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Hat die Fans hinter sich: Stadl-Moderator Andy Borg.

Streit um Musikantenstadl-Reform

Vergiftetes Klima im Schunkel-Paradies

Der Musikantenstadl soll jünger werden – und einen neuen Moderator bekommen. Das passt nicht allen Zuschauern: Noch gibt es keinen offiziellen Nachfolger für Andy Borg, doch im Internet gehen seine Fans auf die Barrikaden.

Es war der vorletzte Musikantenstadl mit dem geschassten Andy Borg, live übertragen aus Österreich, zwei Tage nach dem Tod des Stadl-Erfinders Karl Moik. 3,7 Millionen Fans saßen in Deutschland vor dem Fernseher. Und dann, wenige Minuten vor Schluss, brach die Übertragung ab. Noch vor der Würdigung Moiks. Der Bayerische Rundfunk entschuldigte sich am nächsten Morgen, eine technische Störung sei schuld gewesen, man könne baldmöglichst die komplette Sendung in der Mediathek ansehen. Doch da war es schon zu spät. Die Fans wüteten im Internet: „Wollt ihr uns für dumm verkaufen?“ oder „peinlich und verlogen“ waren noch die harmloseren Kommentare.

Der Musikantenstadl und seine Fans – die Nerven liegen blank in der vermeintlich heilen Schunkel-Welt. Das Klima ist vergiftet, spätestens seit der beliebte Moderator Andy Borg am 23. Februar das Ende seiner Stadl-Karriere bekannt gab – im Internet, per Facebook. Das versetzte die Szene in Aufruhr. Tausende Kommentare stehen unter der Nachricht, einige lesen sich, als sei Borg gestorben: „Das darf nicht wahr sein, ich könnte heulen“; „ein großer Verlust“.

Der Musikantenstadl ist eine Institution im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, 180 Sendungen gab es seit 1981. Das Konzept Moik und Musik hat lange bestens funktioniert, der Stadl war ein Quotengarant. Doch die Zeiten ändern sich: Von 7,53 Millionen Menschen, die 1994 im Schnitt einschalteten, waren 2004 nur noch 5,73 Millionen übrig. Die Sender – ORF, BR und SRF – zogen 2006 die Reißleine und verlängerten Moiks Vertrag nicht. Dass der Altstar durch den 22 Jahre jüngeren Andy Borg ersetzt wurde, hat Moik nie ganz verkraftet. Weil die Zuschauerzahlen weiter sinken, 2014 waren es nur noch 3,96 Millionen, kommt jetzt die nächste Reform.

Die Sender wollen den Stadl „zukunftsfit“ für ein jüngeres Publikum machen. Immerhin: Stars wie Andreas Gabalier oder Helene Fischer haben viele junge Fans – bloß erreicht der Musikantenstadl diese Zielgruppe bislang nicht. „Stadl neu“ nennen die Sender das Konzept, zu dem auch „eine neue Art der Präsentation gehöre – inhaltlich wie personell“. Andy Borg, 54, muss gehen. Und die Fans gehen auf die Barrikaden.

Stefan Preimesberger, 18 Jahre alt, gerade fertig mit der Matura und Chef des österreichischen Andy-Borg-Fanclubs, zum Beispiel. Er weiß, dass er zu den wenigen jüngeren Zuschauern des Musikantenstadls gehört. Aber das stört ihn nicht. „Ich finde es wichtig, dass es Abwechslung gibt und sich jeder im Programm wiederfindet“, sagt er. „Und da haben ältere Menschen genauso ihre Berechtigung.“ Er startete eine wütende Internetkampagne, um Borgs Absetzung zu verhindern: Zuerst gründete er eine Facebookseite mit dem Namen „Musikantenstadl nur mit Andy Borg“, knapp 1400 Menschen unterstützen ihn im Internet. Die Botschaft ist gnadenlos: Man wolle „eindeutig klarmachen“, dass der Musikantenstadl nur mit Andy Borg akzeptiert „und jedes andere Sendeformat ausnahmslos ignoriert“ werde. Außerdem startete Preimesberger eine Online-Petition, in der er die Programmchefs auffordert, Borg als Moderator zu behalten. 1000 Unterschriften braucht er, dann will er die Liste an die Sender schicken. 700 hat er beinander, nach gut einem Monat. Trotzdem bleibt Preimesberger kämpferisch und spricht von einer „hundertprozentigen Geschlossenheit hinter Andy Borg“.

Die Sender fühlen sich missverstanden: Man wolle „die bisherigen Zuschauer weiterhin abholen, aber darüber hinaus auch zusätzliche Zielgruppen gewinnen“, teilt der BR mit. Die Leute glauben das nicht: Es kursieren wilde Theorien, dass ein neuer Moderator die Quoten in den Keller treiben soll – um irgendwann die Absetzung der ganzen Sendung zu rechtfertigen. Für die Fans steht fest: Das Alter von Andy Borg ist der Grund für den Rauswurf. Ein Mann empört sich im Netz: „Jeder wird älter, sollen wir uns ab 50 die Kugel geben?“ Und die Diskussion verlagert sich zunehmend auf andere Ebenen. Nur ein Beispiel: „Bist du über 35 Jahre, wirst du in dieser Gesellschaft von deinem Arbeitgeber schief angeschaut“, schreibt eine Frau. Eine Bitterkeit, die scheinbar mehr ist als Trauer um das Ende der Borg-Ära – es geht um die Angst, mit zunehmendem Alter nichts mehr wert zu sein. Andy Borg, dessen Vertrag kurz vor seinem zehnjährigen Jubiläum nicht verlängert wird, heizt die Stimmung weiter an. Im März zitierte er im Internet aus Berichten: „...was muss ich da schon wieder lesen?!? Der BR und seine Partner (...) wollen das seit Jahrzehnten laufende Format entstauben... Erst bin ich zu ALT – jetzt zu VERSTAUBT.“ Tausende zeigen ihre Zustimmung mit dem „Gefällt mir“-Knopf.

Gerade die älteren Fans verstehen Borgs Absetzung als indirekten Vorwurf – der Wiener Musiksoziologe und Musikantenstadl-Experte Michael Weber kann das nachvollziehen: „Andy Borg ist deutlich über 50, und wie wir alle erfahren können, werden über 50-Jährige insgesamt an den Rand der Gesellschaft gedrängt.“

Freilich gibt es auch Fans, die nicht lautstark schimpfen – sondern sich im stillen Kämmerlein wundern. Erna Lipp, 75, Stadl-Fan von Anfang an, sitzt in ihrer Wohnung in Altötting auf dem Sofa. „Da kann man bloß den Kopf schütteln“, sagt sie. „Mit 54, mein Gott, da bin ich doch noch jung gewesen!“ Sie glaubt nicht, dass das Verjüngungs-Konzept aufgeht: „Die Jungen gehen doch viel lieber in die Disko, als dass sie sich das anschauen!“ Um Andy Borg tut es ihr leid, sie findet, dass er seine Sache gut macht. Ihr ist aber vor allem wichtig, dass es den Stadl weiterhin gibt – egal mit welchem Moderator.

Denn das ist die Frage, die jetzt natürlich viele Stadl-Fans umtreibt: Wer soll Borg beerben? Die Spekulationen reichen von Helene Fischer über Beatrice Egli bis zu Andreas Gabalier (siehe rechts) – egal wer es wird, die eingefleischten Borg-Fans werden es dem Neuen nicht leicht machen. Dass Gabalier eilig alle Gerüchte dementierte, fand Fanclub-Chef Stefan Preimesberger „sehr fair“. Schließlich sei Gabalier mit Borg gut befreundet. Der Super-Fan droht sogar: „Ein Großteil der Fans sagt, wenn’s der Andy Borg nicht mehr moderiert, schauen wir’s uns nicht mehr an.“ Musiksoziologe Weber glaubt dagegen nicht, dass die Sendung in Gefahr ist: „Ich nehme an, dass man eine Person wählen wird, die schon über eine große Fangruppe verfügt.“

In der Gerüchteküche wird derzeit der Name Francine Jordi heiß gehandelt. Die Schweizerin, 37, soll den Stadl übernehmen, verbreiteten Boulevardmedien neulich. Ihr Management wiegelt ab, ORF und BR bestätigen nichts. Aber auf Jordis Facebook-Seite stehen schon die ersten bösen Kommentare: Falls das Gerücht stimme, „sollte man drüber nachdenken warum eine so sympathische und erfolgreiche Künstlerin unserem Andy derart in den Rücken fällt“, heißt es dort.

Bleibt die Frage, ob die laute Empörung im Internet wirklich die Mehrheit der Volksmusikfans repräsentiert. Viele der Älteren nutzen die sozialen Medien gar nicht. Und es gibt dort auch versöhnliche Beiträge. Einer schreibt auf Jordis Seite: „Ich denke, die Entscheidung von Francine und ihrem Management hat nichts mit Andy Borg zu tun und wird, wie sie auch immer ausfällt, sicherlich keine Entscheidung gegen ihn sein.“

Erna Lipp aus Altötting wird die Sendung auf keinen Fall boykottieren. „Ich würde Andy Borg wünschen, dass er irgendwo einsteigen und sich wieder präsentieren kann“, sagt sie. „Aber ich schau’ den Stadl schon weiter. Weil, wo komm ich schon hin?“

Johanna Popp

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