Mittelmaß und etwas Markenware

München - "Vox": Als anspruchsvolle Alternative vor 15 Jahren gestartet, stand der Sender rasch vor der Insolvenz, prägt aber heute die Konkurrenzprogramme - vor allem mit Dokusoaps. Am Wochenende beginnen mal wieder zwei neue.

Wenn es einen Fernsehtrend vergangener Jahre gibt, dann den, in die Privatsphären der Republik zu filmen. Reality-TV heißt das Erfolgskonzept. Im Grunde sind Serienstarts wie "Der Hundeprofi" (Samstag, 19.15 Uhr) oder "Liebe mich und meine Kinder" (Sonntag, 18.15 Uhr) also keiner Notiz wert. Zwei Doku-soaps mehr, die in Käfige und Herzen, auf Esstische und Tränendrüsen, unter Teppiche und Motorhauben blicken. Und dennoch: Wenn der Schwestersender des großen Bruders RTL etwas in die TV-Welt bläst, ist Aufmerksamkeit vonnöten. Deutschlands Koch-, Tier- und Reisekanal schlechthin hat schon so manchen Trend gesetzt.

Nicht nur deshalb ist seine Historie eine der bemerkenswertesten im Fernsehland. Und das sagt eine Menge über beide aus. Historisch war indes weniger der 25. Januar 1993 von Belang, dem Sendebeginn, sondern der folgende Herbst. Gestartet als Mittelweg zwischen privater Verflachung und öffentlich-rechtlichem Trott, krempelte der "Ereignissender" im Quotentief nach wenigen Monaten seine Programmstruktur um. Der Markt für Angebotsvielfalt im anspruchsvollen Segment schien gesättigt, und so ersetzte Vox den ehrgeizigen Mix aus Serien, News und Magazinen durch Kommerzware, die Senderchef Ruprecht Eser doch eigentlich überwinden wollte.

Der renommierte Politjournalist ging entnervt, in der Folge waren es an der Seite kreativer Köpfe wie Dieter Moor oder Wiebke Bruhns zusehends Leute à la Lilo Wanders und ein rasant schrumpfender Stab überarbeiteter Amateure, die den Platz zwischen Eigenreklame und Spielfilmschleifen leidlich füllten. Vox wankte, Werbepartner blieben aus, alle Anteilseigner suchten bald das Weite, der Marktanteil sank gegen null, es roch nach Insolvenz.

Erst als sich 1994 mit dem Einstieg des Medientycoons Rupert Murdoch die Tür für amerikanische Lizenzware öffnete, war der Sendebetrieb gerettet. Im Gegensatz zum Niveau; inhaltlich passte sich Vox dem künftigen Besitzer RTL an. Es war das Ende eines Experiments - und der Beginn einer Erfolgsstory.

Denn der Kölner Sender hielt es wie viele Verlagshäuser, die der Qualität nur im quantitativen Renditedenken Bestandsschutz gewähren. Einst warb der Infotainment-Kanal mit dem Slogan "Täglich sterben tausende Gehirnzellen. Retten Sie den Rest" ums Bildungsbürgertum, nun bleibt er als einziges Vollprogramm am Wochenende nachrichtenfrei. Er hat aber durch einen rigiden Sparkurs und Zufallstreffer wie "Ally McBeal" das nötige Kleingeld für Eigenproduktionen, die als Blaupausen anderer Sender dienen.

Keiner verfolgte den Fernsehleitsatz "Hunde und Kinder gehen immer" vorbildlicher, niemand begleitete Auswanderer beim Winken oder Heimköche beim Brutzeln früher. Nicht zuletzt durch Tim Mälzer nahm Vox 2006 die Fünf-Prozent-Hürde. Und dank Anke Schäferkordt. Die langjährige Senderchefin sanierte nicht nur ein marodes Haus, sondern öffnete den deutschen Markt durch die C.S.I.-Schiene für Fernsehen, das zuvor undenkbar war: Gerichtsmedizin, Forensik, Realismus. Kein Wunder, dass sie den Quotenrenner bei ihrem Wechsel zu RTL vor drei Jahren mitnahm.

Nachfolger Frank Hoffmann setzt weiter auf alte Spielfilme, neue Dokusoaps und importierte Serien. "Für uns rechnet es sich nicht, eigene zu produzieren", erklärt der Geschäftsführer. Dennoch verbrennt er Perlen von "Men in Trees" bis "Everwood" gern abseits der Primetime, um dort Platz für günstige Seifenopern zu schaffen. Und da das junge Zielpublikum derlei Gülle jeder Güte vorzieht, sieht sich Hoffmann zu Recht "auf Augenhöhe mit den Konkurrenten aus der ersten Generation". Mittelmaß am Abend und Markenware ringsum rechnet sich schon darum, weil Werbekunden nicht in absoluten Zahlen, sondern in Prozenten rechnen. So reichen die Hausfrauen bei den "Gilmore Girls" am einschaltschwachen Morgen für gute Quoten, während individueller Geschmack am Abend die Spotpreise kaputtmacht. Auch wenn Formate ab und an scheitern, schafft es Vox gerade auf den besten Sendeplätzen regelmäßig zur Marktführerschaft. ARD und ZDF hat man so bei den 14- bis 49-Jährigen längst abgehängt.

Es ist ein leichtes Programm mit ernsten Ausritten, hier "Spiegel-TV" zur Nacht, da etwas Kriminalistik am Abend. Mehr verträgt das deutsche Publikum schon lang nicht mehr. "Wir können das Fernsehen zwar nicht neu erfinden", hatte Eser zum Sendestart gesagt, "aber wir können neues Fernsehen machen." Was Vox fortan daraus machte, hat er kaum gemeint.

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