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Sie hat so viel zu tun, deshalb hilft das Fernsehen bei der Suche nach dem Traummann: Giulia Siegel im Kreise von vier Bewerbern.

Moderne Fleischbeschau

„Giulia in Love?! oder Warum so viele Halbpromis im Fernsehen balzen dürfen

Eigentlich hat Giulia Siegel alles, was eine erfolgreiche Partnersuche möglich macht. Als Ex-Dschungelcampbewohnerin ist sie recht populär, als Schlagerfabrikantentochter finanziell abgesichert, als Frau schön anzusehen. Dennoch sucht die 34-jährige Fotografin, Künstlerin und DJ , so ihr Berufsprofil, ausgerechnet auf dem Bildschirm einen Mann. „Giulia in Love?!“ heißt die Kuppelshow, die von morgen an sieben Mal jeweils donnerstags um 20.15 Uhr auf Pro Sieben läuft, und einmal mehr fragt man sich, warum immer mehr Prominente ihr Privatleben vor laufender Kamera entblößen. Es ist ein Rätsel.

Ist es das? Eher nicht. „Ihre Währung ist Aufmerksamkeit“, sagt der Medienwissenschaftler Knut Hickethier über die moderne Fleischbeschau im TV: „Und das ist eine verderbliche Ware.“ Sie ständig auffrischen zu müssen, gilt für die Regionalbekanntheit Giulia Siegel ebenso wie für den globalen Altrocker Ozzy O. Dessen Homestory „The Osbournes“ war vor sieben Jahren nicht nur der erste serielle Blick der Fans in die Gemächer ihrer Idole, sondern der größte MTV-Erfolg überhaupt und somit stilbildend.

Von der Popsängerin Mariah Carey bis zum Wrestler Hulk Hogan ließen sich fortan viele Stars vom Musikkanal in ihren Alltag linsen. Hierzulande öffnete vor sechs Jahren Jürgen Drews, als der erste Sender anklopfte. Es war RTL 2. Heute klopfen sie alle. Und geöffnet wird immer öfter. Warum nur? Von den gelben Blättern bis zum „Leserreporter“ der „Bild“-Zeitung ist der Boulevard schließlich schon jetzt auf der Dauerjagd nach pinkelnden Promis. Es muss folglich etwas anderes sein, das eine Giulia Siegel wie demnächst Desirée Nick, Maja von Hohenzollern und Sabrina Setlur als „Die Promisingles“ auf den Flatscreen der Nation treibt.

„Wer sonst nichts zu bieten hat, muss sich ständig selbst zelebrieren“, erklärt Medienexperte Hickethier. Und so ringen Mausi und Richard Lugner als Inventar des Wiener Opernballs in einer österreichischen Dokusoap mit dem Bedeutungsverlust des alten Jetsets. So begibt sich ein Boris Becker derart lückenlos unter die Kontrolle der Regenbogenpresse, dass ihm die verkaufte Hochzeit mit seiner Lilly wohl tatsächlich bedeutsam vorkommt.

Denn diese „Meisterleistung der Relevanzanmaßung“ ( FAZ ) trifft auf viele Exhibitionisten der Aufmerksamkeitsökonomie zu. Ex-„Tagesschau“-Sprecherin Susan Stahnke bei der Darmspiegelung, Ex-Schauspielerin Brigitte Nielsen beim RTL -Lifting „Aus Alt mach Neu“, Ex-Fußballer Stefan Effenberg beim Villenkauf auf gleichem Kanal – so viel Ex lässt auf ökonomisches Interesse am Striptease im Fernsehen schließen.

Eigenmarketing, von dem auch die Medien was haben. RTL und „Bild“ profitieren von exklusiven Infos aus dem Privatleben eines Sympathieträgers wie Boris Becker. Und so günstig wie eine Dokusoap lässt sich kein fiktives Format erstellen. Wer spricht da schon von Qualität? Und trotzdem gelang es Pro Sieben, selbst mit einer Banalität wie der „Traumhochzeit“ von Viva-Moderatorin Gülcan mit dem Bäckererben Sebastian Kamps Zuschauer und Werbekunden zu gewinnen. So wie zuvor mit „Sarah & Marc in Love“.

Der Blick ins Allerheiligste hat Geschichte. Schon in der Heimatfilmzeit ließen die Illustrierten Homestorys regnen. Talkrunden lassen seit den Siebzigern Promis plaudern, die Margret Dünser zu gleicher Zeit für ihre „V.I.P.-Schaukel“ im ZDF auch daheim besuchte. Stets waren dabei Gefühle von besonderem Interesse, am liebsten mit Happy End vorm Altar. Das sorgte ja schon bei Charles und Diana fürs erste Milliardenpublikum bei einem Event abseits vom Sport. Der Welt entfährt offenbar ein kollektives „Hach!“ beim Anblick weinender Bräute.

Entscheidend für den jüngsten Boom aber, sagt Professor Hickethier, ist die Angebotsebene: „Je mehr Fernsehformate es zur Selbstveröffentlichung gibt, desto mehr wird auch selbstveröffentlicht“. Frauen wie Giulia Siegel finden also offenbar keinen Mann, aber immer eine Plattform. „Ich arbeite sechseinhalb Tage die Woche“, rechtfertigt sie sich übrigens. Dann kämen die Kinder, und am Wochenende , „wenn andere Zeit zum Flirten haben, sitze ich im Flieger oder bin in Hotels und Clubs zum Arbeiten“. Arme Giulia, aber – wie gut, dass es das Fernsehen gibt!

von Jan Freitag

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