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Ralf Husmann.

Stromberg-Erfinder: Auf der Suche nach dem Witz im Alltag

Er ist im Moment der witzigste Drehbuchautor im deutschen Fernsehen. Ralf Husmann, Schöpfer von „Stromberg“ und „Dr. Psycho“, nimmt jetzt in „Der kleine Mann“ (Pro Sieben, ab heute jeweils dienstags um 22.40 Uhr) Alltagssituationen aufs Korn, ohne sich in der Suche nach Klischees aufzureiben.

Was wirklich witzig ist, ist eine Glaubensfrage. Das Feuilleton verteufelt den Brachialhumor der Gegenwart gern mit Verweis auf frühere Güte – als seien Dieter Krebs’ Sketche niveauvoller gewesen als Atze Schröders prolliger Charme. Die Masse erhebt Mario Barth zur Rache des Volkes am verbiesterten Kabarett – als würde Matthias Richling den „Scheibenwischer“-Nachfolger nicht gerade für privatfernsehgeschulte Possenreißer öffnen.

Die Gräben sind tief. Nur einer scheint schichten-, alters- wie geschlechterübergreifend konsensfähig – Ralf Husmann. Das ist schwer zu glauben, sitzt man dem besten deutschen Gagfabrikanten gegenüber. Der, so fragt man sich rasch, hat „Stromberg“ und „Dr. Psycho“ erfunden? Hat für Anke Engelke Sketche geschrieben und für Harald Schmidt Stand-Up? „Berlin, Berlin“ betextet und „RTL Samstag Nacht“? Husmann, die unsichtbare Bohnenstange mit der unmodernen Fönfrisur, lächelt irgendwo zwischen Standesehre und Bescheidenheit: „Wenn man kein Sportass ist, nicht so gut aussieht und keinen Erfolg bei Mädchen hat“, erinnert er sich mit Resten seiner Dortmunder Kindheit in der Stimme an früher, „wird man halt lustig“.

Und wie. Der 44-Jährige ist lustiger als Michael Mittermeier und Bully Herbig. Kaum vergleichbar all den Kellerschreibern im Mahlstrom hiesiger TV-Bespaßung. Eher ein deutscher Ricky Gervais, jenes britische Genie, dem Husmann die Idee des Bürotyrannen Stromberg, nun ja, entlehnt hat.

Es war der Durchbruch für beide. Für Christoph Maria Herbst, der seinen Stromberg mit einer so schmerzhaften Wahrhaftigkeit hierarchischen Denkens versah, dass die Grenze zwischen Reportage und Fiktion verwischt wurde. Und für Husmann, eine Frohnatur die den Karneval hasst, „ein Sicherheitsmensch“, der sich vom Witzeschreiben materielle Sicherheit erhoffte, keine Selbstverwirklichung.

Seither gilt das Hirn der Produktionsfirma Brainpool nicht nur als begnadeter Autor, sondern Vater einer Art Humor, die es bis zur ersten „Stromberg“-Staffel vor fünf Jahren im Fernsehen kaum gab – Klamauk ohne Klischees, Anspruch ohne die Aura von Arte, Schadenfreude, ohne zu schädigen. Humor also für alle.

So funktioniert auch seine neue Serie. „Der kleine Mann“ ist, was der Titel verheißt – unscheinbar, bieder, komisch. Bjarne Mädel, in „Stromberg“ als Sachbearbeiter Berthold „Ernie“ Heisterkamp bereits zum Opfer seines Abteilungsleiters degradiert, spielt einen stinknormalen Verkäufer mit schütterem Haar und ereignislosem Alltag, der als Werbefigur zu etwas Bekanntheit gelangt.

Und vielleicht muss man sich Ralf Husmann ein wenig wie diesen Zwerg im Rampenlicht namens Rüdiger Bunz vorstellen. Von ganz unten stieg dessen Schöpfer hinauf ins Showbiz, der Hilfsarbeitersohn mit Abitur. Über Johannes Mario Simmel kam er zum Schreiben, über ein Szenemagazin zum Humor, über die Kabarettbühnen der Achtziger und „Stern TV“ der Neunziger, wo niemand sonst die lustigen Beiträge machen wollte, zu einer lachenden Selbstbehauptung, die dem dünnen Ralf mit der Fistelstimme so keiner zugetraut hätte. So erscheint sein Humor letztlich wie eine Abrechnung mit der eigenen Biografie.

Eine augenzwinkernde – denn seine Strombergs und Dr. Psychos, Bertholds und Rüdigers sind wir alle und auch wieder nicht, die da oben und der Rest darunter, Objekte und Subjekte, Täter und Opfer in einem. Vor allem aber – Männer! Das Wesen der Frauen, betont Husmann, sei eben weit diffiziler als das der Herren der Schöpfung und damit weniger humortauglich. Also gehen bei ihm die alten Sieger des Geschlechterkampfes baden. Denn Scheitern, weiß der Humorprofi, „ist Spaß“. Man müsse nur die Fallhöhe genau messen. Wer über Verlierer lache, tue dies schließlich aus zwei Gründen: „Weil man nicht will, dass einem so was selber passiert.“ Mehr aber noch, weil man sich mit Opfern leichter identifizieren kann „als mit Familie Sonnenschein. Schließlich werden die meisten von uns häufiger geschubst als dass sie selbst schubsen.“ Wer da die Mitte findet, macht aus Schadenfreude Anteilnahme.

Also sucht er den Witz im Alltag und im Handeln der Protagonisten. Husmann nennt es die „Humorbegabtheit des Ehrlichen“. Bernd Stromberg glaubt ja tatsächlich, er könne „nur charmant“, während er sich wie die Axt im Weiberwald verhält. So wie Rüdiger Bunz seinen Tisch im Edelrestaurant aufrichtig damit einfordert, „Der kleine Mann“ zu sein („Sie wissen doch…“), eine Ikone des Unterschichtenfernsehens.

„Meister des Erbärmlichen“ hat man Husmann dafür genannt und das als Kompliment gemeint. Dass er damit zum Quotengift für Pro Sieben wurde, preisgekrönt zwar, aber von der Masse gemieden, stört ihn nicht. Der Sender wisse zu schätzen, dass die Feuilletonisten auch einmal etwas Nettes über sein Programm schrieben. Sicher, „die hätten’s gern mal etwas stylischer“. Aber das gibt’s bei ihm nicht, sagt er. Ebenso wenig wie Handtaschenwitze und Lärm als Pointe: „Den Eltern eines Neugeborenen einfach mal zu sagen: ,Bei aller Liebe, euer Baby ist ja echt hässlich‘ – das finde ich komisch.“

Von Jan Freitag

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