Nachwuchs für die "alten Muppets"

München / Köln - Rund 14 Millionen Zuschauer hatte die ARD-"Lindenstraße" nach dem Start vor mehr als 20 Jahren. Doch diese Zeiten sind vorbei. Längst kämpfen die Macher gegen stetig sinkende Einschaltquoten.

Fast 1200 Folgen in knapp 23 Jahren, Preisträger von "Bambi" und "Goldener Kamera", Gegenstand von mehr als 220 wissenschaftlichen Arbeiten und Publikationen und Mittelpunkt vieler Fanclubs - die Bilanz der "Lindenstraße" (ARD) kann sich sehen lassen. Dabei war im Dezember 1985, als die "Mutter aller Seifenopern" zum ersten Mal durch deutsche Wohnzimmer flimmerte, ein solcher Erfolg überhaupt nicht abzusehen, erinnert sich "Lindenstraße"-Erfinder und -Produzent Hans W. Geißendörfer: "Ich hatte kühn ein Jahr Probezeit bei der ARD eingefordert. Und was waren wir froh, als wir dieses kritische erste Jahr überstanden hatten."

Von der heutigen Praxis, neue Serien und Shows nach nur einer Folge wieder einzustampfen, wenn die Quote nicht stimmt, waren die Sender damals noch weit entfernt. "Das Privatfernsehen ging gerade erst auf Sendung, die Konkurrenz war somit nicht groß, und solch ein Format wie die ,Lindenstraße gab es ja noch überhaupt nicht", fasst Geißendörfer die glücklichen Umstände rückblickend zusammen.

Doch diese Zeiten sind passé. Saßen in den ersten Jahren noch rund 14 Millionen Zuschauer am frühen Sonntagabend um kurz vor 19 Uhr auf dem Sofa und nahmen teil am Leben der Beimers, Zenkers oder Klings, waren es zuletzt im Schnitt nur noch knapp vier Millionen. "Das ist immer noch eine gute Quote", verteidigt sich Geißendörfer und verweist auf den "ungleich härter" gewordenen Konkurrenzkampf der Sender.

Hinzu komme, dass der "Lindenstraße" jede Art von Werbung fehle, moniert der Produzent verbittert: "In dieser Beziehung behandelt uns die ARD wirklich sehr, sehr schlecht. Wir haben nur ein einziges Mal, zu unserer 1000. Folge, Geld für Werbung bekommen. Ansonsten werden wir, anders als zum Beispiel der ,Tatort und diverse Talkshows, nicht einmal vom Sender selbst in Form von Trailern beworben." Aufmerksamkeit aber bekomme in der heutigen Fernsehwelt nur der, der auch offensiv an die Öffentlichkeit gehe. "Nur mit Werbung bekommt man ein neues Publikum. Und auch wir brauchen neue, junge Zuschauer", weiß Geißendörfer. Doch gerade an die neue Generation vor dem Bildschirm komme die "Lindenstraße" nur schwer heran, konstatiert der 67-Jährige: "Das liegt auch am Sender. Teenies schauen nun mal nicht automatisch die ARD."

Verjüngung ist also ein Stichwort, das auch durch die "Lindenstraße" geistert. Schließlich kommen deren Fans zusammen mit einem Dutzend Darsteller der ersten Stunde, die Geißendörfer zärtlich "die alten Muppets" nennt, langsam in die Jahre. Neueste Schnitt- und Lichttechnik, eine Bildsprache, die sich den modernen Sehgewohnheiten angepasst hat, und ein Autorenteam, das im Durchschnitt deutlich jünger ist als in den Anfangsjahren, sprechen für die Bemühungen, am Puls der Zeit zu bleiben.

Ein anderer Versuch, mal wieder Aufmerksamkeit zu wecken und den einen oder anderen neuen oder im Lauf der Zeit verlorenen Zuschauer vor den Fernseher zu locken, ist die Einführung einer neuen Familie, die Anfang September in der "Lindenstraße" einziehen wird. Denn auch wenn altgediente Gesichter wie das von Helga Beimer alias Marie-Luise Marjan unersetzlich sind, wird dringend "Nachschub" gebraucht. "Unsere Ikonen sterben uns langsam aber sicher weg, auch wenn wir die pflegen und hegen, so lange es geht", sagt Geißendörfer.

Die einstige Kindergeneration mit Klausi, Iffi, Lisa und anderen ist längst erwachsen geworden, frischer Wind ist nötig: "Außerdem ist mit Else Kling, der berühmt-berüchtigten Hausmeisterin, unser letztes bayerisches Original gestorben", bedauert der gebürtige Augsburger, der nun in London lebt. "Es wurde Zeit, dass in einer Münchner Straße, die die Lindenstraße nun mal ist, auch wieder eine bayerische Familie lebt."

Natürlich wird auch diese neue Familie namens Stadler - Details will die ARD am Dienstag bekannt geben - ähnliche Schicksale durchleiden wie die Generationen der "Lindenstraße"-Familien zuvor. Liebe und Eifersucht, Arbeitslosigkeit und Krankheit, Geburt und Tod sind Themen, die immer wiederkehren. "Von dem Druck, ständig etwas Neues erfinden zu müssen, haben wir uns bereits nach wenigen Jahren frei gemacht", erklärt Geißendörfer, der selbst in den ersten 31 Folgen Regie führte und bis heute einer der Autoren der Serie ist: "Das ist wie im echten Leben. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Alles wiederholt sich." Seit er und sein Team das kapiert hätten, gebe es keinen Stoffmangel mehr.

"Es kommt nicht darauf an, was, sondern wie es erzählt wird", ist Geißendörfer überzeugt. Und dieses "Wie" scheint in Sachen "Lindenstraße" noch immer zu funktionieren. Der Vertrag mit der ARD wurde gerade bis 2011 verlängert, für Geißendörfer dürfte es danach gerne noch weiter gehen. Denn damit, dass auch er mit der "Lindenstraße" älter geworden ist, und sie sich - ganz anders als zunächst erwartet - für ihn zu einer Art Lebensprojekt entwickelt hat, kann er gut leben. "Auch wenn ich noch andere Filme mache - diese Serie ist sicherlich das Zentrum meines beruflichen Schaffens", resümiert er zufrieden. Und fügt über das eigene Image schmunzelnd hinzu: "Ich leide auch nicht, wenn ich überall als Papa der ,Lindenstraße gelte."

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