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"Ich denke immer, also auch nachts, manchmal sogar beim Schlafen": Mathias Richling präsentiert am Donnerstag um 22.45 Uhr erstmals seine neue ARD-Reihe "Satire Gipfel".

Interview

"Lachen befreit, wenn es erschreckt"

Am Donnerstag startet die neue Kabarettreihe "Satire Gipfel" (ARD, 22.45 Uhr), die Nachfolgesendung des "Scheibenwischers". Mit Gastgeber Mathias Richling sprachen wir über das neue, alte Konzept, politisches Lachen und die Suche nach Einfällen.

-Vom "Scheibenwischer" zum "Satire Gipfel" - warum haben sie den eingeführten Titel geändert, und was ist dran an den Gerüchten, dass Sie sich mit Dieter Hildebrandt überworfen haben?

Ich habe den Titel nicht geändert, er ist uns leider von Dieter Hildebrandt verboten worden.

-Warum?

Letztlich ist er einer Fehlinformation aufgesessen. Er hat gedacht, dass ich künftig Comedy mache, weil ich Comedians einlade. Und das ist schlicht falsch. Leider konnte ich dieses Missverständnis aber auch im persönlichen Gespräch nicht mehr gerade rücken.

-Was dürfen wir vom "Satire Gipfel" erwarten?

Eigentlich wollen wir so bleiben, wie wir sind, oder sagen wir, zu unseren Ursprüngen zurückkehren. Das ist in den vergangenen Monaten oft missverstanden worden. Ich habe gesagt, dass ich Menschen aus anderen Bereichen in die Sendung holen will, beispielsweise Schauspieler. Das hat Dieter Hildebrandt übrigens schon vor 20 Jahren gemacht. Die Riege der Kabarettisten ist ja ziemlich klein geworden, deshalb würde ich das gerne öffnen.

-Warum gibt es eigentlich immer weniger wirklich politische Kabarettisten?

Vielleicht hat das mit dem Angebot und dem Kommerz zu tun. Sie können heute in anderen Bereichen wie "Deutschland sucht den Superstar" oder Comedy schneller populär werden und Geld verdienen als wenn sie die Kärrnerarbeit auf sich nehmen, Texte selbst zu schreiben und den eigenen Standpunkt zur Gesellschaft und zu sozialen und politischen Fragen zu bestimmen und zu benennen.

-Zurück zu Ihren Gästen. An wen denken Sie?

Es sind bekannte Persönlichkeiten, die mit Kabarett eigentlich nichts zu tun haben. Ich würde den Menschen, die auf ein bestimmtes Genre festgelegt sind, gerne die Möglichkeit geben, sich politisch zu äußern.

-Können die denn Kabarett, das ja auch böse sein sollte?

Natürlich, das kommt darauf an, was man ihnen schreibt oder was sie selbst schreiben. Ich habe jetzt beispielsweise eine Nummer gehabt über den Holocaust-Leugner Richard Williamson. Natürlich haben die Leute gelacht. Aber man lacht ja nicht nur über einen Kalauer, sondern Lachen kann auch befreien, weil es erschreckt. Es gibt verschiedenen Formen zu lachen, es gibt ja auch entsetztes Lachen.

-Was ist die Aufgabe des politischen Kabaretts im Jahr 2009?

Natürlich ist die Aufgabe in einem bedrohlichen Regime eine andere, also im Regime der Nazizeit oder in der Zeit danach in der DDR, wo man immer aufpassen musste, was man sagt. Aber nur weil wir nicht in einem bedrohlichen Regime leben, gegen das wir uns wehren müssen, hat sich Kabarett ja nicht überlebt. Jetzt lebt man so vor sich hin und erträgt das alles, was auf uns zu kommt und was Politiker so alles sagen. Es bleibt aber wichtig, all das zu erläutern und den Leuten Denkanstöße zu geben, aber auch Formulierungen anzubieten, mit denen sie durchs Leben gehen und endlich etwas aussprechen können, worauf sie selber vielleicht gar nicht gekommen wären.

-Wie finden sie diese Formulierungen?

Durch Denken.

-Und wie denken Sie?

Ich bitte Sie, also wirklich, diese Frage geht jetzt zu weit. Das erinnert mich an den Kalauer: Sie haben bei einem Unfall Vater, Mutter und drei Töchter verloren, ihr Haus ist abgebrannt, Sie sind jetzt arbeitslos. Was haben Sie dabei empfunden? Also - ich kann ihnen nicht sagen, wie ich denke.

-Haben Sie denn ein Ritual, setzen Sie sich in den Wald, damit Ihnen etwas einfällt?

(Lacht.) Ich denke immer, also auch nachts, manchmal sogar beim Schlafen.

-Haben Sie immer einen Zettel dabei oder neben dem Bett liegen?

Wenn ich keinen Zettel habe, dann besorge ich mir einen. Ich schreibe alles mit der Hand.

-Ist die Finanzkrise gut für Ihr Geschäft?

Diese Frage ist unerhört, denn wenn Sie sie ganz zu Ende denken, ach, dann würde ich mir fürs Geschäft auch die Todesstrafe wieder wünschen. Nur damit ich dann dagegen wettern kann. Kabarett sollte nicht l’ art pour l’ art sein, also um seiner selbst willen existieren.

-Dann erlauben Sie bitte noch ein Frage. Sie waren brillant als Andrea Ypsilanti, finden Sie es schade, dass sie nicht Ministerpräsidentin geworden ist?

Das würde dann ja auch wieder nur bedeuten, dass ich Frau Ypsilanti ertragen will, nur, damit ich sie weiter kritisieren kann. Nein, das macht auch keinen Spaß.

Ines Pohl

Über Mathias Richling

Geboren am 24. März 1953 in Waiblingen (Baden-Württemberg), absolvierte Richling eine Schauspielausbildung und studierte anschließend Germanistik und Geschichte.
Schon während des Studiums stand er auf der Kabarettbühne. Seit 1974 bringt er Soloprogramme heraus, unter anderen "Ich wiederhol’s gerade mal" (1982), "Wieviel Demokratie ist es bitte?" (1987), "Jetzt schlägt’s Richling" (1990), "Ich muss noch was beRICHLINGen" (1996), "Richling WAAS?!" (2004). Seine unverwechselbare Art, scharfe Satire in schnelle Rollen- und Dialektwechsel zu verpacken, ließ auch das Fernsehen auf ihn aufmerksam werden. Im Jahr 1989 bekam er mit "Jetzt schlägt’s Richling" seine erste eigene Sendung in der ARD. Seit 1999 präsentiert der 55-Jährige "Zwerch trifft Fell" im SWR Fernsehen.
Darüber hinaus war Richling seit 2003 neben Bruno Jonas und Georg Schramm (später Richard Rogler) einer der drei Protagonisten der ARD-Reihe "Scheibenwischer".

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