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Einen Jux wollt’ er sich machen: Harald Schmidt als Polonius in seinem Stuttgarter "Hamlet"-Musical.

Staatstheater Stuttgart

Ein Mordsspaß - Schmidts Musical

Das ist jetzt ein Problem. Denn wann immer man künftig "Hamlet" besucht, Cat Stevens’ "Father and Son"-Melodie wird automatisch zum "Sein/nicht sein"-Text aus der Erinnerung aufsteigen.

Ebenso Madonnas "Like a virgin" zu Ophelias erstem Auftritt oder "Das hab’ isch in Paris gölärnt" zu Laertes’ Rückkunft. Ergo: Man ist verdorben fürs Stück - und darf sich dafür herzlich bedanken beim Stuttgarter Staatsschauspiel und seinem gerade uraufgeführten, ausgiebig bejubelten Musical "Der Prinz von Dänemark".

Ein Super-Promi als Zugmaschine fürs Bühnen-Event, das ist ja gerade schwer in Mode. Stuttgart spannte, nach der Elvis-Hommage 2007, Harald Schmidt ein zweites Mal vor den Karren. Und der knüpft mit dieser Produktion an seine Anfänge an bzw. ist endlich dort, wo ihn nie ein Intendant haben wollte: an der Rampe des Staatstheaters.

Seit dieser Saison ist Schmidt also offizielles Ensemblemitglied. Und die schwäbischen Kollegen staunen über den Egomanen: So demütig, so bescheiden habe man sich den TV-Ätzer gar nicht vorgestellt.

Seit Jahrhunderten muss sich Shakespeare Dramenfleddereien bis zum ultimativen Eindampfen ("alles an einem Abend") gefallen lassen. Und das ehrwürdige Schauspielhaus als Schlagerparaden-Ort, das sind vor allem die Münchner dank der Wittenbrink-Liederabende in den Kammerspielen gewöhnt.

Doch Konzeptlieferant Harald Schmidt und Regisseur Christian Brey bieten in Stuttgart eine so abartige wie schrille Spielart. Auch wenn’s in den ersten fünfzehn Minuten nach flachwitzigem Bubenstück aussah: Der "Hamlet"-Abend funktioniert prächtig. Als respektlose, zeitgeistige, intelligente Kurzfassung, zugleich auch als Liebeserklärung an einen Meister, dessen fünfaktige Tragödie tatsächlich in 85 Minuten plausibel und anspielungsreich nacherzählt werden kann: Warum eigentlich, grübelt da der amüsierte Zuschauer, gehen die Theater dann stets über die volle Distanz?

(W)irre Männer in engen Strumpfhosen und Frauen mit Schneckenrollzöpfen parlieren also die klassische Übersetzung von Schlegel. Schmidt taucht auf als Hofkämmerer Polonius mit Pagenkopf, macht aber als Geist des Vaters à la "Harry Potter" in weißer Dumbledore-Tracht bessere Figur und stimmt als Yoricks Schädel zarte Liedchen aus dem "Weißen Rössl" an, dies im Duett mit dem Titelhelden.

Und der, nicht der Fernsehstar, dominiert diesen Stuttgarter Abend: Benjamin Grüter als Hamlet ist ein Humor-Ereignis. Mit spindeldürrem, spinnenhaftem Standbein-/Spielbein-Tänzeln, angewiderter Miene und dem gebotenen, bebenden Monolog-Ton. Ein "Black Beauty", wie ihn der heftig verknallte Laertes nennt, für den die knatschstimmige Ophelia der Lilly Marie Tschörtner wirklich nur lästige Episode bleiben kann.

Ob das Ulkduo Thomas Eisen und Sebastian Schab als Horatio/Laertes bzw. Rosenkranz/Güldenstern, ob Marietta Meguid als Königin am Rande des Nervenzusammenbruchs oder Martin Leutgeb als tanzbäriger König: Alle haben sie einen Mordsspaß an der Arbeit. Die Aufführung bleibt aber nicht Studentenulk, bei dem das Personal auf der Bühne am meisten lacht, sondern steckt tatsächlich das Publikum an. Gesungen wird Passendes zur gerade aktuellen "Hamlet"-Situation von "O, sein Papa" über "I’m the great pretender" bis "Wunder gibt es immer wieder", Harald Schmidts "Ehrenwertes Haus" zur Umkleide-Überbrückung der Kollegen ist dabei einer der größten Abräumer. Den passenden Rock-Evergreen-Schnulzensound liefern die vier Instrumentalisten von "Fort’n’Brass".

Und die Inszenierung selbst: eine Promenadenmischung aus Monty-Python-Witz, Glitter-Revue, beängstigend spektakulären Fechtszenen und originalen Textstrecken. Wobei Letzteres im Falle von Polonius alias Schmidt dann doch den Beweis führte: Der Mann, mag er sich noch so tief vor Shakespeare verbeugen, ist einfach zu Recht im Fernsehstudio gelandet.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen:

2., 7., 8., 30. November 2008;

Kartenbestellungen: Telefon 0711/ 20 20 90.

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