Germany's next Topmodel

Wie aus Menschen "Mädchen" werden

Es ist ein Spiel mit Träumen: Donnerstags um 20.15 Uhr ist die vierte Staffel von "Germany’s Next Topmodel" zu sehen. Jede Teilnehmerin der Pro Sieben-Show hat eine Rolle zu spielen.

Wer seine literarische Existenz dem Dichter Heinrich von Kleist verdankt, muss einiges aushalten. Die Marquise von O. etwa: Sie wird unehelich schwanger ohne zu wissen von wem, und ihr Vater verstößt sie. Kleist will wissen, wie viel ein Mensch erträgt, er stellt seine Figuren auf die Probe und lässt den Leser dabei zusehen, wie sie sich damit schlagen.

Kleist ist freilich seit 230 Jahren tot, und mit Schwangerschaften ohne dazugehörigen Kindsvater schockiert man heute keinen mehr. Und dennoch, wer einmal zwei Stunden genau hinsieht bei "Germany’s Next Topmodel", erkennt schnell, dass sich an den dramaturgischen Prinzipien in diesen letzten 230 Jahren nur wenig geändert hat. Gut, der Schauplatz ist nicht Italien, sondern Deutschland und seit letzter Woche auch Los Angelos. Und auf die Probe gestellt werden keine Witwen, sondern - unter anderen - Marie und Sara, beide 19 Jahre alt, die zwei oberbayerischen Kandidatinnen in Klums Modelschmiede.

Wie die Marquise haben auch sie der Dramaturgie den Verlust ihres Vornamens zu verdanken, bei Heidi heißen sie alle gleich - "Mädchen". Dabei tragen diese "Mädchen" schon lange keine rosa Schleifen mehr in den Zöpfen, Marie hat im vergangen Jahr am Gautinger Otto-von-Taube-Gymnasium Abitur gemacht und danach drei Wochen als Model in Mailand gearbeitet. Sara bereitet sich an der Fachoberschule in München auf ihren Abschluss vor. Im Fernsehen ist das aber egal. Wie bei jeder perfekten Inszenierung treten die Darstellerinnen hinter ihre Rollen zurück.

Zu sehen bekommt der Zuschauer nur das, was ins Klum’sche Sendekonzept passt: zwei wunderschöne junge Frauen, beide eher zurückhaltend im Vergleich zu den grellen Mitbewerberinnen. Die eine - Marie - sieht aus wie Schneewittchen, die andere ist mit ihrer dunklen Hautfarbe die Exotin unter den Kandidatinnen. Wie sie wirklich sind, diese zwei Frauen, kann man nur erahnen. Ihre Zitate werden im Fernsehen von Regisseuren sorgsam ausgewählt und ihre Interviewantworten per E-Mail um die Welt geschickt und von einer PR-Agentur gegengelesen.

Die Mädchen also dürfen in diesen Tagen die Mittel kennenlernen, mit denen das Privatfernsehen Menschen in Extremsituationen versetzt: Was im Dschungel funktioniert hat, kann auch im Modelcamp nicht falsch sein. Letzte Woche mussten sie sich lebende Kakerlaken als modische Accessoires auf die zarten Schultern setzen. Marie lief schreiend davon. "Oh, die hat echt Panik", konstatierte die Jury von ihren Sesseln aus. Auch Sara war verstört: "Wenn die in meinen Ausschnitt fällt, werde ich sterben und zwar ernsthaft."

Ernsthaft gestorben ist bisher glücklicherweise niemand. Marie und Sara kämpfen sich sogar bemerkenswert freundlich und gut gelaunt durch Heidi Klums Modelwelt. Und versichern natürlich tapfer, dass alles gar nicht so schlimm, Heidi furchtbar nett und die Jury genau angemessen streng sei. "Man muss immer hundert Prozent geben", meint Marie, "und wenn man es einmal nicht tut, da wird das auch gleich kritisiert von der Jury. Und das ist ja auch richtig so."

Das mag für die beiden sogar richtig sein. Bisher hat weder Heidi noch ihre Jury den beiden Mädchen - wie so mancher Mitstreiterin - in Anwesenheit der Fernsehnation die eigene Persönlichkeit oder das Stilempfinden aberkannt. Marie habe sogar ganz toll gepflegte Hände und ein Funkeln in den Augen, hat Heidi ihr anerkennend mitgeteilt, als die Teilnehmerinnen zur Detailbeschauung antreten mussten.

Ja, die Macher scheinen die beiden oberbayerischen Madeln zu mögen, zumindest dürfen die immer nette Sachen in die Kamera sagen ("Es war so schön an der frischen Luft und wir haben den Sonnenuntergang gesehen"). Während von anderen Teilnehmerinnen nur die Interviewausschnitte gezeigt werden, in denen sie einer Mitkandidatin verbal gegen das Schienbein treten. Die beiden bieten sich auch nicht an, als Oberzicken den Laden aufzumischen. Den Job übernehmen andere wie das aus der "Bild"-Zeitung bekannte Partyluder Tessa - die Rollen sind in der Inszenierung klar verteilt: Marie zum Beispiel ist "Die Musikalische", schließlich hat sie ein paar Jahre in einer Band gesungen: "The Racoons" spielten hauptsächlich Musik aus den Sechzigern. Saras offensichtlichstes Merkmal - ihre Hautfarbe - und ihre Vorliebe für die bayerische Küche haben ihr die Rollenbezeichnung der "afrikanischen Bayerin" eingebracht.

Aber leicht gemacht wird es auch diesen beiden nicht. Das Modelleben ist kein Zuckerschlecken. Die Stimme aus dem Off wird nicht müde, dem Zuschauer das Folge um Folge zu erklären. ("Extrawünsche kann sich ein angehendes Topmodel nicht leisten, wer als Topmodel erfolgreich sein will, muss auch unter den schärfsten Bedingungen...") Damit ja keiner auf die Idee kommt, es könnte reine Schikane sein, wenn die Kandidatinnen von Häusern abgeseilt und mit Insekten geschmückt werden.

Auch Marie und Sara haben selbstverständlich erkannt, dass Heidi und Co. es nur gut mit ihnen meinen, dass diese Prüfungen wichtig sind, damit sie im wahren Leben bestehen können. Da macht es nichts, dass andere (nicht von Heidi gecastete) Topmodels wie Julia Stegner in Interviews erklären, dass solche Prüfungen mit dem Modellalltag gar nichts zu tun haben. Auf die Dramaturgie kommt es an. Die Heldinnen müssen ihre Prüfungen bestehen, damit es zu einem Happy End kommen kann.

Soviel ist also klar: An einer Kakerlake auf der Schulter kann, nein muss, der Mensch nur wachsen - wer das verinnerlicht, wird in ein paar Wochen vielleicht mit einem Modelkrönchen belohnt. Aber bis dahin ist noch ein langer Weg. Jetzt sind wir erstmal gespannt, welche übelriechende Flüssigkeit den Mädchen wohl heute über den Kopf geschüttet wird.

Katharina Riehl

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