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Vater und Sohn: Alfried Krupp (gespielt von Benjamin Sadler, r.) und Arndt von Bohlen und Halbach ( Nikolai Kinski) .

Zum ZDF-Film: Beate Wedekind über den letzten Krupp

Arndt von Bohlen und Halbach führte ein ausschweifendes Leben. Vielen galt der letzte Krupp als nutzloser Genießer. Unsere Autorin Beate Wedekind kannte ihn gut. Anlässlich des ZDF-Dreiteilers „Die Krupps“ erinnert sie an ihn – und zeichnet ihn als sensiblen, wohltätigen Schöngeist.

Nachdem ich mir die beiden ersten Folgen der Krupp-Verfilmung im ZDF angesehen habe, möchte ich mich hier gern an einen Mann erinnern, an Arndt von Bohlen und Halbach, der der letzte Krupp war – und in dem Film nur eine kleine Rolle spielen wird, allerdings gut verkörpert von Nikolai Kinski.

Beate Wedekind.

Lange ist es her, als ich Society-Reporterin war. Von 1983 bis 1988 erschien in BUNTE meine Gesellschafts-Kolumne „Mein Rendezvous“, für die ich jede Woche an einen anderen Jet-Set-Ort reiste und beobachtete, was das bunte Völkchen so trieb. Wenige Menschen haben mich nachhaltig beeindruckt. Einige haben mich köstlich amüsiert (wie der Fürst von Thurn und Taxis, der einen skurrilen Humor hatte). Bei anderen erlebte ich großzügigste Gastfreundschaft (wie bei Gunter Sachs, der Gäste nach Strich und Faden verwöhnte). Ins Herz geschlossen hatte ich aber einen Mann, der leider früh sterben musste. In diesen Tagen geht der Name seiner Familie mal wieder durch die Presse. Man spricht über die Krupps, weil Iris und Oliver Berben die Familiengeschichte für das Fernsehen verfilmt haben. (Ich finde, man hätte das gesellschaftsrelevanter machen können; so ist es nicht mehr – aber auch nicht weniger – als eine unterhaltsame Herz-Schmerz-Story. Eigentlich schade.)

Arndt von Bohlen und Halbach, der letzte direkte Nachfahre der Familie Krupp, war eine Seele von Mensch. Ich habe ihn in den frühen achtziger Jahren in München kennengelernt, da war er Anfang 40, von zarter Schönheit und geheimnisvoller Melancholie. Sein wildes Jet-Set-Leben hatte er bereits hinter sich gelassen. „Ich habe alles erlebt, was ein Mensch nur erleben kann“, sagte er mir einmal und meinte damit nicht nur die ausschweifenden Erlebnisse eines reichen Mannes. Es gab wenig, unter dem Arndt von Bohlen und Halbach nicht litt, am meisten wohl unter dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hatte: das des verachtenswerten reichen Frührentners, der es niemandem recht machen konnte, auch sich selbst nicht. Ein ewiger Zweifler, oft bis an den Rand der Verzweiflung und der Selbstaufgabe.

Er hatte das Image des nutzlosen Genießers selbst heraufbeschworen, aber er wurde es nicht mehr los. Auch, wenn er längst seinen Lebensinhalt in der guten Tat gefunden hatte. Seine Sorge galt den Armen in Thailand, dorthin schickte er einen Großteil seines Vermögens, dort baute er Schulen, Krankenhäuser und ganze Dörfer für alte, vergessene Menschen. Dort holte er sich die Anerkennung, nach der er so lechzte. Aber er half auch vollkommen Fremden, die ihm Bettelbriefe schrieben. Penibel vermerkte er die Namen und Summen in einer handschriftlichen Liste, es waren oft Tausender, die er verschenkte.

Gern machte er sich um andere Sorgen, wohl um von seiner eigenen Seelennot abzulenken. Er war sehr auf sein Äußeres bedacht, stets elegant extravagant gekleidet, stets perfekt manikürt, stets dezent geschminkt. Ein Mensch wie aus einer anderen Welt. Und dann wurde er krank, schwer krank – und er wusste, dass seine Jahre gezählt waren. Er konvertierte zum katholischen Glauben, zog sich auf sein Schloß Blühnbach bei Salzburg zurück. Er hatte alles geregelt, erwartete den Tod und sehnte sich nach Erlösung und dem Leben danach. Täglich ging er in die Kapelle, betete und beichtete. Am Ende war er von fröhlicher Leichtigkeit, da blitzte sogar Humor auf.

Als sich sein Leben dem Ende zuneigte, hatte Arndt von Bohlen und Halbach eine große Sorge: Ob sein künstliches Kinn auch perfekt aussehe. Es war aus hautfarbenem Plastellin fein modelliert, aber innen zerfressen vom Mundbodenkrebs, an dem er 48-jährig am 8. Mai 1986 im Münchner Klinikum Großhadern starb. Ebenso groß war seine Sorge, was aus seinem thailändischen Weggefährten werden würde. Joy, Freude, so hieß der zerbrechlich schöne, fürsorgliche junge Mann, den der letzte Krupp zärtlich liebte.

Was für ein Leben! 1938 als einziges Kind des Industriellen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach und seiner entrückt schönen Frau Anneliese geboren (die Ehe galt als nicht standesgemäß und wurde 1942 geschieden), wuchs er auf den Landsitzen der Familie auf. Wie sein Vater hatte er puppenhaft weiche Züge, und er soll als Junge seine Homosexualität entdeckt haben, die er wohl mit Urgroßvater Friedrich Alfred Krupp (1854–1902) teilte. Nach dem Krieg besuchte Arndt Internate, studierte auf Wunsch seines Vaters Jura, Volks- und Betriebswirtschaft. Als letzter Nachfahre der Krupp-Dynastie war sein Weg vorgezeichnet: Er sollte das mächtige Industrie-Erbe antreten. 1966, als Krupp in die Krise geraten war, überzeugte Alfried Krupps Vertrauter, der Generalbevollmächtigte Berthold Beitz, Arndt zum Verzicht auf sein Erbe von geschätzten 2,5 bis 3,5 Milliarden Mark. Stattdessen standen dem 28-Jährigen fortan zwei Millionen Mark Apanage pro Jahr zur Verfügung, was ihm den Titel „reichster Frührentner Deutschlands“ einbrachte.

In der Tat widmete der sensible Schöngeist sein Leben vorrangig dem Vergnügen. Seine Wohnsitze waren die schönsten, die man seinerzeit finden konnte: das Georgenpalais in München-Schwabing, ein Palast wie aus tausendundeiner Nacht in Marrakesch, eine Villa in Palm Beach. Und Schloß Blühnbach in Tirol aus dem 17. Jahrhundert, das sein Großvater erworben hatte, seit der Kindheit Arndts wahres Zuhause. Seine Einsamkeit überspielte er mit Jetset-Extravaganzen: Im offenen Rolly Royce im Schritttempo über die Münchner Leopoldstraße kutschierend, auf der Suche nach neuen Gespielen für die Nacht; mit Juwelen behangen am Strand von Saint- Tropez; im durchsichtigen Kaftan am Pool seines marokkanischen Palastgartens.

In der Schlosskapelle von Blühnbach heiratete er 33-jährig die herbe, großherzige österreichische Prinzessin Hetty von Auersperg – eine Vernunftehe, mit dem Ziel, einen Erben zu zeugen, was nicht gelang. Es entwickelte sich eine Lebensfreundschaft von großer Tiefe. Die Briefe, die er mit seiner fein geschwungenen Handschrift an sie schrieb, sind ein einziges Flehen nach Nähe und Verständnis.

Eine andere Freundschaft prägte sein Leben bis zum Ende: die zum thailändischen Königspaar Bumiphol und Sirikit, die Arndt 1961 in seines Vaters Villa Hügel in Essen kennengelernt hatte. Er verliebte sich in das Land – und in die geschmeidigen jungen Männer, die ihn, den Krösus aus Europa, vergötterten. Aber er sah auch das Elend, baute Schulen in den Elendsvierteln von Bangkok, Leprastationen für die Ärmsten und Altersheime für die vergessene Generation. Mehrere Monate im Jahr weilte er in seiner Wahlheimat, wo die Notleidenden ihm jene Verehrung entgegenbrachten, die ihm als Erben ohne Aufgabe nie zuteil wurde.

Vor seinem Tod versammelte er einige Freunde auf Schloss Blühnbach, wo er mit Pomp als Ritter in einen hohen katholischen Orden aufgenommen wurde. Als das Fest sich dem Ende zuneigte, ließ er sich von Joy einen Bourbon Whiskey bringen und zog sich mit wenigen Vertrauten in einen Erker zurück. Mit sanfter Stimme las er jene Passagen aus seinem Testament vor, die seine Beerdigung betrafen, die Musik, die Blumen, der Sarg und das Ornat, das er auf seinem letzten Weg tragen wollte.

Seine letzte Frage des sentimentalen Abends war: „Werden die Menschen mich in Erinnerung behalten?“ Ja, sie werden. In Thailand ist er heute noch, mehr als 20 Jahre nach seinem Tod, ein Volksheld, weil Joy, sein letzter Lebensgefährte und Erbe, sein gutes Werk fortführt.

Seine Mutter Anneliese, die ihm bei seinem letzten Atemzug die Hand hielt, hat ihn um zehn Jahre überlebt, die Bohlen–und–Halbach–Stiftung hat dem letzten Krupp insgesamt 38 Millionen Mark ausgezahlt – Peanuts, wie Banker heutzutage sagen würden.

Seine Beerdigung war ein schönes Fest. Joy sorgte, auch gegen den Widerstand der Verwandtschaft, für jedes Detail. Arndt von Bohlen und Halbach hat seine letzte Ruhe in der Kapelle von Schloss Blühnbach gefunden, dort, wo er in seinen letzten Tagen jeden Morgen gemeinsam mit Joy um sein Seelenheil gebetet hatte. Sein Münchner Stadtpalais an der Georgenstraße, wo er in den 60er- und 70er-Jahren wildeste Feste feierte, beherbergt nun Anwalts- und Wirtschaftsprüferkanzleien, Schloss Blühnbach kaufte ein amerikanischer Millionär, der es restaurieren ließ und zweimal im Jahr für wenige Wochen bewohnt, wenn er zu den Salzburger Festspielen kommt. Auch der Palast in Marrakesch wurde veräußert; Hetty von Bohlen, die Witwe, ist dort ab und zu Gast. Berthold Beitz, der den jungen Arndt vom Erbverzicht überzeugte, steht nach wie vor der Familienstiftung vor. Er ist, wenn man so will, der einzige überlebende Krupp – weit über 90 Jahre alt.

von Beate Wedekind

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