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„Redet nicht über euer Privatleben!“

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Von: Rudolf Ogiermann

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Lavinia Wilson
Kämpft gegen Persönlichkeitsrechtsverletzungen und überschreitet dabei selbst Grenzen: Lavinia Wilson als Medienanwältin Leonie Roth in dem ARD-Achtteiler „Legal Affairs“. © Foto: Kerstin Jacobsen/Degeto

Fake News über einen Nachwuchsfußballer, die Affäre eines Politikers, die geheim bleiben soll, ein Shitstorm im Internet - um solche Fälle geht es im ARD-Achtteiler „Legal Affairs“ mit Lavina Wilson. Ein - fiktional überhöhter - Einblick in den Alltag von Deutschlands wohl berühmtestem Medienanwalt Christian Schertz.

Kurz vor seinem Wechsel zum FC Bayern behauptet eine Zeitung, der teure Nachwuchsfußballer habe einen Herzfehler. Ein verheirateter Politiker will auf keinen Fall, dass seine Affäre öffentlich wird. Ein missverständlicher Tweet führt zum Shitstorm gegen eine junge Influencerin. Alles Fälle für die taffe Medienanwältin Leonie Roth (brillant: Lavinia Wilson), die mit ihrem Team gegen Persönlichkeitsrechtsverletzungen aller Art vorgeht. dabei ebenfalls Grenzen überschreitet. „Legal Affairs“ heißt diese achtteilige ARD-Serie, die nach dem Start in der Mediathek nun auch im linearen Fernsehen zu sehen ist. Wir sprachen mit dem Berliner Medienanwalt Christian Schertz (55), der die Macher beriet und unter anderen bereits Moderator Jan Böhmermann, Sänger Herbert Grönemeyer und Grünen-Politikerin Claudia Roth vertrat.

Zu Leonie Roths Team gehört eine Privatdetektivin. Gibt es so etwas in Ihrer Kanzlei auch?

Christian Schertz: Nein, tatsächlich gibt es so jemand in unserer Kanzlei nicht. Dass es in der Serie eine Privatdetektivin in Diensten einer Anwaltskanzlei gibt, ist dem Umstand geschuldet, dass, wie in fiktionalen Produktionen üblich, Dinge etwas überhöht, überspitzt werden. „Legal Affairs“ ist ja keine Dokumentation.

Es geht um einen Fußballer, um den es Gerüchte gibt, um die Schuldfrage bei einem Busunglück, es geht um die Affäre eines Ministers, um außer Kontrolle geratene Videos und Posts – welcher dieser Fälle ist für Ihre Arbeit am typischsten?

Schertz: In der Serie geht es nicht um reale Fälle. Sie sind alle schlicht erdacht. Geschildert werden vielmehr typische Fallkonstellationen aus dem Alltag von Medienanwälten. Es geht um Unglücke, Vorwürfe gegen Politiker. Es geht um Hate Speech, Mobbing, Fake News, Beleidigungen, Schmähungen, Eingriffe in die Privat- und Intimsphäre, nicht nur bei Prominenten, sondern auch bei normalen Menschen.

Das Phänomen der skandalisierenden Berichterstattung ist nicht neu, Heinrich Böll hat in seinem Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ schon vor bald 50 Jahren Kritik an der „Bild“-Zeitung geübt...

Schertz: Ja, das Buch hat mich als damals 16-Jährigen sehr inspiriert und – unter anderem – motiviert, diesen Beruf zu ergreifen.

„Bild“ heißt in der Serie „Der Tag“...

Christian Schertz
Christian Schertz © Foto: Jens Kalaene/dpa

Schertz: Das ist ein Synonym für eine Zeitung, die Persönlichkeitsrechte verletzt, und das tut „Bild“ tatsächlich immer wieder. Deswegen haben wir in den vergangenen Jahrzehnten auch viele Prozesse gegen sie geführt. Es gibt aber auch noch andere Medien wie die „Bunte“ oder auch „Die Aktuelle“, der gesamte Yellow-Press-Bereich, der kalkuliert Rechtsbruch begeht.

Wenn wir jetzt nur mal diese gedruckten Erzeugnisse anschauen – ist die Zahl der Persönlichkeitsrechtsverletzungen in den vergangenen Jahren eher zurückgegangen oder gestiegen?

Schertz: Ich glaube, bei den meisten dieser Blätter hat sich herumgesprochen, dass sich so etwas nicht mehr rechnet. Was ganz sicher seltener vorkommt, ist die Veröffentlichung von Paparazzi-Fotos, dafür gibt es inzwischen keinen Markt mehr. In dieser Hinsicht ist die Welt besser geworden. Aber nach wie vor haben wir gerade bei diesen bunten Blättchen Titelseiten, die den Leser in die Irre führen. Der Klassiker ist, wenn es da über eine Moderatorin heißt: „Ihr tapferer Kampf gegen den Krebs“, und innen steht dann, dass sie sich bei einer Krebsstiftung engagiert und selbst gar nicht krank ist.

Irreführende Berichterstattung gibt es auch in Online-Medien und in den Sozialen Netzwerken...

Schertz: Richtig. Das Problem hat sich durch das Internet verlagert. Als ich vor etwa 30 Jahren anfing, waren Prominente Opfer von Falschberichterstattung, heutzutage können Persönlichkeitsrechtsverletzungen jeden treffen. Jeder kann medial vorgeführt werden, noch dazu anonym, weil wir bis heute keine Klarnamenpflicht haben. Jede Schülerzeitung muss einen Verantwortlichen im Sinne des Pressegesetzes benennen, der Wutbürger im Netz kann anonym haten, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden. Da sehe ich eine Schieflage zwischen der analogen und der digitalen Welt.

Sehen Sie Bemühungen in der Politik, eine Klarnamenpflicht durchzusetzen?

Schertz: Ich glaube, dass das inzwischen sogar auf EU-Ebene diskutiert wird, und bin davon überzeugt, dass die Klarnamenpflicht mittelfristig kommen wird. Wenn man sich die Situation in Deutschland anschaut, wie hier gegen Menschen gehetzt wird, nur weil sie anderer Meinung sind, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass es diese Anonymität im Netz nicht länger geben darf. Auf Worte folgen Taten, Halle und Hanau wären vielleicht nicht passiert, wenn der Staat, wenn der Gesetzgeber, wenn die Justiz sich diesem Hass früher entgegengestellt hätten. Wir müssen etwas tun, zumal der Sound der Republik bereits völlig verroht und verwahrlost ist. Die Streitkultur ist im Netz am Ende.

Noch mal zurück zu den Prominenten – man hat den Eindruck, dass nicht alle gleichermaßen Opfer einer unerwünschten Berichterstattung werden, manche trifft es öfter und härter als andere. Was raten Sie den Celebrities?

Schertz: Was wir allen Mandanten raten: Redet nicht über Euer Privatleben! Wer diese Tür aufmacht, kriegt sie nie wieder zu. Die deutsche Rechtsprechung sagt: Wer Privates preisgibt, über Hochzeit, Krankheit, Trennung, verliert den eigentlich bestehenden Schutz auf Privatsphäre, er kann nicht mehr verhindern, dass darüber berichtet wird. Daher: Macht euren Job, spielt euren Song, haltet Reden, verändert die Welt – und fahrt danach nach Hause.

Viele Stars und Sternchen geben selbst bereitwillig Privates preis, beispielsweise via Instagram...

Schertz: Deswegen unterscheide ich zwischen zwei Typen von Prominenten. Es gibt die sogenannten A-Prominenten, Schauspieler, Politiker, Sportler, die wegen ihres Berufes in der Öffentlichkeit stehen, die aber genau wissen, wie sie sich zu verhalten haben, damit ihre Privatsphäre geschützt bleibt. Und dann gibt es die anderen, die überhaupt erst durch die Vermarktung ihres Privatlebens bekannt geworden sind. Das gilt für Influencer ebenso wie für die Protagonisten bestimmter Fernsehformate wie dem Dschungelcamp oder „Big Brother“, die damit Geld verdienen, dass sie sich die ganze Zeit privat filmen lassen. Denen ist aber schwer zu helfen, wenn sie die Medien einmal gegen sich haben.

Warum sollten die Zuschauer gerade „Legal Affairs“ anschauen?

Niels Bormann, Aaaron Altaras, Maryam Zaree, Michaela Caspar, Lavinia Wilson
„Leo“ und ihr Team: Cecil von Carlsburg (Niels Borman), Adrian Berisha (Aaron Altaras, Elena Caspari (Maryam Zaree) und Mimi Tahar (Michaela Caspar, v. li.). © Foto: Kerstin Jacobsen/Degeto

Schertz: Weil sie einen ganz eigenen Look, eine ganz eigene Geschwindigkeit hat, weil sie sehr modern, sehr international wirkt. Aber die Menschen sollten sie vor allem anschauen, weil sie die Fragen stellt, die uns allen auf den Nägeln brennen: Wie geschützt ist das Individuum noch? Was passiert, wenn man in einen Shitstorm gerät, wenn man gemobbt oder gestalkt wird? Wie gehen wir miteinander um in unserer Gesellschaft? Diese Themen, die uns alle betreffen können, werden hier behandelt.

Sendetermine:

Das Erste zeigt die acht Teile in jeweils vier Doppelfolgen am 19., 20., 22. und 23. Dezember jeweils ab 21.45 Uhr. Bereits seit 17. Dezember sind alle Folgen auch in der ARD-Mediathek zu sehen.

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