Nächstes Jahr darf das Publikum nur zuschauen

Um eine Pleite wie zuletzt in Belgrad zu vermeiden, lässt die ARD eine Jury über den deutschen Grand-Prix-Beitrag entscheiden.

Eine Blamage wie heuer in Belgrad wollen Deutschlands Grand-Prix-Macher so schnell nicht wieder erleben. Nicht die Fernsehzuschauer, sondern eine Jury soll daher im nächsten Jahr den Kandidaten für den Eurovision Song Contest küren. "Für 2009 nehmen wir uns ganz bewusst eine Auszeit vom bislang üblichen Verfahren des deutschen Vorentscheids", so ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, der sich davon "eine höhere Teilnahmebereitschaft von international erfolgreichen Künstlern" erhofft.

Die Band No Angels hatte heuer die nationale Qualifikation gewonnen, war aber im Finale in der serbischen Hauptstadt auf dem letzten Platz gelandet. Professionelle Sänger, Autoren und Komponisten sollen nun bis Mitte Januar Musiktitel beim zuständigen Norddeutschen Rundfunk (NDR) einreichen. "Eine Jury wird entscheiden, wer am 16. Mai 2009 beim Finale in Moskau für Deutschland auf der Bühne stehen wird", kündigte Schreiber an.

Ob es eine ARD-Show geben wird, in der Kandidat und Titel vorgestellt werden, ließ Schreiber offen. Erst vor wenigen Tagen hatten die internationalen Song-Contest-Verantwortlichen die Zuschauer in allen Teilnehmerländern entmachtet. Die Abstimmung des Publikums ist künftig nicht mehr das Maß aller Dinge, sondern geht nur noch zu 50 Prozent in die Wertung ein. Dazu soll es für jedes Land eine Jury geben, die zu ebenfalls 50 Prozent Einfluss auf die Punktevergabe der jeweiligen Nation hat.

Für Diskussionen in der Grand-Prix-Gemeinde sorgte oft, dass renommierte Rock- und Popstars aus Angst, schon im Vorentscheid zu scheitern, eine Teilnahme ablehnten. Ein paar Jahre lang hatte die Spaßfraktion um Guildo Horn ("Guildo hat euch lieb") und Stefan Raab ("Wadde hadde dudde da?") die Nase vorn - auch wenn musikalisch bessere Kandidaten teilnahmen.

Bereits 1993 war die öffentliche Abstimmung über den deutschen Grand-Prix-Teilnehmer vorübergehend abgeschafft worden. Der damals zuständige Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) nominierte die Gruppe "Münchener Freiheit" direkt. Drei Jahre später, als der NDR die Federführung übernahm, ging wieder ein Vorentscheid über die Bühne, Sieger Leon schaffte mit "Blauer Planet" aber noch nicht einmal den Sprung ins Finale. Der Auftritt dort ist dem deutschen Kandidaten garantiert. Deutschland ist wie Frankreich, Großbritannien und Spanien automatisch für den Song Contest gesetzt.

Der seit 1956 existierende internationale Wettbewerb ist die größte Musikveranstaltung der Welt. Im kommenden Jahr werden sich aus voraussichtlich 43 Teilnehmerländern 25 für das Finale qualifizieren. Rund 100 Millionen Fernsehzuschauer werden erwartet.

Dorit Koch

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