„Das Denken setzt erst mit der Krise ein“

Regisseur Klaus Lemke über „Dancing with Devils“, den Fluch der Filmförderung und seinen neuen Schwabing-Film

Es gibt Leute, die behaupten, Klaus Lemke sei weg gewesen. Das ist natürlich Blödsinn. Der Regisseur, der in den Siebzigern „König von Schwabing“ war, hat in den vergangenen neun Jahren acht neue Filme rausgebracht. Von „weg“ kann daher nicht die Rede sein.

Lemke hat eben nur seit der Dokumentation „Die Leopoldstraße kills me“ im Jahr 2000 nicht mehr in München gedreht, wo er seit Jahrzehnten eine Wohnung hat. „München war aberzählt“, raunzt der 68-Jährige als Erklärung. Viele seiner jüngeren Arbeiten sind in Hamburg entstanden, wo er in einem Hotel lebt.

Auch der neueste Film „Dancing with Devils“, den das ZDF am Mittwoch um 23.45 Uhr zeigt, ist ein Kiezdrama aus jener Stadt, in der Lemke 1972 „Rocker“ drehte. Der Film begründete seinen Ruf als unangepasster, authentischer Regisseur. Heute sagt er über „Rocker“: „Das ist kein Film mehr von Lemke. Der ist volkstümlich geworden.“ Und die neue Produktion? Die sei „in Hamburg fast nicht mehr zu überbieten“.

Der Film erzählt direkt, ungeschönt und kraftvoll von Saralisa, die aus dem Knast entlassen wird: „Freiheit hat sie. Liebe will sie. Die holt sie sich. Die verliert sie. Dafür rächt sie sich“, fasst der Regisseur knapp zusammen. Natürlich hat er auch dieses Mal mit Laien, ohne Drehbuch und ohne Fremdkapital gedreht. Ein typischer Lemke-Film also.

Lemke ist wohl der deutsche Filmemacher, der die Gesetze der Straße am konsequentesten (wenn es sein muss: am schmerzhaftesten – er bricht Dreharbeiten gnadenlos ab, wenn er unzufrieden ist) in seine Arbeiten übernimmt. Seine Filme entstehen nach Guerilla-Taktik: Lemke kommt, beobachtet, dreht. Kein Vorlauf, keine Kompromisse, keine Statussymbole wie Aufnahmeleiter und Absperrungen. Stattdessen: nur ein Kameramann, einer für den Ton, Lemke und seine Darsteller.

In „Devils“ spielt Saralisa Volm die Hauptrolle. „Nach Iris Berben und Cleo Kretschmer ist sie mein dritter Star direkt von der Straße. Iris war Schülerin, Cleo Drogistin und Saralisa Klamotten-Verkäuferin.“

Mit Werbung – Lemke war am Wochenende gerade in Mailand – verdient er das Geld, das er dann in eigene Projekte steckt. Jeder Beteiligte erhält bei Lemke-Produktionen pro Drehtag 50 Euro: „Ich habe nicht viele Taschen, in die ich reingreifen kann. Aber zumindest sind es meine eigenen.“

Lemke mag die in Deutschland übliche Filmförderung aus Steuereinnahmen nicht: „Das ist eine Todesmaschine, durch die Regisseure kaputt gehen: Erst laufen ihnen die Frauen weg, dann die Filme.“ Deshalb erkennt er auch in der Wirtschaftskrise einen „Riesenvorteil“ – „danach wird es neues Leben geben. Denn das Denken setzt erst mit einer Krise ein.“

Übrigens – für alle, die noch immer glauben, er sei weg gewesen: Lemke dreht von Ende Mai an in München. „Die Wüste lebt – so’n kleiner Schwabing-Porno“ erzähle, wie sich das Stadtviertel mit „fiebrig schäbiger Eleganz aus dem Gefängnis eines nur importierten Lifestyles zu befreien versucht“.

So wie sich Schwabing („Das war mal ein Splitter vom Paradies, Cowboy.“) heute zeige, sei es völlig ausgebrannt, knurrt Lemke zum Abschluss des Gesprächs. „Das ist wie Klatschen mit einer Hand. In meinem Film lass’ ich zwar München wie es ist: spießig und langweilig. Aber darunter ist die Hölle los.“

„Dancing with Devils“ läuft zudem von Donnerstag an im Monopol-Kino, Feilitzschstraße 7, jeweils um 22.30 Uhr.

Michael Schleicher

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