sie für 25 Jahre „SOKO“ verzichtet?

Guillaume: Gute Frage. Das ist immer so ein zweischneidiges Schwert. Viele Kollegen beneiden mich und sagen: „Man, du hast so ein Glück gehabt. 25 Jahre SOKO, das ist doch wie ein Sechser im Lotto.“ Das ist alles richtig.

Aber?

Guillaume: Aber ich habe auch zwei Ehen hinter mir. Ich habe gearbeitet wie ein Irrer und meine Kinder nicht aufwachsen sehen. Ich habe auf vieles verzichtet.

Werfen die Kinder Ihnen das heute vor?

Hier haben Hartmut Schreier und ich ein bisschen auf ,Miami Vice‘  gemacht. So was kann man mal machen, aber nicht zu oft. Der Zuschauer will seine gute alte SOKO und nicht einen US-Serien-Verschnitt

Guillaume: Meine Tochter, die heute 23 Jahre alt ist, schon, ja. Mein Sohn ist zwölf, der weniger. Aber wenn ich mich mit meiner Tochter unterhalte, überlege ich schon – war es das alles wert? Und: Wo will ich in Zukunft hin? Ein bisschen mehr leben wäre schön.

Was würde Sie beruflich – ­außer der Regie – noch reizen?

Guillaume: Wenn mir jemand eine Rolle als Tatort-Kommissars anbieten würde, würde ich sagen: „Cool, das ist zwar wieder ein Polizist, aber eine neue ­Herausforderung.“

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