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Bukow (Charly Hübner) wird von König zu seiner Psychologin geschickt. Szene aus dem Polizeiruf "Wendemanöver". 

Kritik zum ARD-Sonntags-Krimi

Polizeiruf 110: Seifenoper statt Politthriller

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München - Vier großartige Schauspieler in einem Krimi vereint, Zeit, eine Geschichte gleich in zwei Teilen zu erzählen, der aktuelle "Polizeiruf 110" hat die Erwartungen hoch getrieben - zu Recht? Die Kritik zum ARD-Krimi. 

Einmal den Rahmen des Neunzigminüters sprengen, eine komplexere Geschichte erzählen, Zeit haben für Details, die sonst unter den (Schneide-)Tisch fallen – das schwebte wohl den Machern des jüngsten, zweiteiligen „Polizeiruf 110“ vor, dessen ersten Teil die ARD am Sonntagabend zeigte. Vielleicht wollten die Drehbuchautoren Eoin Moore und Anika Wangard aber mit dieser Premiere auch demonstrieren, dass ein komplexer Kriminalfall, in dem sich Zeitgeschichte spiegelt, einen solchen filmischen Doppelpack verdient hat.

Dramaturgisch, so viel lässt sich nach dem ersten Teil von „Wendemanöver“ sagen, ist das Experiment geglückt. Moore und Wangard ziehen den Zuschauer schnell hinein in den Plot. Die erste Kontaktaufnahme der Teams aus Rostock und Magdeburg stellen sie an den Anfang, in klugen Rückblenden wird danach geschildert, was bisher geschah. Hier die Firmen- und Familiensaga, die nach einem Brandanschlag mit tödlichen Folgen Gegenstand von Ermittlungen wird, dort der Mord im Hotelzimmer, der von einem Killer begangen zu sein scheint – dieser Krimi fasziniert zunächst durch den Kontrast der Schauplätze und der Ermittlungsmethoden.

Doch schnell wird spürbar, dass Eoin Moore der Hausregisseur der Rostocker Truppe um Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Sascha Bukow (Charly Hübner) ist, die er über viele sehenswerte Folgen hinweg mit scharfen Profilen ausgestattet hat. Hier ist er daheim. Angesichts der Vitalität (oder ist es schlicht Schauspielkunst?) von Sarnau und Hübner wirken Claudia Michelsen als Doreen Brasch und Sylvester Groth als Jochen Drexler erschreckend blass. Immer wenn nach Magdeburg geschaltet wird, durchwabert eine diffuse Traurigkeit die Szenerie.

Natürlich hat das auch damit zu tun, dass sich das Autorenduo für Bukow den per se spannenden Handlungsstrang des suspendierten und nun auf eigene Faust ermittelnden Bullen ausgedacht hat. Die (halb-)privaten Kapriolen der anderen aus diesem Quartett wirken dagegen ziemlich konstruiert. Das betrifft die mehr oder weniger heftigen Herzklopfenattacken bei den beiden Frauen, aber vor allem die offenbar werdende Homosexualität Drexlers. Ein großer Topos, der jedoch im Niemandsland endet.

Auch die eigentliche Krimihandlung gewinnt nicht an Tiefe, wird immer öfter durch zufällige Entdeckungen vorangetrieben. Wenn klassische Ermittlungsarbeit nicht mehr spektakulär genug dargestellt werden kann, hilft die Aufnahme aus der Überwachungskamera weiter. So bleibt „Wendemanöver“ jegliche Triftigkeit schuldig, der Abgrund von Betrug, Bestechung, Erpressung und Verrat im wilden Osten nach der Wende schrumpft mehr und mehr zur (Edel-)Seifenoper, deren Figuren einander nach und nach die alten Rechnungen präsentieren.

Das ist alles gut gefilmt, nicht ohne Witz und überraschende Pointen, ein echter Politthriller, der Fragen aufwirft, ist „Wendemanöver“ aber leider nicht geworden.

Rudolf Ogiermann

Information

Teil 2 von „Wendemanöver“ zeigt die ARD am kommenden Sonntag um 20.15 Uhr.

Ein neuer Polizeiruf aus München: Lohnt sich das Einschalten für "Wölfe"?

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