Politik ist nicht sexy

München - Noch vor wenigen Jahren galten die "Tagesschau" um 20 Uhr oder die "heute"-Sendung um 19 Uhr als "die" Nachrichtensendungen, vor denen sich die ganze Familie versammelte. Diese Zeiten scheinen vorbei zu ein. Schon länger hat sich in die Phalanx der News-Formate von ARD und ZDF das Kölner Pendant "RTL aktuell" geschoben, das sich oft genug besser positioniert als die Nachrichten aus Mainz.

ARD und ZDF sehen sich mit einem Bedeutungsverlust ihrer Nachrichten bei jungen Zuschauern konfrontiert

Eine jüngst veröffentlichte Studie des Online-Dienstes "Meedia", die auf Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) basiert, müsste die Kapitäne der öffentlich-rechtlichen Flaggschiffe erst recht alarmieren. Demnach kehren die jungen Zuschauer der "Tagesschau", "heute" (und den beiden Nachrichtenmagazinen "Tagesthemen" und "heute-journal") in Scharen den Rücken. Selbst sendereigene Statistiken sehen die beiden Formate nur noch beim Gesamtpublikum auf den ersten beiden Plätzen. Immerhin 5,35 Millionen Zuschauer verzeichnet hier die "Tagesschau", "heute" bringt es auf 3,84 Millionen, dicht gefolgt von "RTL aktuell" mit 3,78 Millionen.

Zählt man nur die 14- bis 49-Jährigen, ergibt sich eine ganz andere Reihenfolge. Laut "Meedia"-Liste liegt "RTL aktuell" mit 1,49 Millionen Zuschauern deutlich vor der "Tagesschau", die nur auf 1,19 Millionen Zuschauer aus dieser Altersgruppe kommt. RTL-"Nachtjournal" und "heute-journal" liegen mit jeweils 760 000 Zuschauern gleichauf auf Platz 3 (siehe Tabelle).

Auch die Zahlen der ARD zeigen, dass Jan Hofer und Petra Gerster längst nicht mehr alle Jungen an den Lippen hängen. Nur noch zwei (bei allen Zuschauern: vier) öffentlich-rechtliche Formate schaffen es unter die ersten Fünf, die "heute"-Sendung rutscht hier sogar auf Platz 8, noch hinter die News von, Pro Sieben, RTL 2 und Sat.1. Düster sieht es auch bei den Spätnachrichten aus ­ und zwar bei allen Altersstufen. Deutlich hinter dem "RTL-Nachtjournal" mit 1,28 Millionen Zuschauern (Platz 7) belegen "heute nacht" und das ARD-"Nachtmagazin" mit 790 000 und 620 000 Zuschauern die Plätze 10 und 11.

Für Kai Gniffke, Chef der Redaktion von "ARD aktuell", die "Tagesschau" und "Tagesthemen" verantwortet, ist die Entwicklung dennoch alles andere als besorgniserregend. Gniffke macht andere Zahlen geltend, denen zufolge die legendäre "Tagesschau" auch bei den Jungen unangefochten führt, denn zu den 1,19 Millionen, die die Sendung im Ersten sähen, müsse man die "Tagesschau"-Zuschauer in den Dritten sowie bei 3 sat und Phoenix dazuzählen. Andere Rechnungen seien "unredlich". Mit dann 1,76 Millionen Fans läge die "Tagesschau" weiterhin auf Platz 1 auch bei den Jüngeren.

Entsprechend gelassen gibt sich der ARD-Mann im Gespräch mit unserer Zeitung: "Die Zahlen sagen, dass wir mehr junge Zuschauer haben als alle Mitbewerber". Von einem "Absacken" in der Zuschauergunst könne keine Rede sein, deswegen bestehe auch kein Anlass, "das Ruder herumzureißen".

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender (59) will sich auf die Statistik nicht einlassen, ohne zunächst zu definieren, "wann man eigentlich von einem klassischen Nachrichtenbeitrag sprechen kann". Das "RTL aktuell"-Interview mit einer Frau, bei der ein Piercing missglückt sei, gehöre jedenfalls nicht dazu. Brender konstatiert ein allgemeines Desinteresse an harten Nachrichtenthemen. "Politik ist eben nicht sexy, entsprechend schwierig ist es, Informationsformate so zu gestalten, dass man damit Quote auch bei den Jungen machen kann."

Um den Exodus der Jugend zu bremsen, habe man das "heute-journal" so verändert, dass die Sendung nun weniger Nachrichten und mehr Hintergrundinformationen zu einzelnen Schwerpunkten biete. Grundsätzlich will der Journalist die Strategie nicht ändern: "Es wird bei uns keine Boulevardisierung geben. Wir werden nicht den Weg gehen, den RTL geht, sonst verlieren wir als öffentlich-rechtlicher Sender unsere Legitimation."

Ohnehin sieht Brender die Zukunft der Nachrichten im Internet: "Junge Leute warten nicht mehr die News im TV ab. Sie suchen und finden sie online." Dies sei auch die Chance des ZDF: "Im Netz können wir Nachrichten anders gestalten, ohne auf den Boulevard gehen zu müssen. Der Nutzer sucht sich hier seine Themenschwerpunkte selbst."

Auf die Möglichkeiten der Online-Versorgung mit dem Neuesten aus aller Welt verweist auch ARD-Mann Gniffke: "Die ,Tagesschau im Online-Archiv oder als Podcast ­ das sind Angebote, die wir seit langem machen und sicher noch ausbauen werden." Auch für den Chef von "Tagesschau" und "Tagesthemen" kommt mehr Boulevard nicht in in Frage: "Wir stehen weiterhin für politisch akzentuierte Nachrichten."

Der 47-Jährige sieht das an Position 11 bei den Jungen notierte "Nachtmagazin" allem Purismus zum Trotz sogar im Aufwind. Die Zahlen zeigten, dass die Sendung innerhalb eines Jahres von 170 000 auf 210 000 Zuschauer zugelegt habe. "Das als Rückgang zu bezeichnen, ist verwegen", so Gniffke, der sich ein noch größeres Publikum von einheitlichen Sendezeiten für die letzte moderierte News-Sendung des Tages verspricht.

Und Nikolaus Brender verweist darauf, dass auch bei den Privaten die Bäume nicht in den Himmel wachsen: "Sat.1 hat seit dem Start der neuen Hauptnachrichten massiv verloren. Ein Absturz, wie es ihn dramatischer in den letzten zehn Jahren nicht gegeben hat."

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