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Haben sie bei der Festnahme eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde einen Fauxpas begangen? Die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l.) und Ivo Batic (Miroslav Nemec), werden vom Oberstaatsanwalt (Norbert Heckner) gerügt.

Münchner Tatort: Die Sache mit der Nase

Der neueste „Tatort“ aus München, „Ein ganz normaler Fall“, spielt in der jüdischen Gemeinde.

Es ist die Szene, die mitten hinein führt in die Problematik. Die Kommissare Ivo Batic (Miro Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) müssen zum Rapport beim Oberstaatsanwalt, sie haben einen orthodoxen Juden (Alexander Beyer) nach kurzer Verfolgungsjagd festgenommen und sich geweigert, ihm die heruntergefallene Kippa zurückzugeben. Nun sollen sie sich bei der jüdischen Gemeinde entschuldigen, fordert der Jurist, nicht ohne hinzuzufügen: „Sie wissen doch, wie die sind!“

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Premiere im Jüdischen Zentrum: Nach der Sichtung des neuesten „Tatort“ aus München lauschte das Publikum der Diskussion auf dem Podium.

„Ein ganz normaler Fall“ heißt dieser 60. „Tatort“ des Duos Batic/Leitmayr, den die ARD am Sonntag um 20.15 Uhr zeigt, aber – wie der Titel schon suggerieren will – natürlich ist nichts normal, denn der Mord, mit dem sich das Münchner Duo hier beschäftigen muss, ist in den Räumen der Israelitischen Kultusgemeinde geschehen. Die Kripo ermittelt in der Gemeinde, sie muss einem Rabbiner (André Jung) unangenehme Fragen stellen und das Leben des Ermordeten (Oliver Nägele) durchleuchten, der nicht gerade sehr beliebt war.

Ein außergewöhnlicher „Tatort“-Schauplatz, außergewöhnlich genug, um diesen Film genau hier, im Jüdischen Zentrum am Jakobsplatz, vorab vor großem Publikum zu zeigen und anschließend darüber zu diskutieren. Außergewöhnlich, das wurde bei der von Amelie Fried moderierten Runde schnell deutlich, waren schon die äußeren Umstände der Arbeit am Film. Als „beklemmend“ habe er die Sicherheitsvorkehrungen im Gebäudekomplex empfunden, gestand Udo Wachtveitl, und auch Miro Nemec zeigte sich beeindruckt: „Man denkt: Es kann also doch etwas passieren!“

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, sah den Dreh im eigenen Haus – einige Szenen entstanden sogar in der Synagoge – dagegen als Chance: „Wir hatten die Gelegenheit zu zeigen, dass dies ein offenes Haus ist.“ Der 79-Jährigen ist es wichtig, „die Verkrampfung zu lösen und in die Zukunft zu schauen. Wir sollten uns mit Respekt begegnen“, sagte Knobloch, „dann werden wir erkennen, dass der andere gar nicht so anders ist.“

Nicht leicht in die Tat umzusetzen, wenn, wie der Münchner Historiker Michael Brenner, anmerkte, „so viele Fettnäpfchen herumstehen“. In Deutschland sei ein Film, der im jüdischen Milieu spiele, immer auch zugleich ein Grundkurs im Judentum, hat Brenner beobachtet. Tatsächlich führt der „Tatort“ durchaus mit pädagogischem Unterton ganz unterschiedliche Figuren vor – den strenggläubigen Chassid ebenso wie den nichtreligiösen Juden, den nur noch eine diffuse Tradition an die Gemeinde bindet. Auch über Sitten und Gebräuche und durchaus archaisch zu nennende Gesetze wird en passant Auskunft gegeben.

Drehbuchautor Daniel Wolf bekannte, Kompromisse gemacht zu haben, die allerdings in erster Linie der Dramaturgie des Krimis („die Königsdisziplin des Films“) geschuldet gewesen seien. Doch auch die Geschichte hat er am Ende entschärft: „Es war ja eigentlich ein Unfall, kein Mord“.

Die Hauptdarsteller, vor allem Wachtveitl, demonstrierten Entspanntheit („Ich hab’ mit Religion nichts am Hut, da macht auch die jüdische keine Ausnahme.“), zeigten aber dennoch Haltung. Die zitierte Szene geht nämlich noch weiter. Leitmayr, eben noch vom Oberstaatsanwalt gerügt, deutet auf seine Nase und „verrät“, seine Großmutter mütterlicherseits sei Jüdin gewesen. Die Antwort kommt prompt: „Oh, tut mir leid, das wusste ich nicht.“ Er habe diesem falschen Philosemitismus einfach etwas entgegensetzen wollen, erläuterte Wachtveitl, der selbst die Idee zu diesem Dialog hatte: „Das Klischee von der jüdischen Nase sollte zeigen, wie absurd dieser pseudowissenschaftliche Blödsinn ist.“

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