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Eine Szene aus dem TV-Duell.

Niemand will auf ein Fernsehduell verzichten

Am Tag nach dem Aufeinandertreffen von Merkel und Steinmeier ziehen die Sender Bilanz – Quotensieger am Sonntagabend war die ARD.

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Nur 14 Millionen Zuschauer – sieben Millionen weniger als vor vier Jahren – sahen das Fernsehduell der beiden Spitzenkandidaten um das Amt des Bundeskanzlers. Am Tag danach ist die Stimmung nicht bei allen vier daran beteiligten Sendern gleich gut, was nicht nur damit zu tun hat, dass es zu einem wirklich heftigen Schlagabtausch zwischen Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) und SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier am Sonntagabend nicht gekommen ist. Mit der Gesamtquote sanken auch die Zuschauerzahlen von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 beim „politischen Fernsehereignis des Jahres“ im Vergleich zu 2005 zum Teil drastisch (siehe auch „TV-Spitzenreiter“).

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Jubeln kann allein die ARD, die auf 7,86 Millionen Zuschauer kam (Marktanteil: 23,4 Prozent). Das ZDF musste sich dagegen mit 3,47 Millionen (10,3 Prozent) begnügen, RTL mit 2,06 Millionen (6,1 Prozent) und Sat.1 gar nur mit 0,79 Millionen (2,3 Prozent). Beim öffentlich-rechtlichen ZDF verwies Chefredakteur Nikolaus Brender gestern gegenüber unserer Zeitung auf den attraktiven „Tatort“-Sendeplatz, der der ARD wohl zum Quotensieg verholfen habe. Prinzipiell habe, wenn die ARD und das ZDF das Gleiche übertrügen, „immer das Erste die Nase vorn“, so Brender.

Zum Auftritt der vier beteiligten Journalisten Maybrit Illner, Frank Plasberg, Peter Kloeppel und Peter Limbourg (siehe auch Einzelkritiken) wollten sich die Sender nicht im Detail äußern, einig ist man sich jedoch darin, dass die Konstellation mit zwei Duellanten und vier Fragestellern „nicht ideal“ gewesen sei. „Aber das ist nicht unsere Entscheidung, sondern die der Parteien beziehungsweise der Spitzenkandidaten“, so RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer. ZDF-Mann Brender unterstrich, sein Sender habe sich frühzeitig um eine Runde mit allen im Bundestag vertretenen Parteien bemüht, dem habe sich jedoch die Kanzlerin verweigert.

Sollte es auch in vier Jahren nur ein einziges Duell der Spitzenkandidaten geben, würde allerdings keiner der Sender auf eine Mitwirkung verzichten. Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister hatte insbesondere Sat.1 nahegelegt, sich angesichts der schwachen Quote „schon aus Selbstschutz“ von einer solchen Sendung zu verabschieden. Aber auch RTL sollte sich fragen, „ob das Ganze aus wirtschaftlichen Gründen noch Sinn macht“. RTL werde auch künftig partizipieren, „denn da geht es nicht um die Quote, sondern um journalistische Inhalte, die die Zuschauer von uns erwarten“, betonte RTL-Sprecher Bolhöfer gestern. Und auch Sat.1 wird wohl 2013 nicht abseits stehen: „Sollten sich die Parteien in vier Jahren wieder für ein einziges Fernsehduell entscheiden, gehe ich davon aus, dass auch Sat.1 wieder mit von der Partie ist“, so Sprecherin Diana Schardt.

Die Moderatoren in der Einzelkritik

Maybrit Illner (ZDF) verhaspelte sich gleich bei der Begrüßung („Liebe Zuschauerinnen und Zuschauerinnen!“) und fand zunächst nicht zu ihrer Form, wurde dann jedoch immer stärker. Zuletzt provozierte die Journalistin gewohnt frech („Wie stumpf sind Ihre Waffen?“), hakte beim Thema Staatsverschuldung nach („Wer zahlt’s?“) und prägte das Wort von Schwarz-Gelb als der „Tigerentenkoalition“. Als einziger Fragestellerin gelang es Illner, den Redefluss der Duellanten für Zwischen- und Nachfragen zu unterbrechen. Frank-Walter Steinmeier revanchierte sich, indem er sie aufforderte, doch auch einmal „Interesse an Argumenten“ zu zeigen.

Frank Plasberg (ARD) ist als Solist besser. Im Quartett konnte der 52-Jährige, dem die ARD den Vorzug vor Anne Will gegeben hatte, seine Stärken nicht ausspielen. So wirkte Plasberg wie hinter Glas, auch wenn er unkonventionell fragte („Erklären Sie mal, warum Angela Merkel nicht Bundeskanzlerin bleiben soll!“ oder „Frau Merkel, was kostet ein Friseurbesuch in Berlin?“). Im Gegensatz zu seinen Kollegen bemühte sich der Polittalker um eine entspannte Stimmung, sprach von „Reanimation“ statt „Regeneration“ der SPD, sah sich für seine Albernheiten zuletzt jedoch von der Kanzlerin („Ich meine es ernst!“) gerüffelt.

Peter Kloeppel (RTL) konnte die in ihn gesetzten Erwartungen am Sonntagabend nicht erfüllen. Bis zum Ende gelang es dem mehrfach ausgezeichneten Journalisten nicht, seine Nervosität abzulegen. Wenn der 50-Jährige in die Diskussion eingriff, verstrickte er sich oft in wenig charmant wirkende Nahkämpfe, etwa wenn er die Kanzlerin fragte, ob sie wohl auch dessen 65. Geburtstag mit „Joe Ackermann“ feiern werde. Als er zu Beginn sprachlich wenig geschickt von der „Gründung“ der Großen Koalition sprach, wurde er vom SPD-Herausforderer sofort darüber belehrt, dass Koalitionen nicht gegründet, sondern gebildet würden.

Peter Limbourg (Sat.1) war sozusagen der Frank-Walter Steinmeier unter den Journalisten. Wohl kaum jemand hatte dem Sat.1-Anchorman zugetraut, sich gegen Stars wie Maybrit Illner und Frank Plasberg zu behaupten. Limbourg machte jedoch einen sehr guten Job, fragte souverän und nicht ohne Witz und brachte die Kanzlerin vor allem mit der Frage, ob die Staatshilfe für den Autobauer Opel den vorgesehenen Zweck erfüllt, in Bedrängnis. Vom Sat.1-Mann stammte auch die humorige Einschätzung gleich zu Anfang, bei der Begegnung zwischen Kanzlerin und Herausforderer handele es sich „wohl eher um ein Duett als um ein Duell“.

Von Carsten Rave und Rudolf Ogiermann

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