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Sollen schon einmal lernen, wie es ist, Kinder zu haben: Basti (18) und Tamara (17) übernehmen die Verantwortung für den neun Monate alten Lasse, der ihnen von dessen Mutter Katrin (31) übergeben wird.

„Kinder sind keine Tamagotchis“

Marlis Herterich vom Kinderschutzbund über das umstrittene neue RTL-Coachingformat „Erwachsen auf Probe“

Sie heißen Tamara und Bastian, Lila und Sebastian, Anji und Mario, Nadine und Elvir. Vier Paare im Alter von 16 bis 19 Jahren dürfen „Erwachsen auf Probe“ sein. In dem neuen RTL-Coachingformat betreuen Teenager mehrere Tage lang Kinder fremder Elternpaare, als wäre es ihre eigenen. Die achtteilige Reihe, die von heute an jeweils mittwochs um 20.15 Uhr zu sehen ist, wird schon vor der Ausstrahlung heftig kritisiert. Organisationen wie der Kinderschutzbund kritisieren, dass Babys und Kleinkinder als Versuchskaninchen für ein fragwürdiges Experiment missbraucht würden. Von Politikern kam bereits der Ruf nach einem Verbot der Ausstrahlung. Wir sprachen mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Kinderschutzbundes, Marlis Herterich, über die umstrittene Reihe.

-RTL will mit dem neuen Format Teenagern die Möglichkeit bieten, Familienkompetenz zu erlernen. Gleichzeitig soll jugendlichen Zuschauern klar gemacht werden, welche Verantwortung darin liegt, Eltern zu sein. Was sagen Sie dazu?

Von voller Verantwortung der Jugendlichen kann ja gar keine Rede sein. Es springen ja ständig Leute um sie herum, ständig greift jemand ein. Es ist ja auch lächerlich, zu suggerieren, man könnte sozusagen im Schnellkurs Elternfähigkeiten erwerben. Alles, was man da erwirbt, ist das Gefühl, dass das alles verdammt anstrengend ist.

-Glaubt man RTL, ist der Aspekt der Abschreckung durchaus gewollt.

Ich glaube, dass genau das nicht funktioniert. Viele junge Paare mit konkretem Kinderwunsch, die das sehen, denken: „Die stellen sich aber blöd an, wir könnten das alles viel besser.“

-RTL wird nicht müde zu betonen, dass die leiblichen Eltern und eine Kinderpflegerin immer in der Nähe waren und dass keine Gefahr für die Kinder bestand.

Was heißt schon „in der Nähe“?

-Via Bildschirm...

Ja, via Bildschirm! Das sieht aber das Kind nicht, dass seine Mutter es in einem Nebenraum oder im Nachbarhaus am Bildschirm beobachtet. Kinder, die in diesem Alter von ihren Bezugspersonen getrennt werden – und zwar von jetzt auf gleich – müssen sich verlassen fühlen. Sie sind zu klein, um zu durchschauen, was da passiert. Man sieht ja auch in den Ausschnitten, die uns vorab gezeigt wurden, wie traurig die Kleinen sind.

-Waren die Kinder Ihrer Meinung nach konkret körperlich oder seelisch in gefährdet?

Körperlich nicht, es war ja wirklich immer jemand da, der eingegriffen hat, wenn’s kritisch wurde. Seelisch gefährdet, so glaube ich, waren sie schon. Und zwar schon allein durch den Riesenwirbel, der da um sie herum veranstaltet wurde. Ein Kameramann, helles Licht, fremde Menschen, die sie anfassen – natürlich haben die Kinder gelitten!

-Wie beurteilen Sie die jugendlichen Paare?

Es fällt auf, dass die Nerven bei einigen ganz schnell blank liegen, einer der Beteiligten sagt sinngemäß, mit einem Baby fühle man sich ja fast wie im Knast. Ich möchte nicht über die Jugendlichen urteilen, dazu habe ich zu wenig von der Reihe gesehen. Aber es fällt mir auf, dass sie extrem vorgeführt werden. Sie werden für die Interessen des Senders missbraucht, sie dienen dazu, den Voyeurismus des Publikums zu befriedigen. Dass ihre Nerven schnell blank liegen, kann ich gut verstehen. Das Konzept der Sendung besteht ja darin, sie in Extremsituationen zu bringen.

-Wenn die Eltern intervenieren, tun sie das zum Teil sehr forsch. Muss man nicht auch fragen, inwieweit die teilweise noch minderjährigen „Eltern auf Zeit“ Schaden nehmen?

Das muss man! Ich glaube zwar, dass Tamara, Anji oder Elvir im Augenblick eher die Helden sind für ihre Freunde – nach dem Motto: „Boah, du warst im Fernsehen!“ – und sich auch selbst so fühlen. Aber wenn sie ein bisschen älter sind, wird ihnen das alles schrecklich peinlich sein.

-Was sagen Sie zu den Eltern, die ihre Kinder zur Verfügung stellen?

Ich glaube, dass viele Eltern dem vermeintlichen pädagogischen Konzept auf den Leim gegangen sind. Einer der beteiligten Väter rief uns an und meinte, er sei davon überzeugt, etwas Gutes zu tun, Teenagerschwangerschaften seien doch schlimm. Außerdem sei auf die Kinder toll aufgepasst worden. Und trotzdem müssen diese Eltern sich fragen lassen, ob sie noch nie etwas davon gehört haben, dass man Kinder in diesem Alter nicht ohne Not in fremde Hände gibt.

-Halten Sie die Idee, Jugendliche übers Fernsehen mit dem Problem frühe Elternschaft zu konfrontieren, grundsätzlich für sinnvoll, und wie könnte so etwas konkret aussehen?

Wenn man’s schon im Fernsehen machen muss, dann in der Form, dass man die Jugendlichen in Familien schickt und sie da filmt, am besten mit fest installierten Kameras, die die Kinder weniger stressen. Aber ich glaube, dass ein Coachingformat generell nicht das geeignete Mittel ist. Ich halte es für sinnvoller, das Problem der Teenagerschwangerschaften noch mehr als bisher zum Thema in Schulen zu machen. Ich habe auch nichts gegen die in „Erwachsen auf Probe“ anfangs genutzten Baby Dummies, die einem schon einmal einen ersten Eindruck geben, wie sich ein kleines Kind anfühlt. Aber hier wird der Eindruck vermittelt, man müsse auch bei den echten Babys nur den richtigen Knopf finden, dann funktioniert alles. Kinder sind aber keine Tamagotchis. Um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden, braucht es Empathie, braucht es eine tiefe Beziehung.

Interview: Rudolf Ogiermann

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