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„Größter Stabilisator dieser erfolgreichen Entwicklung ist eindeutig ,Dahoam is Dahoam‘“: BR-Chef Thomas Gruber verzeichnet in den letzten Monaten wieder eine steigende Akzeptanz des Bayerischen Fernsehens.

„Die Quote ist nicht das Maß aller Dinge“

 BR-Intendant Thomas Gruber über Zahlen, Seifenopern, Krimis und die Programmphilosophie beim Radio

Mit der „Fastnacht in Franken“ erzielt der Sender zwar Jahr für Jahr Rekordquoten, doch der Marktanteil des Bayerischen Fernsehens insgesamt ist seit Jahren rückläufig. Auch eine umfassende Programmreform vor eineinhalb Jahren konnte den Trend nicht stoppen. Zudem drohte zuletzt ein Defizit in Millionenhöhe, das der Bayerische Rundfunk nur durch einen rigiden Sparkurs, durch mehr Wiederholungen und durch die Streichung von Sendungen abwenden konnte. Nun soll auch der Klassiker „Stars in der Manege“ dem Rotstift zum Opfer fallen. Über die Situation beim Münchner Sender sprachen wir mit Intendant Thomas Gruber.

-ZDF-Intendant Markus Schächter hat unlängst mitgeteilt, dass sein Sender schuldenfrei in die neue Gebührenperiode gestartet sei. Der Westdeutsche Rundfunk hat dagegen nach eigenen Angaben „Schulden wie noch nie“, von hundert Millionen Euro Miesen ist die Rede. Wo steht der BR?
Uns ist es gelungen, die letzte Gebührenperiode mit einer schwarzen Null abzuschließen. Das war nicht einfach. Wir mussten dazu energisch auf die Kostenbremse treten, aber wir haben’s hingekriegt. Nun muss man sagen, dass es das ZDF etwas leichter hat als wir. Die Kollegen in Mainz haben in den letzten drei Gebührenperioden im Grunde immer doppelt so viel bekommen wie die ARD-Anstalten, insofern fällt in Mainz ein ausgeglichener Haushalt sicher leichter. Ob wir die laufende Gebührenperiode auch wieder schuldenfrei abschließen, ist höchst zweifelhaft.

-Ihre Amtskollegin Monika Piel vom WDR hat beklagt, dass die Gebührenausfälle durch Gebührenbefreiungen in Nordrhein-Westfalen schon fast so hoch seien wie im Osten Deutschlands. Wie sieht es in Bayern aus?
Auch wir sind betroffen, aber zugegebenermaßen gibt es Länder, in denen die Situation noch dramatischer ist. Wir haben in Bayern pro Jahr etwa 70 Millionen Euro weniger durch Befreiungen, das sind 7,5 Prozent des Gebührenaufkommens. Das ist schon eine ganze Menge. Aber diese Mindereinnahmen kalkulieren wir von vornherein ein.

-Nicht nur die Einnahmen sinken, auch der Marktanteil des Bayerischen Fernsehens ist rückläufig, im vergangenen Jahr lag er bei nur noch sieben Prozent, noch einmal 0,3 Prozent weniger als 2007...
Da sind wir aber nicht allein. Auch andere Dritte verlieren, nicht zuletzt weil immer mehr Angebote auf den Markt drängen. Seit September vergangenen Jahres verzeichnen wir aber wieder einen klaren Aufwärtstrend. Im Februar hatten wir sogar einen Marktanteil von 8,4 Prozent. Täglich schalten über drei Millionen Bayern das Bayerische Fernsehen ein, 150 000 Zuschauer mehr als im Frühjahr 2008. Der Erfolg hat mehrere Väter. So hat zum Beispiel unsere 19-Uhr-Serviceleiste klar zugelegt. Größter Stabilisator der erfreulichen Entwicklung ist aber eindeutig „Dahoam is Dahoam“, unsere Bayerische Daily, die auf hohe Akzeptanz stößt.

-Was zeigt, dass Triviales Quote bringt.
Das ist ja keine neue Erkenntnis. Natürlich ist „Dahoam is Dahoam“ vergleichsweise trivial, aber es ist gut gemacht, und ich glaube, dass die Zuschauer das honorieren. Wir hatten ja auch nie den Anspruch, damit einen Beitrag zur Hochkultur zu leisten. Ich freue mich über den Erfolg, möchte aber darauf hinweisen, dass hier der Kollege Gerhard Fuchs Vater des Gedankens und treibende Kraft war.

-Wann kommen die Franken zu ihrem Recht mit einer eigenen täglichen Serie?
Den Franken wird ja nicht Unrecht angetan. Bisher hat sich jedenfalls noch niemand bei mir beschwert, dass hier schon wieder eine Geschichte in Oberbayern spielt. Dass das so ist, hat einfach einen ökonomischen Hintergrund, denn wenn wir uns schon die dafür erforderliche Infrastruktur leisten müssen, dann geht das nur in München oder in der Nähe, weil alle Beteiligten hier wohnen. Würden wir woanders drehen, ginge allein die Unterbringung der Schauspieler so ins Geld, dass wir uns eine Daily gar nicht leisten könnten.

-Dafür wäre mit noch einer Seifenoper die Quotenentwicklung vielleicht noch erfreulicher...
Wahrscheinlich schon, aber das ginge zu Lasten anderer Sendungen. Ich würde, nur um noch mal mit einer Serie abzusahnen, ungern unsere Leiste um 20.15 Uhr opfern, auf die wir stolz sind, weil wir uns da sehr unterscheiden von anderen Dritten. Natürlich ist die Quote wichtig, aber sie ist nicht das Maß aller Dinge. Wir wissen, was wir tun müssten, um dauerhaft auf neun Prozent zu kommen. Aber einfach mehr schunkeln zu lassen, ist nicht die originäre Aufgabe des Bayerischen Fernsehens. Und es ist auch nicht das, was die Menschen von uns erwarten.

-Mit neuen Krimis, die in den Regionen spielen, setzen Sie aber schon auch beim Fernsehfilm auf ein ausgesprochen populäres Genre.
Und der Erfolg gibt uns Recht. Wir hatten mit „Freiwild“ und Thomas Schmauser als Kommissar Haller, der in Würzburg spielt, vor einem Jahr einen höchst beachtlichen Erfolg mit 16,3 Prozent Marktanteil. Den erhoffen wir uns auch von Herbert Knaup, der als Kommissar Kluftinger im Allgäu ermittelt. Demnächst drehen wir in Mallersdorf in Niederbayern und nächstes Jahr, das darf ich schon verraten, ist der Chiemgau an der Reihe.

-Und wann kommt die Sportsendung am Sonntagabend um 21.45 Uhr?
 Die ARD hat ab der nächsten Saison die Ausstrahlungsrechte für die Sonntagsspiele der Fußball-Bundesliga, es gibt um diese Zeit aber keine Sportsendung im Ersten, weil da „Anne Will“ läuft. Wir haben nicht vor, gewaltsam einen weiteren „Blickpunkt Sport“ am Sonntag in unser bewährtes Programmschema einzuschieben. Und ich finde, wenn die ARD Fußballrechte fürs Erste erwirbt, dann sollte auch im Ersten ein Platz dafür gefunden werden.

-Der ARD-Programmdirektor will aber auch an seinem bewährten Schema festhalten und hat den Dritten empfohlen, die Sonntagsspiele in ihren Programmen zeitnah zu präsentieren ...
Das muss man uns nicht empfehlen. Jede Anstalt kann das so handhaben, wie sie es für richtig hält. Und ich halte nichts von der Idee, dass alle Dritten gleichzeitig um 21.45 Uhr Sportsendungen platzieren und so tun, als wären sie vorübergehend alle zusammen das Erste.

-Das heißt, es wird am Sonntagabend keine aktuelle Sportsendung im Bayerischen Fernsehen geben?
Wir haben die Möglichkeiten, den Sport so zu präsentieren, dass alle Fußballfans zufrieden sind. Aber das müssen wir jetzt noch nicht entscheiden. Ich gehe davon aus, dass die ARD-„Tagesthemen“ nicht nur Schnipsel bieten werden, sondern längere Spielberichte. Da wird schon ein Weg gefunden werden. Wir werden aber nicht schmollen, wenn die Sonntagsspiele im Ersten nicht angemessen präsentiert werden können, und die bayerischen Zuschauer bestrafen, indem wir gar nichts zeigen. Das wäre nicht vernünftig.

-Ist es vernünftig, kein Hörfunkprogramm zu haben, das ausschließlich Deutsches spielt?
Viele unzufriedene Hörer verweisen auf SWR 4, wo es das gibt. Der Vergleich mit SWR 4 hinkt, weil wir zwei massenattraktive Programme haben und uns Bayern 2, Bayern 4 Klassik und B 5 aktuell leisten. Es ist eine Frage der Programmphilosophie, wie man mit fünf Angeboten umgeht. Und unsere sieht so aus, dass wir nicht eines der Kulturprogramme oder unseren Infokanal zur Disposition stellen, um deutsche Schlager oder volkstümliche Musik zu spielen. Dann ist nur noch die Frage zu beantworten, was wir mit Bayern 1 machen. Und da verlassen wir uns nicht auf die Geschmäcker unserer Redakteure, sondern auf die empirische Forschung, um die Mischung zu finden, auf die sich eine Mehrheit verständigen kann. Und die Hörerzahlen sind ja nicht so, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Im Gegenteil – unsere Hörfunkwellen sind so beliebt wie schon lange nicht mehr!

-Trotzdem haben Sie den Digitalkanal Bayern plus eingerichtet, der ausschließlich Deutsches bietet. Wollten Sie damit vielleicht doch Ihr Gewissen beruhigen?
Nein, das wollten wir nicht. Wir haben lediglich die digitalen Möglichkeiten, die wir ja haben, dazu genutzt, ein Angebot zu machen für die, die mit Bayern 1 nicht zufrieden sind. Das Digitalradio ist ja marktreif. Das Problem ist nur, dass die Industrie nicht produziert, weil es keine Hörer gibt, und die Hörer keine Radios kaufen, weil es außer dem akustischen keinen erkennbaren Mehrwert gibt. Und weil wir ein Defizit spüren, wollten wir mit Bayern plus einen Anreiz schaffen für die, die sich dann doch mal ein neues Gerät kaufen. Diese sind inzwischen nicht mehr so teuer, wie sie einmal waren, es gibt sie für weniger als 100 Euro. Vielleicht gelingt der Durchbruch ja doch noch bei der digitalen Technik, dann ist das Thema sowieso erledigt.

-Haben Sie Zahlen, wie viele Hörer Bayern plus nutzen?
Nein, wir haben keine. Es sind jedenfalls zu wenig, um von einem Durchbruch sprechen zu können. Und das ist umso schmerzlicher, als wir in Europa umzingelt sind von Ländern, die längst digitales Radio haben. Nur bei uns geht nichts voran. Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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