Linda Zervakis wechselt zu ProSieben
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Information im Doppelpack: Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel bekommen eine eigene Sendung.

Wechsel nach Tagesschau-Aus

Die Privaten werden politisch: Linda Zervakis mit neuer Sendung

  • Rudolf Ogiermann
    vonRudolf Ogiermann
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Erst Jan Hofer, nun Linda Zervakis – zwei Gesichter der ARD-„Tagesschau“ sind zu den Privaten gewechselt und präsentieren dort Informationssendungen.

München – Der Personalwechsel ist Ausdruck einer Strategie der Sender, angesichts schwächelnder Quoten ihr Image zu korrigieren, um neue Zuschauer hinzuzugewinnen.

Vor drei Tagen absolvierte sie ihre letzte Ausgabe der 20-Uhr-„Tagesschau“ im Ersten, doch die Bildschirmpause wird nur von kurzer Dauer sein. Noch in diesem Jahr wird man Linda Zervakis bei ProSieben sehen können. Zusammen mit Matthias Opdenhövel, der ebenfalls demnächst bei der ARD aufhört, moderiert die 45-Jährige ein neues politisches Magazin, das den Namen der beiden prominenten Präsentatoren tragen wird – „Zervakis & Opdenhövel live“.

Starten soll das neue Format vor der Bundestagswahl im Herbst, wann genau, wollte Senderchef Daniel Rosemann gestern bei einer Videopressekonferenz nicht verraten, auch nicht, an welchem Wochentag es im Programm sein wird. Fest steht dagegen, dass „Zervakis & Opdenhövel live“ in der Primetime laufen soll, zwischen 20.15 und 22.15 Uhr. „Viertelstunde kann ich. Jetzt muss ich beweisen, dass ich eindreiviertel Stunden dranhängen kann“, sagte Zervakis in Anspielung auf ihre bisherige Tätigkeit. Man wolle nicht nur Nachricht an Nachricht reihen: „Es soll gelacht und geweint werden.“ Es gebe Gespräche mit Politikern und Hintergrunddokus, „das Potpourri ist das Spannende daran“. Die Zeit sei reif für ein solches Format, ergänzte Opdenhövel (50) – „Information mit Haltung“.

„Haltung“, dieses Wort benutzte auch Senderchef Daniel Rosemann auffallend oft an diesem Vormittag. Von „Standfestigkeit auch gegen Widerstände“ war die Rede. Tatsächlich hat ProSieben, Teil des Senderverbundes ProSieben-Sat.1 mit Sitz in Unterföhring (Landkreis München), in den vergangenen Wochen und Monaten weniger mit Marathon-Spielshows oder mit Model-Mama Heidi Klum und ihren Mädchen, sondern durch spektakuläre politische Aktionen auf sich aufmerksam gemacht. Joko & Klaas, bisher eher Enfants terribles als Traumschwiegersöhne, sorgten zunächst für Schlagzeilen mit einer Aktion, in der sie Gewalt gegen Frauen thematisierten, es folgte eine Reportage aus dem griechischen Flüchtlingslager Moria, zuletzt gab es eine siebenstündige Live-Übertragung aus einer deutschen Intensivstation. Die Resonanz sei „überwältigend“ gewesen – wie bei bisher allen Aktionen dieser Art.

Der ehemalige Tagesschau-Sprecher Jan Hofer macht bei RTL bald Nachrichten.

Raus aus der Nische der unpolitischen, bisweilen seichten Unterhaltung – diesen Kurs scheinen die großen Privatsender neuerdings eingeschlagen zu haben. Der Coup mit Zervakis und Opdenhövel – er allerdings ursprünglich ein Pro-Sieben-Gewächs – ist nicht der erste dieser Art. Ende vergangenen Jahres verabschiedete sich mit großer Geste Jan Hofer als Chefsprecher der „Tagesschau“ – um nur wenige Wochen später bei RTL wieder aufzutauchen. Seine Teilnahme an „Let’s Dance“ war nur der Anfang, der 69-Jährige wird „Anchorman“ einer neuen wochentäglichen Nachrichtensendung im Hauptabendprogramm des Privatsenders. Schon kommuniziert ist ferner eine weitere „RTL aktuell“-Ausgabe am Nachmittag.

Auch abseits der Information tut sich etwas. So setzte der Kölner Privatsender Poptitan und „DSDS“-Galionsfigur Dieter Bohlen nach fast 20 Jahren den Jurystuhl vor die Tür. Es sei jetzt „der richtige Zeitpunkt für Veränderung und Weiterentwicklung“, hieß es dazu blumig von Unterhaltungschef Kai Sturm. Das Format soll weitergehen, jedoch in völlig neuer Besetzung. Schon möglich, dass nicht nur Bohlens Alter – er ist mittlerweile 67 – sondern auch sein Umgang mit untalentierten Kandidaten den Machern nicht mehr zeitgemäß erschien.

Entertainer Hape Kerkeling ist zurück beim Kölner Sender.

Wieder an Bord ist dagegen Hape Kerkeling, der zuletzt 2010 für RTL arbeitete und sich 2014 anlässlich seines 50. Geburtstages vollständig aus dem Fernsehen zurückgezogen hatte. Eine Serie und zwei weitere Unterhaltungsformate sind in Planung. Kerkeling („Total normal“) ist bei den Öffentlich-Rechtlichen groß geworden – dass ARD und ZDF bei diesem Comeback das Nachsehen haben, kann ebenfalls als Signal gesehen werden. Kerkeling, das ist bekannt, legt Wert auf Qualität.

Die Neuausrichtung der Sender hat – natürlich – auch mit den Quoten zu tun. Bei Trashformaten wie der Dschungelshow oder der skurrilen Kuppelsendung „Bauer sucht Frau“, beide schon Jahre im RTL-Programm, stagnieren sie, auch bei „Germany’s Next Topmodel“ (ProSieben) sind neue Rekorde nicht zu erwarten. Im Bereich Filme und Serien sitzen den Privaten die Streamingdienste im Nacken. Die Marktanteile sprechen eine klare Sprache. Kamen die „großen Drei“, RTL, Sat.1 und ProSieben, bei den Jungen im vergangenen Jahr immerhin auf jeweils rund zehn Prozent, geht es im Gesamtpublikum rasant bergab – nur noch 8,1 Prozent schaffte RTL hier zuletzt, Pro Sieben gar nur vier. Marktführer ZDF erzielt dagegen stolze 13,6 Prozent.

Senderchef Daniel Rosemann will mehr Haltung bei ProSieben.

Nun also wollen die Senderchefs, Henning Tewes von RTL und ProSieben-Mann Rosemann, in der Information aufholen. „Ich glaube, dass uns das gut steht, ein solches Magazin in der Primetime zu haben“ so Rosemann am Mittwoch: „Die wichtigen Themen brauchen eine große Bühne.“ Dass man mit Namen wie Zervakis und Opdenhövel arbeite, zeige, „wie ernst wir das nehmen“. Er wünsche sich, dass die beiden mit ihrer neuen Sendung die Menschen zwischen 20 und 45 erreichten, „denn das können wir am besten“. Zudem sei das die Zielgruppe, die das Land in den nächsten Jahrzehnten prägen werde.

Die Jungen sollen nach dem Willen Rosemanns nach der Grünen Annalena Baerbock auch deren Konkurrenten zu sehen bekommen: „Wir sind in sehr guten Gesprächen.“ Es sei schließlich kein Gesetz, dass Kanzlerkandidaten immer und zuerst bei ARD und ZDF säßen. Eine „Entritualisierung der politischen Berichterstattung“ verspricht der 41-Jährige. Dass dazu auch gehört, dass wie bei Katrin Bauerfeind und Thilo Mischke geschehen, die Interviewer ihrem Gast applaudieren, verneinte Rosemann gestern: „Wir machen alles mit Emotionen, und das war wohl ein Ausdruck davon. Es wird aber kein dramaturgisches Mittel in unseren Sendungen sein.“

Edmund Stoiber, Bayerns Ex-Ministerpräsident und Vorsitzender des Beirats der Mediengruppe Pro Sieben-Sat.1, spricht in einem Interview über die neue Aufgabe der Privatsender.

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