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Regisseur Philip Koch (li.) während der Dreharbeiten.

TV-Krimi 

Tatort-Regisseur im Interview: „Wir haben nichts erfunden“

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Der BR hat sich nun getraut und einen München-„Tatort“ gedreht, der in einer anrüchigen Branche spielt. Wir sprachen mit Regisseur Philip Koch über die Realität hinter dem Krimi.

Angesichts der Zahlen ist es ein kleines Wunder, dass es nicht schon längst einen„Tatort“ gab, der in der Porno-Branche spielt: Jede vierte Anfrage im Internet dreht sich um Pornografie, Statistiker sprechen von 68 Millionen Suchanfragen täglich. Und: Mehr als zwei Drittel aller Männer sowie ein Drittel aller Frauen besuchen hierzulande mindestens einmal im Monat eine Porno-Webseite. Der BR hat sich nun getraut und mit „Hardcore“ einen München-„Tatort“ gedreht, in dem der Tod einer Amateur-Pornofilmerin aufgeklärt werden musste. Wir sprachen mit dem Autor und Regisseur Philip Koch (35).

Es gibt kaum eine Branche, die mit mehr Klischees behaftet ist als die Pornoindustrie. Mit welchen Vorurteilen sind Sie in diese Arbeit gegangen?

Philip Koch: Mit den – natürlich völlig überholten – Vorstellungen, die wahrscheinlich viele mit der Porno-Szene verbinden. Das ist vor allem das Bild der Siebzigerjahre: Da sitzen Porno-Produzenten, die ausschauen wie Hugh Hefner, mit Zigarre im Whirlpool und nackte Frauen tanzen um sie herum.

Und wie ist die Wirklichkeit?

Koch: Die Wirklichkeit ist vor allem, dass es diese Porno-Industrie, die es in den Siebzigerjahren gab, heute nicht mehr gibt. Es gibt ja in dem Sinne auch keine echten Porno-Stars mehr. Gina Wild war vielleicht die Letzte. Heute besteht die Branche in erster Linie aus Amateuren, die ihre Filme selbst drehen und dann ins Internet stellen. Mithilfe einer Handykamera kann man heutzutage sehr leicht sein eigener Porno-Produzent werden. Da muss man kein Internet-Experte sein.

Was sind das für Leute, die Pornos drehen und ins Netz stellen?

Koch: Das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Da sind vom Bankdirektor bis zur Bäckereiverkäuferin alle dabei. Das Einzige, das alle eint, ist die Lust am Sex – und natürlich die exhibitionistische Veranlagung, diesen Sex freizügig und vor einer Kamera auszuleben. Das ist eine Art Swinger-2.0-Subkultur, die sich in den vergangenen Jahren gebildet hat. Für diese Leute ist ein Porno eine sexuelle Spielwiese, um ein Bedürfnis nach Ekstase und Lust auszuleben. In Deutschland gibt es da gerade einen richtigen Boom. Und diese sehr eigene Welt wollten wir in unserem Film zeigen. Es ist eine düstere, auch irgendwie absurde, in jedem Fall aber verborgene Welt.

Haben Sie Zahlen? Wie viel Prozent der Deutschen haben schon einen Porno gedreht und veröffentlicht?

Koch: Nein, mit Zahlen ist das ganz schwierig in diesem Bereich, da bin ich auch vorsichtig. Die Dunkelziffer ist naturgemäß sehr hoch.

Weil die wenigsten Teilnehmer offen erzählen, dass sie nebenbei Pornos drehen.

Koch: Viele führen sogar ein richtiges Doppelleben. Da weiß das unmittelbare Umfeld nichts davon, dass der oder die Person in der Freizeit als Porno-Darsteller unterwegs ist. Aus der – zum Teil durchaus berechtigten – Angst heraus, verstoßen zu werden.

Was ja irgendwie absurd ist, schließlich sind die veröffentlichten Pornos theoretisch für jedermann sichtbar. Heimlich und öffentlich geht eigentlich nicht zusammen.

Koch: Ja, das ist in der Tat ein absurdes Paradoxon. Die Leute lassen sich beim Sex filmen und wollen gleichzeitig, dass zumindest bestimmte Leute das auf keinen Fall sehen. Aber – und das sagt ja auch eine der Darstellerinnen im „Tatort“: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand seine Nachbarin in einem Porno entdeckt, ist enorm gering. Dafür gibt es viel zu viele Filme. Und: Niemand ist unter seinem echten Namen unterwegs.

Könnte dieser „Tatort“ überall spielen oder ist München eine besondere Porno-Stadt?

Koch: München war früher sicher noch mehr eine Porno-Stadt als heute. Die Figur des Porno-Produzenten Sam Jordan aus dem Film ist zum Beispiel einem echten Münchner nachempfunden. Der hat hier die zweifelhaft berühmten Bukkake-Filme gedreht (eine Art Gruppensex, Anm. d. Red.) und genau solche massenorgiastischen Feste abgehalten, wie wir sie im Film zeigen – in Büroräumen über einem Kaufhaus in der Innenstadt. Überhaupt sind alle Szenen, die im Film zu sehen sind, realistisch – und manchmal sogar nur die Light-Version dessen, was es wirklich gibt. Da ist nichts erfunden. Das passiert alles so.

Woher beziehen Sie Ihr Wissen?

Koch: Ich habe viel gelesen, unter anderem das Buch von Philip Siegel, „Drei Zimmer, Küche, Porno“. Und ich bin auch selbst auf solchen Festen gewesen. Zur Recherche.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Koch: Viele Menschen denken, dass es in dieser Branche Unterdrückung, Zwang und Missbrauch gibt – gerade auf der Seite der Frauen. Aber dem ist nicht so. Natürlich gibt es Einzelfälle, bei denen Frauen nicht freiwillig mitmachen, wo ein Mann seine Partnerin nötigt, mitzumachen. Aber meiner Recherche nach ist das wirklich die ganz große Ausnahme. Die meisten machen es freiwillig.

Ein „Tatort“ fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen, der in der Porno-Szene spielt und um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird – wie waren Ihre Beschränkungen als Regisseur, zum Beispiel im Hinblick auf den Jugendschutz?

Koch: Die „Tatort“-Redaktion hat die Jugendschutzbeauftragte des BR schon beim Schreiben des Drehbuchs in die Arbeit eingebunden. Sie hat den Film auch gemeinsam mit der Redaktion abgenommen mit der Maßgabe, dass er für Zwölfjährige vertretbar ist. Ich persönlich glaube sowieso, dass Zwölfjährige auf ihren Smartphones heute mehr sehen als sich Eltern und Erwachsene vorstellen können.

Und wie haben Sie die Komparsen gefunden? Da waren ja gerade in der Schlussszene eine ganze Menge dabei, die auch eher freizügig agiert haben.

Koch: Die kamen über eine normale Komparsen-Agentur, firmieren allerdings schon unter dem Titel „Special Komparsen“. Einige von ihnen sind auch tatsächlich in der Branche oder zumindest im Swinger-Bereich unterwegs.

Das Gespräch führte Stefanie Thyssen.

Lesen Sie hier die Twitter-Reaktionen auf den München-Tatort und die Debatte - Darf ein solcher Tatort um 20.15 Uhr laufen? 

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