Modepüppchen im Kuhstall: Drei Wochen haben die beiden Glamourgirls

München - Gülcan (Kamps) und Collien (Fernandes) auf einem oberbayerischen Bauernhof mitgearbeitet. Die Höhepunkte des Landlebens auf Zeit sind ab heute jeweils dienstags um 20.15 Uhr bei Pro Sieben zu sehen.

Wenn Gülcan Kamps (24) und Collien Fernandes (26) in einem verträumten Bergdorf landen, ist das gewiss ein Kulturschock. Melken und Mähen sind nicht gerade typische Tätigkeiten junger Glamourgirls. Doch die Dreharbeiten zur Dokusoap "Gülcan und Collien ziehen aufs Land" waren auch für die Ortschaft Grainbach, Gemeinde Samerberg (Landkreis Rosenheim) ein Erlebnis. "Die Küche war plötzlich immer voller Menschen", erinnert sich Konrad Estermann an jene drei Wochen, da Pro Sieben die Viva-Moderatorinnen samt Entourage auf seinen Hof schickte.

"Gülcan und Collien ziehen aufs Land" ist, wie es die Erstgenannte beschreibt, "der Sprung in ein völlig anderes Leben". Ob dabei kein Abklatsch der Serie "The Simple Life" herauskam, in der zwei amerikanische Millionenerbinnen auf dem gleichen Kanal eine Farm in Arkansas bekicherten, wird sich zeigen. Mit dem "Tussigehabe" von Paris Hilton und Nicole Richie, beteuert Gülcan, die bereits live bei Pro Sieben heiratete, habe das alles nichts zu tun: "Das war nur inszenierter Quatsch."

Immerhin einer, der im Trend liegt. Das Fernsehen öffnet sich dem Landleben. Angefangen hat die Rückkehr zur Scholle im "Schwarzwaldhaus", als die ARD im Jahr 2002 das Rad der Zeit um 100 Jahre zurückdrehte und einige deutsch-türkische Hauptstädter wie leibeigene Bauern schuften ließ. Die "Reality-Dokusoap" erinnerte an eine Art "Big Brother" auf dem Land, ohne Gossensprache, dafür mit echter Erschöpfung.

Dank sechs Millionen Zuschauern entdeckten daraufhin viele Sender die Sogwirkung des Existenztauschs und verpflanzen nun immer mehr Menschen in gänzlich neue Umfelder, mit Vorliebe aus der Stadt aufs Land. Kabel 1 schickte 2004 ein paar Wuppertaler auf den Bauernhof und nannte es "Hilfe, die Großstädter kommen!" Nachdem RTL im Vorjahr "Familien auf dem Land" observiert hatte, ging der Sender gerade zum dritten Mal für ledige Hoferben auf Brautschau.

Und "Bauer sucht Frau" war nicht nur beim begehrten Publikum von 14 bis 49 ein Hit, sondern auch in der wahren Zielgruppe. Statistisch gesehen, schaltete jeder zweite Landwirt ein.

Dabei ist es vor allem die Faszination des Anderen, die solche Formate generiert - ein provinzielles Verlangen nach dem Glanz der weiten Welt, mehr aber noch eine urbane Illusion glücklicher Kühe auf saftigen Wiesen in gesunder Luft, ein Bedürfnis nach heiler Welt also. Kein Wunder, dass Pro Sieben seine kamerabegleitete Stadtflucht als "Kulturclash-Dokusoap" bezeichnet.

Erst nach ein paar Tagen, sagt Konrad Estermann, habe seine sechsköpfige Familie die Scheu vor der Kamera abgelegt. Dann aber lobt er die Sommerfrischler nach Kräften. "Nette Leit" seien die jungen Städter am Set gewesen. Die Hauptdarstellerinnen waren dem 44-Jährigen nach den "Bauchschmerzen, ob die wohl eingebildet sind, gleich sympathisch". Und sie hätten sich bei der Feld-, Stall- und Hausarbeit auch "geschickt angestellt".

Da nimmt man ein paar Ungereimtheiten in Kauf. Dass es auf dem Milchviehhof plötzlich auch Schweine gibt, Konrad Estermann den Trailer zur Serie aller Harmonie zum Trotz mit dem Seufzer "Des is a Albtraum!" beschließt und das Format bei Pro Sieben unter der Rubrik "Celebrity" firmiert etwa.

Doch das Ganze lebt ja von inszenierten Widersprüchen. Da reisen zwei Modepüppchen mit 15 Koffern an, müssen aber ihre Handys abgeben und verdienen angeblich 2,50 Euro am Tag. Das Format zehrt eben vom privatsendertypischen Voyeurismus, vom Reiz des Gequiekes zweier Sternchen beim Verrichten atavistischer Tätigkeiten, die weiter weg sind von ihrem Alltag als Landwirte von der Jungsteinzeit. Aber auch von einem gestiegenen Bedarf nach Vermittlung von Werten wie Familie und Leben mit der Natur.

Das befristete Umtopfen verwöhnter Großstädter ist also zunächst mal nur ein Unterhaltungskonzept für die Zielgruppe der Frauen unter 25. Zugleich aber klingt sie nach Freizeitvergnügen heutiger Grünen-Wähler. Man ist marken- und umweltbewusst in einem, beschwört die Nachhaltigkeit, ohne Verzicht zu üben. Kein Wunder, dass Pro Sieben die Serie im Netz unter "Lifestyle" verbucht.

An dem durften auch Konrad Estermanns Söhne schnuppern. Sie wurden zur Preisverleihung eines Musiksenders geladen - "in den VIP-Bereich", erzählt der Vater stolz, "neben ,Tokio Hotel". Mal sehen, ob Markus und Thomas später den Hof noch übernehmen wollen. Nach diesem Kulturschock.

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