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Polit-Polonaise: Das Singspiel am Nockherberg kommt 2017 märchenhaft absurd daher - es geht um getriebene Politiker und scheinbare Wahrheiten. 

Nockherberg 2017

So grandios war das Singspiel: Der Klonsinn im Hotel Rosi

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München - Was ist wahr und was nicht? Heuer hat das Team um Marcus H. Rosenmüller (43) die Möglichkeiten auf dem Nockherberg endgültig ausgereizt: Das Singspiel wurde zum märchenhaft-absurden Theaterstück mit glänzendem Ensemble.

München – Der emotionalste Moment in diesem Nockherberg-Singspiel voller Täuschungen, Halbwahrheiten und Absurdität ist leider der mit Abstand unrealistischste. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Konkurrent, SPD-Shootingstar Martin Schulz, sitzen um zwei Uhr nachts in einer Hotellobby und ziehen an einem Joint.

Die beiden Polit-Kiffer gestehen sich, dass sie sich ja eigentlich gut leiden können, jetzt aber halt ein halbes Wahlkampf-Jahr so tun müssen, als sei dem nicht so. „Schulz!“, ruft Merkel. „Deutschland ist noch nicht bereit für einen Mann als Bundeskanzlerin!“ Und sie brechen in Lachen aus. Dann hebt ein Gesangsquintett zu rührender Spieluhren-Melodie an: „Es waren zwei Königskinder, die hatten sich relativ lieb. Sie konnten miteinander nicht streiten, das Wasser war gar nicht mal so tief.“ Das drückt sogar dem abgehärteten Polit-Publikum im Festsaal auf dem Nockherberg sichtlich auf die Tränendrüse.

Im Rausch der Macht: Kanzlerin Angela Merkel raucht einen Joint mit Herausforderer Martin Schulz. 

Begeisterung über Rosenmüller ist ungebrochen

Regisseur Marcus H. Rosenmüller und Musik-Chef Gerd Baumann haben lange gehadert, ob sie überhaupt noch einmal beim Salvator-Anstich inszenieren sollen. Rosenmüller verriet im Vorfeld, er sei sich durchaus bewusst, dass er sich zu wiederholen droht. Und natürlich erkennt man die poetisch-abgedrehte Handschrift mittlerweile sofort. Sollte Rosenmüller allerdings glauben, das Publikum sei seiner überdrüssig – dann sollten die begeisterten Reaktionen ihn eines Besseren belehren.

Dabei serviert das Singspiel-Team seinen Gästen in diesem Jahr eine gewohnt komplexe Groteske. Der Hintergrund: Im Zeitalter von „Fake News“, alternativen Fakten und Internet-Propaganda wird schlichter Blödsinn plötzlich zur – zumindest potenziellen – Wahrheit geadelt. Die getriebenen Politiker müssen mit dem Phänomen umgehen. In Rosenmüllers Vision wollen sie den Spieß umdrehen und aus dem Fälschen von Wahrheit Profit schlagen (eigentlich recht nah an der Wirklichkeit). „Scheining“ heißt darum das Stück, frei nach Stephen King und Stanley Kubrick – doch mit dem Horrorschocker „Shining“ hat es nur die Örtlichkeit gemein: ein Hotel. Erschreckend ist ansonsten nur die Einfalt der Politiker.

Wir sehen die Lobby des Hotels „Zur schönen Aussicht“, von Bühnenbildnerin Doerthe Komnick fein abgehalftert dekoriert – mit altem Lüster, Blümchen-Schabracken, grindiger Rezeption und abgegriffener Drehtür. Hier schmieden Bayern-SPD-Chef Florian Pronold (Ur-Komödiant Stefan Murr beharrlich lispelnd im Konfirmanden-Pullunder) und der Grünen-Vorsitzende Anton Hofreiter (Urviech Wowo Habdank mit hochrotem Kopf) ein Komplott. „Unser Projekt, Schwächung der CDU durch Entmachtung der CSU‘“, nennt es die Dritte im Bunde, Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht (Debütantin Rosetta Pedone als sozialistisches Schrapnell im sexy Bleistiftrock).

Wagenknecht Mal drei: Die Linke-Fraktionschefin bekommt dank Klon-Verfahren Oberwasser. 

„Komm’ herein, genieß auch Du die Vorteile der CSU“

Mit einem als Fahrstuhl getarnten Wunder-Apparat will das Trio die gesamte CSU-Spitze klonen und umprogrammieren – damit die Doubles in der Öffentlichkeit Phrasen dreschen, Stuss erzählen und die CSU unwählbar machen. In die Falle gelockt werden sollen Seehofer und Co. mit dem Festakt „60 Jahre Opposition in Bayern“ („Wenn die uns demütigen können, kommen sie immer“). Einen Klon-Prototyp hat man bereits hergestellt: Ilse Aigner (Angela Ascher). Ihre Kopie beschmutzt zu den Klängen von Prince’ „Purple Rain“ ihr Nest: „Komm’ herein, genieß auch Du die Vorteile der CSU.“ Das Video davon lädt Pronold in die sozialen Netzwerke.

Natürlich entgleist alles ziemlich schnell. Die Schwarzen merken, dass die Haarsträhnen, die man ihnen beiläufig abgeschnitten hat, für ein Klon-Projekt genutzt werden sollen, und wollen nun ihrerseits die Roten und Grünen duplizieren. Wagenknecht will nach guter alter DDR-Logik vorsichtshalber auch Pronold klonen („Das täte mir besonders weh, wenn wir am Ende vielleicht von unseren Freunden verraten würden“). Und zu allem Überfluss stellt sich auch noch heraus, dass der aignersche Fauxpas wegen seiner vermeintlichen Ironie auf Facebook der Renner ist.

Um die Konfusion komplett zu machen, läuft im Hintergrund ein Zeitungsbursche (Sebastian Horn) mit „Fake News“ herum: „Extrablatt! Teufelskreis: Red Bull übernimmt den FC Bayern, FC Bayern übernimmt Bayerischen Rundfunk, Bayerischer Rundfunk übernimmt sich selbst, Sich Selbst übernimmt Red Bull! Teufelskreis!“ Und ähnlich dem epischen Theater Bertolt Brechts tritt immer wieder ein Kommentator der Ereignisse auf – ein spilleriger Gesell mit Zylinder und Portiers-Livree, der Surreales zum Besten gibt.

Wer ohne Schulz ist, werfe den ersten Stein!

Das klingt kompliziert? Aber hallo! Und dennoch fasziniert das groteske Durcheinander. Natürlich – wie erwartet – wegen der schauspielerischen Leistung des gesamten Ensembles. Rosetta Pedone gibt die Wagenknecht großartig – überspannt („So, ich bin da. Ich bin vollzählig und beschlussfähig“) und überfordert von den bayerischen Derbheiten (Hofreiter: „A so werd des gmacht!“ Wagenknecht: „Ah! Sowjetmacht?“) Und wie Thomas Wenke, der zuletzt noch als Sigmar Gabriel auf der Nockherberg-Bühne stand, auf die alles umarmende Frohnatur Martin Schulz umgeschult hat, ist atemberaubend: „Ich bin ein Rheinländer und kein Rausländer“, parliert er. „Wer von Euch ohne Schulz ist, werfe den ersten Stein.“ Er und Antonia von Romatowski als Angela Merkel sind das Traumpaar des diesjährigen Nockherbergs.

Der eigentliche Star ist die Musik

Der eigentliche Star ist freilich Gerd Baumanns Musik. Selten war sie so vielseitig – von Swing bis HipHop. Sie gibt dem Stück eine zugleich weltläufige und tiefbairische Grundierung und hat wesentlichen Anteil am märchenhaften Charakter auch dieser Rosenmüller-Inszenierung.

Da kann es auf der Bühne noch so unübersichtlich werden: Ein auf Bairisch gegen Ausländer schimpfender Flüchtling (Simon Pearce) tritt auf und wird gleich in die CSU integriert. Irgendwann rennen drei Wagenknechte herum, und bei den Phrasen der Politiker weiß eh keiner mehr so genau: Ist das jetzt das Original oder der Klon? Und ist das, was gesagt wird, jetzt wahr oder nur ein alternativer Fakt? Nur bei Markus Söder (eine Bank: Stephan Zinner) ist man sich sicher: „Ich kann das nicht, Ministerpräsident  . . . ich mach’ des doch alles nur wegen dem Fasching in Veitshöchheim“ – das hat ihm die SPD einprogrammiert!

Söder: „Abogalybse! Ammageddon! Ich hab uns draußen gesehen“

Natürlich spielen Rosenmüller und seine Autoren Thomas Lienenlüke und Richard Oehmann auch mit dem Umstand, dass sich beim Nockherberg ja tatsächlich reale Politiker und Doubles in einem Raum befinden. Am Ende des Vexierstücks laufen die Klone frei herum (Söder: „Abogalybse! Ammageddon! Ich hab uns draußen gesehen.“) und die vermeintlich echten Doubles wissen selbst nicht genau, ob nicht eigentlich sie die Klone sind. „Und wie steht’s mit Euch?“, fragen sie die Politiker im Saal.

Hoffentlich kann Paulaner diese Truppe halten

Mit diesem Kaleidoskop hat das Team Rosenmüller die Möglichkeiten auf dem Nockherberg wohl endgültig ausgereizt. Bleibt nur zu hoffen, dass Paulaner genug Überzeugungsarbeit leisten kann, um die geniale Truppe trotzdem noch an Bord zu halten. Denn egal, ob wahr oder nicht: Man will Einfälle wie den von den einträchtig kiffenden Königskindern einfach nicht mehr missen. „Frau Merkel“, sagt Martin Schulz, „Ist Kanzler sein eigentlich schwierig?“ Sie antwortet: „Auch nicht schwieriger als rückwärts einparken.“ „Können Sie rückwärts einparken?“ „Nö.“

Und dann tanzen die beiden kichernd durch die Drehtür des Hotels zur schönen Aussicht hinaus in die Nacht.

Das Singspiel überstrahlt deswegen auch die Fastenpredigt der Mama Bavaria - denn Derblecken ist tatsächlich was anderes. Hier können Sie unseren Ticker zur Starkbierprobe auf dem Nockherberg 2017 nachlesen.

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