Neue Doku-Soap: Bedürftige unter Generalverdacht

München - Stigmatisierung, Denunziation und Verrat haben Tradition im Fernsehen. Ab morgen schwärzt Sat.1 mit der neuen Dokusoap "Gnadenlos gerecht" (21.15 Uhr) nun "Hartz-IV-Betrüger" an.

Die gute Nachricht vorweg: Wolfgang Willerscheid ist unschuldig. Die schlechte: Der Dachdecker wäre nie verdächtigt worden, gäbe es nicht "Aktenzeichen XY". Ein Nachbar, mit dem er sich ständig zankt, meldete dem ZDF, die Maske aus einem nachgestellten Banküberfall hänge auf Willerscheids Balkon und überhaupt frage sich das ganze Dorf, wie der sich ein so tolles Haus leisten könne. Obwohl die Vorwürfe haltlos waren, ermittelte die Justiz 20 Monate. Wenn die Denunziationsmaschine einmal läuft, ist sie schwer zu stoppen.

Am Mittwoch legt sie einen Gang zu. Die Sat.1-Dokusoap "Gnadenlos gerecht" macht Jagd auf "Hartz-IV-Betrüger", und Helena Fürst wird sich schon nicht irren. Schließlich hat die Offenbacher Sozialfahnderin ja "Mallorca-Karen" und "Ebay-Hans" überführt, schwarze Schafe einer Schicht, die sozial so übel gestellt wie beleumundet ist. Der ideale Nährboden fürs Anschwärzen, das weiß auch Kristina Faßler. Die Sat.1-Sprecherin räumt ein, dass im Laufe solcher Sendungen "viele Hinweise auf ähnliche Taten eingehen". Aber Denunziation? Den Hinweisen gehe man ja nicht nach.

Was sie vergisst: Schon bloße TV-Präsenz denunziert ­ als arm, als überführt oder Depp, der sich dabei filmen lässt. Wenn auch mit vertraglichem Einverständnis, beteuert Sat.1. Weil Pro7 auf ein solches verzichtet hatte, sprach das Landgericht München einem Mann gerade 5000 Euro Schmerzensgeld zu, der beim Besuch des Gerichtsvollziehers gefilmt wurde. Ein Irrtum, doch was bleibt, ist das öffentliche Bild ohne Hose, aber mit Gerichtsvollzieher.

Seit Jürgen Rolands "Der Polizeibericht meldet" vor 52 Jahren 2000 Hinweise zu einem nachgestellten Fall erhielt, zeigt sich der Bedarf nach interaktiver Verbrechensbekämpfung ebenso wie der nach ihrer Illustrierung. Und als Eduard Zimmermann 1964 in "Vorsicht Falle" vor Gaunern an der Wohnungstür warnte, die er drei Jahre darauf in "Aktenzeichen XY... ungelöst" gar zur Fahndung ausrief, war klar: Das Fernsehen verstand sich früh als exekutive Instanz. Denn anders als in Durbridges Straßenfeger "Das Halstuch" (1962) wird doch nicht jeder Verbrecher überführt, sondern wartet da draußen ­ also Augen auf.

Bedient werden so neben der Lust am Nervenkitzel auch diffuse Ängste, die zur kollektiven Paranoia verdichtet jeden Freiheitsverlust als Sicherheitsgewinn verkauft. Um dieses Potenzial zu nutzen, erklärten die Sender einst, den Verbrecherjagden von Rolands "Stahlnetz" (1958-68) bis Reineckers "Fünfte Kolonne" (1963-65) lägen echte Motive zugrunde, so dubios das oft war. Es zählte die Atmosphäre authentischer Gefahr. Und als das duale System die Hemmschwellen senkte, musste die Wirklichkeit nicht einmal mehr inszeniert werden. Man war nun live dabei.

Ob Mittelspurschleicher und Linksdrängler, säumige Schuldner oder illegale Griller, arbeitslose Drückeberger oder verkeimte Dönerbuden: Allerorten blickt das Fernsehen den Ermittlern über die Schulter. Besonders Sat.1 schmiedet daraus eine lange Verwertungskette: Ab Herbst pflastert die "Security Force" das Land mit Riegeln und Alarmanlagen. "Die Abzocker" zeigen derweil Tricks, sie zu überlisten. Wer es tut, hat "Toto und Harry" und bald die "Jugendcops" am Hals, wird von "Lenßen & Partner" oder "Niedrig & Kuhnt" fiktiv gejagt und landet letztlich vor Barbara Salesch. So wird die Republik zum Rotlichtviertel.

Und das "Volk zu Hilfspolizisten", wie die Vereinigung sozialdemokratischer Juristen 1981 ihre Forderung nach Absetzung von "Aktenzeichen XY... ungelöst" begründete. 40 Prozent der gezeigten Verbrechen, rühmt sich das ZDF, würden aufgeklärt. Wie vielen falschen Fährten mit welchen Folgen für die Angeschwärzten dabei nachgegangen wird, lässt es im Dunkeln. Und dem Zuschauer wird das Gefühl ständiger Bedrohtheit verschafft, das auf allen Kanälen Nahrung erhält.

Da Krimis etwa besonders häufig Schwerverbrechen behandeln, geht die vermutete Zahl von Tötungen, Jugendgewaltdelikten und Kindesmisshandlungen in Umfragen stetig nach oben, während sie tatsächlich sinkt. Und Formate wie "Gnadenlos gerecht" übertragen den Generalverdacht nun auf Bedürftige. Obwohl oder gerade weil hier Unterversorgung behoben werden soll, geht es auch um Schadenfreude und Denunziation.

Der Arbeitslosenverband Deutschland befürchtet deshalb eine "öffentliche Hetzjagd auf Hartz-IV-Empfänger". Seine Vorsitzende Marion Drögsler wirft Sat.1 vor, "mit dem Elend der Menschen Einschaltquoten hochtreiben" zu wollen. Die Etikettierung als "Hartz-IV-Betrüger" sei eine Verunglimpfung und Kriminalisierung von Arbeitslosen. Die Sendung passe gut in den bevorstehenden Wahlkampf. Sie befördere die Meinung, dass eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze nicht erforderlich wäre, und setze damit "genau das falsche Signal".

In einem offenen Brief kritisierte auch das "Erwerbslosen Forum" eine "überzogene Missbrauchsdebatte". Sat.1-Sprecherin Faßler konterte, das müsse "die Gesellschaft aushalten". Da tritt ausgerechnet jener Sender nach unten, der mit "Gräfin gesucht" zurzeit aufwärts buckelt und demnächst Millionären die Chance gibt, sich im Format "Reiche Undercover" mit minimalem Aufwand als maximale Wohltäter der Gosse aufzuspielen und nebenbei den Sozialstaat als untätig zu verunglimpfen. Auf Dokusoaps wie "Die Wirtschaftskriminellen" warten wir wohl noch lange. In den Niederungen denunziert es sich einfach sorgloser.

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