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Oliver Storz in seinem Haus in Egling.

Zum 80. Geburtstag des Regisseurs

Oliver Storz: „Ich will Geschichten erzählen“

Regisseur Oliver Storz über Krieg und Nachkriegszeit, Vergangenheitsbewältigung und die Qualität des Programms

Das geordnete Leben von Dr. Gerd Vorweg (Stefan Kurt), Oberbürgermeister einer Kreisstadt irgendwo in Baden-Württemberg Mitte der Fünfzigerjahre, gerät jäh aus den Fugen, als seine Frau Katharina (Karoline Eichhorn) spurlos verschwindet. Alle Indizien sprechen dafür, dass sie bei der Detonation eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg ums Leben kam. Während Vorweg mit seinem Schicksal hadert, taucht mit Horst Karg (Matthias Brandt) ein Freund aus Kriegstagen auf – und konfrontiert den Lokalpolitiker mit Geschehnissen aus der Vergangenheit, die dieser längst verdrängt hatte. „Die Frau, die im Wald verschwand“ (ARD, Mittwoch, um 20.15 Uhr) lautet der Titel von Oliver Storz’ jüngstem Film. Erneut beschäftigt sich der in Egling (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen) lebende Autor und Regisseur, der sich den Streifen zu seinem 80. Geburtstag am Donnerstag sozusagen selbst schenkt, thematisch mit der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit.

-Wie kommt man auf eine solche Geschichte?

Der erste Grundeinfall geht auf ein Ereignis aus den Jahren 1945 oder 1946 zurück. Damals verschwand in meiner Heimatstadt eine Frau aus sogenannten bürgerlichen Kreisen spurlos und tauchte, so weit ich weiß, nie mehr auf. Der zweite Grundeinfall ist die reale Existenz eines militärischen Sperrgebiets, ebenfalls in meiner württembergischen Heimat, in dem jede Menge Waffen, Munition, Bomben und Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg herumlagen. Da sind wir als junge Burschen nachts heimlich rein und haben unter Lebensgefahr Trophäen gesucht für den Schwarzmarkt. Und aus diesen beiden Komponenten, der verschwundenen Frau und diesem gefährlichen Gebiet, habe ich die Geschichte zusammengebaut.

-Es geht da um Bewältigung einer erst wenige Jahre zurückliegenden, schrecklichen Vergangenheit, oder besser gesagt Nicht-Bewältigung...

Also – ich habe immer etwas gehabt gegen den Begriff Vergangenheitsbewältigung. Das ist für mich so ein Beamtenwort. Man sagt: „Wir bewältigen das“ oder, noch schlimmer: „Wir arbeiten das auf.“ Um es dann abzuhaken? So geht das ja nicht! Wie will ein Volk diese unglaubliche Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges bewältigen? Das ist eine abenteuerliche Vorstellung.

-Wieso dann die intensive Beschäftigung gerade mit dieser Zeit, dem Ende des Krieges und der frühen Nachkriegszeit?

Ich habe als 15-, 16-Jähriger das Chaos des endenden Krieges erlebt, ich bin von der Schulbank weggeholt und in den Volkssturm gesteckt worden, diesen Verein von Kindern und alten Männern, mit dem Hitler den Krieg noch gewinnen wollte. Das war lebensgefährlich, wenn man Feindberührung hatte, aber auch dann, wenn man abgehauen ist. Ich habe die Leute hängen sehen, die Opfer der fliegenden Standgerichte geworden sind. Wenn man das erlebt hat als junger Bursche, dann prägt einen das für immer. Die Zeit kurz vor und kurz nach Kriegsende war eine Zeit der Anarchie, aber sie war auch eine Zeit für ungeheure Geschichten. Und die will ich erzählen.

- Keine Aufklärung der Nachgeborenen über diese Zeit, auch nicht nebenbei?

Ich verstehe mich nicht als Missionar, der immer wieder, sozusagen aus Sendungsbewusstssein, an diese Zeit erinnern muss. Aber wenn ich mit meinen Filmen und mit meinen Erzählungen in Schulen gehe, mache ich die Erfahrung, dass vor allem die 16- bis 19-Jährigen atemlos zusehen und zuhören. Sie lernen Geschichte, weil sie fasziniert sind von Geschichten. Es ist eine Mär, dass junge Leute nichts mehr wissen wollen von der Vergangenheit. Es kommt darauf an, wie man sie ihnen nahe bringt.

-Verfehlt dann der Geschichtsunterricht an den Schulen seinen Zweck?

Das wage ich nicht zu beurteilen, ich erlebe ja normale Geschichtsstunden nicht mit. Ich weiß nur aus Gesprächen mit jungen Menschen, dass alles, was Belehrung ist, was nur mit Zahlen und Fakten zu tun hat, auf taube Ohren stößt. Aber wenn die emotionale Seite angesprochen wird, dadurch, dass man entweder durch Sprache oder durch Bilder die Möglichkeit der Identifikation mit Figuren aus Erzählungen oder Filmen schafft, dann ist das Interesse riesengroß.

-Es fällt auf, dass Sie in Ihren Filmen fast stets mit denselben Schauspielern zusammenarbeiten, beispielsweise mit Karoline Eichhorn.

Das hat damit zu tun, dass ich ein Anhänger der Ensembleidee bin. Am Theater gibt’s ja auch eine feste Gruppe von Schauspielern, die in die verschiedensten Rollen schlüpfen. Wenn ich sie gut kenne, dann habe ich beim Schreiben schon die Gesichter der Darsteller vor mir. Und die erzählen mir sozusagen meine eigene Geschichte. Das funktioniert natürlich nur, wenn man als Autor auch besetzen und Regie führen darf. Ich darf das und bin meinen Auftraggebern für diese Freiheit zutiefst dankbar.

-Immer mehr sogenannte Eventmovies – wie „Dresden“ oder auch „Die Luftbrücke“ – beschäftigen sich mit Ereignissen aus der jüngeren deutschen Geschichte. Wie denken Sie darüber?

Ich stehe diesem Begriff sehr skeptisch gegenüber. Was ist da der Event? Die gezeigte Zeit, der gezeigte Gegenstand oder nur die Opulenz der Machart? Mit welchem Recht werden solche Filme als Ereignis bezeichnet? Das ist für mich, mit Verlaub, ein etwas großmäuliger Ausdruck. Und was mich ästhetisch daran befremdet, ist, dass das alles sehr oberflächlich bleibt, getrimmt auf äußerliche Attraktivität.

-Teilen Sie Marcel Reich-Ranickis Befund vom vergangenen Herbst, dass das Fernsehen an Niveau verloren hat?

Es heißt ja immer: „Das Fernsehen ist miserabel!“ Aber das Fernsehen gibt es ja gar nicht! Dieses Medium ist nichts als ein Transportmittel. Genau so gut könnte ich sagen, dass die Buchdruckerkunst zu verurteilen ist oder das Verlagswesen, nur weil im Lauf der Geschichte auch viele Schundromane geschrieben und veröffentlicht wurden. Es gibt im fiktionalen Fernsehen viele Beispiele für herausragende Qualität. Man muss sie nur zur Kenntnis nehmen.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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