Interview

„Nicht alles muss großartig sein“

Der Berliner Medienpsychologe Jo Groebel über das Fernsehen zwischen Hochkultur und Massengeschmack.

Die Verweigerung des Deutschen Fernsehpreises durch Marcel Reich-Ranicki am Wochenende hat eine leidenschaftliche Diskussion über die Qualität des Fernsehprogramms ausgelöst. Während sich die Journalistin und Moderatorin Elke Heidenreich auf die Seite des „Literaturpapstes“ gestellt hat (wir berichteten), wies Monika Piel, Intendantin des Westdeutschen Rundfunks (WDR), die Kritik des 88-Jährigen zurück. „Das öffentlich-rechtliche Fernsehen – und nur dafür kann ich sprechen – ist nicht schlecht“, so die Chefin des größten ARD-Senders und griff zugleich die Privaten an. Sie hoffe sehr, dass die Landesmedienanstalten die Kritik Reich-Ranickis aufgriffen und eine Qualitätsdebatte über das kommerzielle Fernsehen in Gang brächten“, so Piel. Über den Streit um den Zustand des deutschen Fernsehens sprachen wir mit dem Medienpsychologen Jo Groebel.

-Marcel Reich-Ranicki hat am Wochenende bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises Fundamentalkritik am Fernsehen geübt. Hat er da Recht?

Das Fernsehen gibt es seit 70 Jahren, und seit geschätzt 50 Jahren wird Kritik an diesem Medium geübt. Diese Debatte ist insofern langweilig, als es sie gibt, so lange es das Fernsehen gibt und so lange es Menschen gibt, die der Meinung sind, alles im Fernsehen müsse großartig sein.

-Viele pflichten Reich-Ranicki bei und sagen, die Qualität des Programms würde immer schlechter . . .

Diese Empfindung hat sicher auch damit zu tun, dass es in Deutschland mittlerweile 30 deutschsprachige Sender gibt, die an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden am Tag senden. Dass da nicht alles Hochkultur sein kann, ist doch klar. Andererseits würde man bei Sichtung der Buchproduktion eines Jahres sicher auch zu dem Schluss kommen, dass die Qualität der Masse dessen, was an Büchern herauskommt, auch nicht unbedingt höher liegt als das, was das Fernsehen produziert.

-Eine überflüssige Debatte also?

Nein, sie ist wichtig, denn sie gibt Gelegenheit, gerade anhand der Nominierungen für den Deutschen Fernsehpreis festzustellen, wie hoch die Qualität von Vielem, was man zu sehen bekommt, tatsächlich ist. Schauen wir auf die fiktionalen Produktionen des letzten Jahres. „Der große Tom“ beispielsweise, die Geschichte um eine vernachlässigtes Kind, ist in der Umsetzung ein Meisterwerk. „Duell in der Nacht“ mit Jürgen Vogel und Iris Berben – ein Meisterwerk. „Hurenkinder“ – ein Meisterwerk. Ich bin natürlich jetzt genau so subjektiv wie Marcel Reich-Ranicki, aber ich behaupte, dass wir es da mit hoher und höchster Qualität zu tun haben. Das Problem ist, dass sich so etwas schnell versendet, das liegt in der Natur des Mediums. Die besten Produkte im Fernsehen verrauschen, weil kaum jemand sich die Mühe macht, sie aufzuzeichnen.

-Wenn die Qualität so hoch ist, wie kommt jemand wie Elke Heidenreich dann dazu, zu sagen, das Fernsehen von heute sei „arm, verblödet, kulturlos und lächerlich“?

An dieser Äußerung hat mich am meisten geärgert, mit welch geringem Respekt sie ein Medium behandelt, von dem sie selbst profitiert. Sie und Reich-Ranicki haben dem Buch durch das Fernsehen Aufmerksamkeit verschafft, sie haben dafür gesorgt, dass Bücher, die sie dort vorgestellt haben, auf den Bestsellerlisten gelandet sind. Das zeigt doch nur, wie kompatibel diese Medien eigentlich sind.

-Bekommt der Zuschauer das, was er will oder wird er permanent unterfordert?

Das kannn man nicht pauschal sagen. Das Fernsehen der Frühzeit war durch die Hochkultur geprägt Das ist nicht mehr zeitgemäß, denn bliebe man bei diesem Anspruch, wäre das Fernsehen nur noch eine Bildungs- und Erziehungsanstalt, in der einige wenige sagen, was für alle gut ist. Andererseits haben wir mit dem öffentlich-rechtliche Fernsehen ein System, das es uns erlaubt, Qualitätsfernsehen zu machen, ohne nur auf die Quote zu schielen. Was mich ärgert, ist, dass die Intendanten von ARD und ZDF in der aktuellen Debatte behaupten, sei selbst sorgten für Qualität, und nur die Privaten bedienten den Massengeschmack. Das hat vielleicht vor 20 Jahren gestimmt. Auch wenn es, zugegeben, in ARD und ZDF viele herausragende Produktionen gibt, sollten die Öffentlich-Rechtlichen vor der eigenen Tür kehren und kritisch hinterfragen, wieviel Gebührengeld in Produktionen gesteckt wird, die genau diesen Massengeschmack ansprechen.

-Heißt das, Sie würden befürworten, dass die Privaten den Massengeschmack bedienen sollen und die Öffentlich-Rechtliche die Hochkultur?

Für mich wäre der Königsweg, endlich eimal hohe Qualität für die Mehrheit zu produzieren. Ich nenne da als Beispiel das Genre der Dokudramas. Da sind auch nicht alle brilliant, aber sie sind ein Beispiel für einen Weg, der sowohl Erfolg verspricht als auch wenigstens ein Minimum an Hintergrund bietet. Davon würde ich mir mehr wünschen.

-Haben sich nach Ihrem Urteil die Privaten in puncto Qualität eher den Öffentlich-Rechtlichen angepasst oder umgekehrt?

Das Problem der Privaten ist, dass sie als auf Werbefinanzierung angewiesene Sender auf die hohe Quote angewiesen sind. Gutes Fernsehen kostet Geld, und wenn dann die Quote nicht stimmt, rechnet sich das nicht. Aber auch eine einfache Unterhaltungssendung – ich denke da an Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“ – erfordert eine hohe handwerkliche Qualität. Ich möchte kein Fernsehen haben, das mich nur bildet, ich will mich auch erholen, will spannende Unterhaltung. Auch das muss Fernsehen leisten.

-Dann gehen auch die Auszeichnungen für „DSDS“, für „Switch Reloaded“ und für „Inas Nacht“ in Ordnung?

Für die reine Hochkultur haben wir den Adolf-Grimme-Preis, und auch da hat die Jury schon einmal damit geliebäugelt, „DSDS“ auszuzeichnen. Nein, der Deutsche Fernsehpreis soll auch Produktionen auszeichnen, die einfach gut gemacht sind, auch wenn sie sich an ein großes Publikum richten. Was preiswürdig ist, darüber gibt es immer Debatten denken Sie nur an den Nobelpreis. Eins steht fest – Marcel Reich-Ranicki hat selbst genau das Medium dazu genutzt, um auf es einzuschlagen. Damit hat er für einen Aufruhr gesorgt, den er mit einem Buch niemals hinbekommen hätte.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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