Das Prinzip des "sozialen Vergleichs"

München - Bata Illics ganz große Zeit war in den Siebzigerjahren, als es noch deutschsprachige Schlagersänger mit langen Haaren gab. Michaela Schaffrath alias Gina Wild drehte ­ das ist noch nicht ganz so lange her ­ Pornofilme. Eike Immel ist als Ex-Fußballnationaltorhüter ungefähr der Vor-Vor-Vor-Vorgänger von Jens Lehmann und Oliver Kahn. Dass diese drei und noch ein paar andere "Stars" dieser Kategorie zur Zeit so im Gespräch sind, hat mit einer Sendung zu tun, die Deutschland derzeit zu spalten scheint ­- in Fans und in solche, die sie sich nie oder allerhöchstens "einmal und nie wieder" anschauen.

Die erste Gruppe ist erstaunlich groß für den schlechten Ruf, den die Reihe hat. Zwischen viereinhalb und fünf Millionen Menschen schauen Tag für Tag die dritte Staffel der RTL-Show "Ich bin ein Star ­ Holt mich hier raus!"

Ziemlich viele für ein Format, über das der "Spiegel" in seiner jüngsten Ausgabe unter der Überschrift "Maden in Germany" urteilt, dass es wie "kaum ein anderes (...) Menschen derart lustvoll-schäbig der Lächerlichkeit preisgibt". Immerhin taugt es zum Fernseh-"Event", so wie früher die Krimi-"Straßenfeger" oder heutzutage "Wetten, dass...?", über das man am nächsten Morgen am Arbeitsplatz spricht ­ egal, ob man nun am Vorabend tatsächlich Augenzeuge war oder nicht. Das jedenfalls ist für den Medienforscher Wolfgang Schweiger von der TU Dresden einer der Gründe für die hohe Quote der "Dschungelshow".

Ein anderer hat nichts mit dem Niveau der Sendung zu tun oder gar mit Sympathie für die Protagonisten, sondern mit dem Prinzip des "sozialen Vergleichs", wie Schweiger im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert. Der potenzielle Zuschauer wolle dadurch, dass er die Sendung sieht, insgeheim testen, wie er selbst mit "Grenzerfahrungen" umgehen würde. Mit einem Ergebnis, das von vorneherein feststehe: "Man hält sich für besser, robuster, schlauer als andere, selbst wenn diese prominent sind."

Die zweifelhafte Prominenz der Kandidaten verstärkt nach Schweigers Worten diesen Effekt. Es handele sich überwiegend um Promis, zu denen man nicht gerade aufschaue, sondern die man allenfalls bemitleide: "Der Zuschauer sieht Menschen, von denen er sowieso nicht viel hält, vor sich hin scheitern."

Auch Akademiker sind nicht immun gegen die Versuchung, einmal bei der "Dschungelshow" und den "Ekelprüfungen" hineinzuschauen und dafür die ARD-"Tagesthemen" oder das ZDF-Kulturmagazin "Aspekte" links liegen zu lassen. Entsprechende Zahlen, jüngst von der "Bild"-Zeitung genüsslich verbreitet, legen das nahe. Für Medienforscher Schweiger ist das keine Überraschung. Vor allem für jüngere Gebildete, die mit dem Privatfernsehen groß geworden seien, sei das Fernsehen vor allem ein "Unterhaltungsmedium", und das schließe den Konsum solcher Sendungen ein. Die Älteren hielten sich von solchen Formaten dagegen eher fern, weil sie generell die Öffentlich-Rechtlichen bevorzugten.

Bei RTL macht man sich ­ zumindest offiziell ­ keine Gedanken über Medienpsychologie. Für Sendersprecher Claus Richter liegt der Erfolg von "Ich bin ein Star ­ Holt mich hier raus!" schlicht und einfach in der "hochprofessionellen", ja "liebevollen" Machart. Die diversen Blessuren, die die Kandidaten in den ersten zehn Tagen bereits erlitten haben (siehe auch Kasten), "können vorkommen". Die Teilnehmer der "Dschungelshow" gingen eben ein "gewisses Risiko" ein. Es bestehe aber keine wirkliche Gefahr. Und trotz allem hätten die Stars ihren Spaß bei diesem "soziologischen Experiment". Das zeige sich schon daran, dass "alle ganz wild darauf sind, drinzubleiben."

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