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Nach dem Drehen will sie das Land privat bereisen: Jutta Speidel steht nördlich von Bergen in Norwegen als besorgte Mutter eines schwerkranken Sohn vor der Kamera.

ARD-Dreharbeiten mit Jutta Speidel

Raue Geschichten in einem rauen Land

Oslo - Die ARD will Norwegen als Schauplatz für Fernsehfilme etablieren – derzeit dreht Jutta Speidel im hohen Norden für „Der Gesang des Windes“.

Mit hochrotem Gesicht, aber fröhlich kraxelt die Schauspielerin Jutta Speidel (55) die Stufen zur Wetterstation hoch oben in den Klippen hinauf. Sie strahlt: „Für eine Münchnerin ist so was nur ein Gämsensprung.“ Die Crew hinter ihr strahlt nicht, denn sie schleppt einige Zentner Material. In Norwegen hofft die ARD, für den Freitagabend ein neues Traumreich zu schaffen wie sonntags schon das ZDF mit Rosamunde Pilchers Cornwall oder Inga Lindströms Schweden.

„Für uns Deutsche“, schwärmt Produzent Michael Lehmann, „ist der skandinavische Raum und insbesondere Norwegen mit seiner Verbindung von Bergen und Meer immer schon ein Sehnsuchtsland gewesen“. Felsen und Fjorde – alles ist hier rauer, dramatischer als in den heilen Pilcher- und Lindström-Welten. Und so müssen auch die Geschichten sein. Sechs davon hat sich das Berliner Autorenpaar Maria Solrun und Jörg Tensing einfallen lassen. Zwei werden jetzt unter dem Sammeltitel „Liebe am Fjord“ verfilmt, jeweils von Regisseur Matthias Tiefenbacher.

Für 45 Drehtage ist man ins Nest Kalvag nördlich von Bergen gezogen. Nur 350 Menschen leben hier, jeder ist mit jedem irgendwie verwandt. „Wir haben mit unserem 40-Mann-Team die Bevölkerungsdichte ganz schön gesteigert“, scherzt Produktionsleiter Hartmut Damberg. Er lacht nicht immer. Norwegen mit seinen langen Anfahrtswegen und den sündhaft teuren Hotels schafft Probleme. Besonders, wenn es regnet wie jetzt die ersten Tage. Die Zeiten, da noch „drei Regentage“ in jede Produktion einkalkuliert waren, sind vorbei. Es wird weitergedreht, und wenn es aus Kübeln gießt.

Draußen, vor dem Kutter, gehen die Wellen hoch. Jutta Speidel sieht besorgt zum Rest der Crew: „Hoffentlich wird keiner seekrank.“ Sie wischt sich die Nässe aus dem nicht mehr ganz so fröhlichen Gesicht. Im ersten der beiden Filme (Arbeitstitel: „Der Gesang des Windes“) ist sie die Frau, deren schwer kranker Sohn dringend eine neue Niere braucht. Sie verlässt ihren Mann und bricht zum leiblichen Vater des Buben auf, der ihm eine Niere spenden könnte.

Etwas weniger dramatisch geht es im zweiten Film mit dem Titel „Sommerstürme“ zu. Darin steht eine junge Frau (Susanna Simon) zwischen zwei Männern. „Nein, das wird sicher keine Pilcher auf Norwegisch“, sagt Autor Tensing, obwohl er beteuert, nichts gegen die große Rosamunde zu haben. Aber hier, in diesem Land mit seinen wortkargen Menschen, taghellen Sommer- und endlosen Winternächten ist Kitsch nicht angebracht. Hier „muss über allem ein Hauch Archaik liegen.“

Archaisch sind zuweilen auch die Drehbedingungen. „Es gibt beispielsweise keine Agentur für die Statisterie“, erzählt Produzentin Sabine Timmermann. „Für eine größere Szene haben wir die nötigen Komparsen überall her aus der Gegend um Kalvag geholt.“ Die waren allerdings begeistert dabei und haben das Filmvolk mit fast schon erdrückender Herzlichkeit aufgenommen. „Man kann gar nicht so viel Kaffee trinken, wie einem angeboten wird“, freut man sich beim Stab.

Vielleicht entschließt sich nach der Ausstrahlung so mancher Zuschauer zu Ferien in Norwegen, dort oben, in diesem unvergleichlich klaren Licht und einer Sonne, die abends die Felsen in Purpur taucht. Jutta Speidel hat sich schon dazu entschlossen. Sie will nach Schluss der Dreharbeiten zur großen Reise durch Norwegen starten: „Ich muss dieses Land so richtig kennenlernen.“ Nicht nur einen „Gämsensprung“ lang.

Von Paul Barz

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