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Große Kunst: Songma (Huichi Chiu) führt Prof. Boerne ( Jan Josef Liefers) durch eines ihrer Werke im Westfälischen Landesmuseums

Ermittler mit Filmriss

Münster-"Tatort": Boerne unter Mordverdacht

Münster - Verwirrung im neuen Münster-"Tatort": Boerne wird verdächtigt, eine chinesische Prinzessin ermordet zu haben. Und Thiel verdächtigt sich selbst, eine Liebelei mit Kollegin Nadeschda angefangen zu haben.

Die chinesische Prinzessin Songma (Huichi Chiu) ist von ihrer Kunst angeödet. Und noch mehr von den Betrachtern. „Sind Ihre Toten auch so langweilig wie diese Leute hier?“, fragt sie Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und verlässt mit ihm ihre eigene Vernissage in Münster. Die Chiunesin bevorzugt Boernes Leichenschau in der Rechtsmedizin. „Sie sind ein Künstler“, sagt sie anerkennend und betastet mit Gummihandschuh-Fingern ein eingelegtes Herz. Dem Professor im Smoking gefällt das.

Boerne redet und redet, macht erst eine Pause, als sich die Prinzessin ein weißes Pulver, vermutlich Kokain, durch die Nase zieht. Er atmet schwer, findet Songma absolut atemberaubend. Sie lächelt - nicht schwärmend, sondern kühl - und zieht den Reißverschluss ihres Kleides bis zum Bauch herunter. Noch ein Kuss, dann ist Schluss. Denn wenn die Zuschauer des neuen ARD-„Tatort“ aus Münster (Sonntag, 20.15 Uhr im „Ersten“) die nächsten Bilder aus der Rechtsmedizin sehen, ist die Prinzessin tot - ermordet mit einem Skalpell, das der bewusstlose Boerne festhält. Er hat einen Filmriss, wird verdächtigt und verhaftet.

"Die chinesische Prinzessin" beginnt mit zwei Erzählsträngen

Auch Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) hat vergessen, was er in der vergangenen Nacht getan hat. Zerknautscht, mit fettigem Pony und heiserer Stimme nuschelt er sein übliches „Moinsen“ und guckt zu seiner jungen Kollegin Nadeshda (Friederike Kempter) hoch, die in seiner Schlafzimmertür steht. Haben sie oder haben sie nicht? Thiel weiß es nicht, aber er traut sich nicht, unsensibel direkt zu fragen. Er weiß nur noch verschwommen, dass sein „Vadder“ (Claus D. Clausnitzer), der die zwei im Taxi zu Hause abgesetzt hatte, beim Tschüss-Sagen zu seinem Sohn meinte: „Die steht auf dich!“. Und dass er mit Nadeshda auf seinem Ledersofa versackt war.

Die „Tatort“-Folge „Die chinesische Prinzessin“ von Regisseur Lars Jessen („Mord mit Aussicht“) beginnt also mit zwei Erzählsträngen, die zusammen und für sich allein genommen unglaublich sind: Boerne soll einen Mord begangen haben und Thiel und Nadeshda sollen eine Affäre haben. „Jetzt ist die Kacke am Dampfen“, kommentiert die Staatsanwältin Wilhelmine Klemm - hochtoupiertes Haar wie Edward mit den Scherenhänden, ständig rauchend und großartig gespielt von Mechthild Großmann. Thiel versucht, Boerne zu helfen, was aber schwierig ist, ohne dessen Erinnerung an die Leichenschau und das, was danach kam.

Drehbuchautor Ertener hat komplizierten Fall konstruiert

Drehbuchautor Orkun Ertener hat für seinen achten „Tatort“ einen komplizierten Fall konstruiert und für Münster-Verhältnisse einen ungewöhnlich politischen. „Ich kenne mich mit dem China-Kram nicht aus!“, schimpft Thiel im Krimi. Auch Staatsanwältin Klemm sagt: „Diese chinesische Geschichte wächst uns über den Kopf.“ Einem großen Teil des Publikums vermutlich auch.

Der Fall strengt die „Tatort“-Zuschauer an: viele gleich klingende Namen, ein schwer zu überblickendes Beziehungsgeflecht, ein informierter Kurator, eine Assistentin der toten Künstlerin, die aus Angst schweigt, die Uiguren in China, der chinesische Geheimdienst und womöglich noch die Mafia. Außerdem liegt da noch ein Toter im Wald. Viel Erzählstoff für eineinhalb Stunden und trotzdem schafft es Ertener nicht, permanent die Spannung aufrechtzuerhalten. Vielleicht liegt es auch daran, dass die ermordete Prinzessin Songma den Zuschauern ein bisschen egal ist, so kühl-arrogant wie sie vor ihrem Tod aufgetreten ist.

Die Privatgeschichten bleiben dagegen durchweg spannend: Boerne, der in seinem blauen U-Haft-Overall gar nicht mehr fein aussieht und der seine Mitarbeiterin - seine Lebensretterin - endlich mit „Frau Haller“ statt mit „Alberich“ (ChrisTine Urspruch) anspricht. Thiel, der von seiner Geburtstagsnacht noch so durcheinander ist, dass er seinen Dienstausweis und die Waffe vergisst mitzunehmen und deswegen Ärger bekommt. Und dann ist da noch die verlegene Nadeshda.

dpa

Die 20 Tatort-Teams im Überblick

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