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Axel Milberg (Mitte) als Doktor Martin im ZDF.

„Stromlinienförmige Typen langweilen mich“

Axel Milberg über seine Rolle als ruppiger Landarzt in „Doktor Martin“ und seine Vorliebe für skurrile Figuren

Er ist die deutsche Antwort auf den Amerikaner „Dr. House“ alias Hugh Laurie. Doktor Martin Helling ist menschlich ein ziemliches Ekel, aber fachlich macht ihm so schnell keiner was vor – und Axel Milberg (52), nicht erst seit seiner Rolle als Kieler „Tatort“-Kommissar auf skurrile Typen abonniert, ist die Idealbesetzung für den schrägen Mediziner.

Von Donnerstag an immer um 20.15 Uhr zeigt das ZDF die zweite Staffel der vor zwei Jahren gestarteten Serie „Doktor Martin“ um den Arzt, der kein Blut sehen kann, deshalb seinen Spitzenjob als Chirurg in Berlin aufgeben musste und seitdem als Landarzt an der Waterkant praktiziert. Für diese Rolle erhielt der in Kiel geborene Milberg, der mit seiner Familie in München lebt, im vergangenen Jahr den Bayerischen Fernsehpreis.

Ich weiß nicht, was Sie meinen. (Schmunzelt.)

Die dunkel gefärbten Augenbrauen, die Sie in Ihrer Rolle als Serienarzt Doktor Martin haben, wirken irgendwie irritierend...

Ich kann Ihnen verraten, dass der Held im englischen Original, das unserer Serie zugrunde liegt, sehr abstehende Ohren hat, durch die sogar die Sonne scheint. Und ich wollte auch irgendeine Verfremdung des Gesichts wagen. Ich bin relativ präsent auf dem Bildschirm, und man vergisst in unserem Beruf manchmal, dass er auch etwas mit Verkleidung und mit Masken zu tun hat. Ich wollte eine Veränderung des Gesichts, bei der man nicht so genau weiß, worin genau sie denn besteht. Und vielen Zuschauern ging es so, die haben nicht gemerkt, dass es die Augenbrauen waren.

Wie oft glauben die Leute eigentlich, dass Sie genauso schräg sind wie Ihre beiden bekanntesten Fernsehfiguren, der Landarzt und der „Tatort“-Kommissar?

Das tun sie eigentlich nicht, oder ich habe es schlichtweg nicht mitbekommen. Die Leute sind freundlich, wenn sie mich sehen, und dann denke ich mir: Sie lächeln, weil ich sie gut unterhalten habe, weil sie Spaß hatten. Sie legen nicht die Nasenwurzeln in Falten, weil ich ihnen als Killer Angst gemacht habe. Das ist meine Deutung.

Warum spielen Sie so gerne kauzige Typen?

Ich habe einen sehr speziellen Geschmack. Menschen, die mich interessiert haben, waren immer skurril und eigen, und wenn es Fernsehrollen gibt wie Doktor Martin, bin ich glücklich – gerade in einer glatt gebügelten Unterhaltungswelt, wo es so vieles gibt, was mich überhaupt nicht interessiert, aber den Massengeschmack trifft. Ich habe auch einmal versucht, einen stromlinienförmigen Typen zu spielen, den alle mögen und der selber alle mag. Das hat mich gelangweilt. Und wenn wir genau genug hinschauen, ist doch jeder skurril, wir dürfen uns nur nicht täuschen lassen von der polierten Oberfläche.

Würden Sie selbst zu einem ruppigen Arzt wie Doktor Martin gehen?

Ich würde wahrscheinlich nicht zu ihm gehen, weil ich sagen würde: Was ist denn das für ein unfreundlicher Dackel? Andererseits ist er ein brillanter Diagnostiker, und wenn ich von einem Arzt wüsste, dass er Dinge sieht, die andere nicht erkennen, dann wäre mir meine Gesundheit wichtiger als eine nette Plauderei.

Doktor Martin erinnert ja an den Serienarzt Dr. House, beide sind fachlich brillant, aber menschlich unfähig. Wieso sind solche Typen im Fernsehen derzeit so gefragt? Weil sich viele insgeheim danach sehnen, nicht immer höflich und rücksichtsvoll sein zu müssen?

Genau, diese Figuren findet man deshalb so attraktiv, weil da jemand auf seine Weise frei ist, keine Rücksicht nimmt auf die anderen, sagt, was er denkt und nicht die ganze Zeit „Guten Tag“, „Danke“, „Bitte“, „Entschuldigung“. Wir haben Spaß an diesen Figuren, weil wir denken: So möchte ich auch mal sein, ohne Rücksicht darauf, was der Chef sagen könnte, die Lehrerin, die Eltern, der Arbeitskollege. Wo auch immer man anders spricht, als man gerade möchte.

Seit sechs Jahren ermitteln Sie als Kieler „Tatort“-Kommissar. Gemeinhin gilt es als Ritterschlag, wenn man als Schauspieler in der Krimireihe mitwirken darf. Hat sich für Sie viel geändert, seit Sie den Klaus Borowski spielen?

In der Tat. Ich erscheine zwar nur an zwei von 365 Tagen im Jahr als „Tatort“-Kommissar, aber ich habe da sozusagen in die königliche Familie hineingeheiratet und werde auf der Straße und im Restaurant noch häufiger erkannt. Dagegen ist ja auch gar nichts einzuwenden, außer wenn man sich vielleicht gerade hässlich fühlt oder einen schlechten Tag hat. Ich gehöre zwar zu der seltenen Spezies, die sich nicht besser fühlt, wenn sie in staunende Gesichter schaut, aber – um ganz ehrlich zu sein – wenn es nicht so wäre, würde es mir auch fehlen und ich würde mich fragen, warum mich keiner erkennt und sich keiner umdreht. (Lacht.)

Bekommen Sie seitdem auch bessere Rollenangebote?

Zumindest hat es sich nicht negativ ausgewirkt. Niemand sagt: Das ist jetzt der Kommissar, den besetzen wir für nichts anderes, und das ist für mich die Hauptsache. Mir ist es wichtig, dass ich nicht ausschließlich „Tatort“-Kommissar bin, sondern auch in anderen Rollen überzeuge.

Das Gespräch führte Cornelia Wystrichowski.

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