Die Ratgeber-Tante

- Caroline ist 16 Jahre alt, schwanger und weiß nicht, wie sie die Nachricht ihrem Freund und den Eltern beibringen soll. Wie ein Häufchen Elend steht sie vor Angelika Kallwass. "Ich nehme das sehr ernst, was Du sagst", beruhigt die Psychologin das Mädchen bei der Aufzeichnung einer Folge der SAT 1-Sendung "Zwei bei Kallwass". Sie wird bereits im fünften Jahr in Köln produziert.

"Wir haben nicht mehr den seelischen Schutz, den eine intakte Großfamilie geboten hat."

Angelika Kallwass

Das Mädchen mit dem blonden Haaren wird sich zum Schluss für das Kind entscheiden - das Ende eines exemplarischen psychologischen Prozesses. "Wir sind bei Problemen lösungsorientiert, geben praktische Lebenshilfe, und wir wollen unterhalten", sagt Kallwass. Mit ihrer Sendung will sie den Menschen Psychologie näher bringen. Und das offenbar mit Erfolg. Die Quoten sprechen für sie, erreicht die Psychologin doch laut Produktionsfirma einen Marktanteil von 17 Prozent oder 1,6 Millionen Zuschauer unter den 14- bis 49-Jährigen, überwiegend Frauen.

Sie bekomme viel Zuschauerpost, in der die ihr Menschen ihre Situation beschrieben und sie bäten, "einmal etwas darüber zu machen", berichtet Kallwass. Die Zuschauerpost wird zunächst gesichtet. "Ich versuche, im Rahmen meiner Möglichkeiten zu antworten. Nur ein Autogramm zu schicken, das finde ich zynisch", sagt die 58-Jährige. Denn die Menschen, die ihr schreiben, berichten auch von schweren Schicksalen und erdrückenden Schwierigkeiten: "Häufig wenden sich Jugendliche an mich oder auch allein erziehende Frauen, die ein Gefühl von Lebensmüdigkeit haben."

Ja, sagt sie, sie sei eine Identifikationsfigur und irgendwo auch eine "Ratgeber-Tante". "Das ist durchaus auch ein Problem. Menschen wenden sich an mich, bekommen auch meine Privatadresse heraus und stehen plötzlich vor meiner Tür", sagt die gebürtige Kölnerin. In der postindustriellen Gesellschaft gebe es einen unendlichen Bedarf an psychologischer Hilfe, hat sie festgestellt: "Heute haben wir nicht mehr den seelischen Schutz, den früher eine intakte Großfamilie geboten hat." Sie war die erste, die mit ihrer Sendung ein solches Format ins Privatfernsehen brachte.

Kritik daran komme erstaunlicherweise weniger von Standeskollegen. "Die meisten finden das gut, was ich mache", sagt Kallwass. Kritische Töne habe es eher von den Medien gegeben. Dennoch sei die Show auch ein Problem für ihren Berufsstand: "Etwa wenn Patienten sagen, die Frau Kallwass braucht zur Lösung des Problems nicht 120 Stunden, sondern viel weniger. Die Leute sehen mich als Idealisierung. Aber ich bin keine Zauberin."

Am Anfang wollte sie mit ihrer Sendung mit echten Betroffenen den Prozess einer therapeutischen Anfangssitzung zeigen. Doch die realen Fälle hatten Längen und hohe Produktionskosten. Rund vier Stunden dauerten die Aufzeichnungen, und die Quoten waren im Keller. Deshalb wurde das Konzept nach kurzer Zeit auf fiktionale Fälle mit Laiendarstellern umgestellt. "Die Leute wollen ein Ergebnis, einen Rat haben und auch unterhalten werden", meint Kallwass.

"Die Leute wollen ein Ergebnis, einen Rat haben und auch unterhalten werden."

Angelika Kallwass

Lob für die realen Fälle kommt vom Sozialpädagogen Nando Belardi. "Es gab realistische Beratungsszenen bei den realen Fällen, bei denen Kallwass fachlich auch hervorragend war ", sagt Belardi, der auch eine Ausbildung als Psychotherapeut hat. Die fiktiven Geschichten hingegen zeigen seiner Meinung nach ein falsches Bild von Psychotherapie. "Der Unterhaltungscharakter ist zu groß und die Fälle sind zu spektakulär", kritisiert er.

Ihre Sendung empfindet Kallwass auch als eine Art "Psychokrimi", bei dem die Menschen mitraten können. Nach dem Konzeptionswechsel auf fiktionale Geschichten wird innerhalb von einer Stunde abgedreht. Laiendarstellerin Caroline erzählt nach dem rasant schnellen Dreh ohne Unterbrechung, sie sei stark genug, Schule und Kind mit der Hilfe ihrer Umwelt zu vereinen. Ende. Es folgen zehn Minuten Pause - und dann der nächste Fall für Psychologin Kallwass.

SAT 1, täglich, um 14 Uhr.

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