Rock-Röhre gegen Bohlen-Klone

- Wer erinnert sich noch an Elli oder Alexander? Das waren die beiden ersten Gewinner der Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar", mit der RTL seit nunmehr drei Jahren versucht, junge Sangestalente ausfindig zu machen. Vor Publikum. Mit Jury und Dieter Bohlen als Spruchbeutel vom Dienst. Die bedeutsame Karriere, die sich an die groß aufgeblähte mediale Seifenblase anschließt, versandet meist nach relativ kurzer Zeit in namenlosen Dorfdiskotheken und Supermarkteröffnungen.

Irgendwie ist das schon wieder beruhigend. Die Leute lassen sich offensichtlich doch nicht alles vorsetzen und können sehr wohl unterscheiden, ob hier einer wirklich was mit Musik am Hut hat oder nur so ein niedliches oder schräges, eine bestimmte Zielgruppe ansprechendes Casting-Hühnchen ist.

Jede Blähung der talentfreien Kandidaten

Das kann man Tobias Regner nicht vorwerfen. Dieser Name wird sich in den kommenden Tagen und Wochen ins kollektive Gedächtnis fräsen. Für eine gewisse Zeit wenigstens. Der junge Mann aus Teisendorf hat am Samstagabend die nunmehr dritte Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" gewonnen. Gegen seinen ziegenbärtigen Konkurrenten Mike Leon Grosch setzte sich der ebenso ziegenbärtige Bayer erfolgreich durch. Man darf jetzt rätseln, woran das lag. An der Stimme? An der Auswahl der Lieder? Den drei Auftritten mit jeweils ganz unterschiedlichen Titeln? An dem wesentlich eingängigeren Song, der für ihn komponiert wurde? Oder an der Tatsache, dass sein Konkurrent allzu sehr den vorherigen Bohlen-Klonen dieser Show glich, sich allzu gefällig und kalkuliert präsentierte und sein Gesicht in den vergangenen Wochen doch ein wenig zu oft in die ihn umgebenden Kameras hielt?

Vermutlich war es eine Kombination aus allem, die dem weitaus bedächtiger wirkenden 23-jährigen Kommunikationsdesigner zum Sieg verhalf. Denn die Gesichter der übrigen Teilnehmer dieser illustren Veranstaltung konnte man auf Grund eines medialen Overkills einfach nicht mehr sehen. "Kuschel-König gegen Rock-Röhre - Wer wird der neue Superstar?", titelten einschlägige Boulevard-Blätter auf der Wochenendausgabe. Wäre die enorme Anschubhilfe von Bild & Co nicht gewesen, hätte vermutlich kaum jemand jenseits der 16-Jahre-Grenze noch von "DSDS", wie der Fachmann die Castingsendung bezeichnet, Notiz genommen. Beinahe jede Blähung der zum Teil schmerzhaft talentfreien Kandidaten wurde publizistisch begleitet, und sechs Tage lang wurden die Themen sinnvoll vertieft, die das eher niedergeistige Moderatorenteam Tooske Ragas und Marco Schreyl während der Show am samstagabends anriss. Etwa, ob Jungfräulichkeit die Stimme stärkt oder eher eine sexuelle Unbestimmtheit vonnöten wäre, und natürlich täglich wieder: Berichte über das "Traumpaar" Vanessa und Mike. Dank der neudeutsch Cross-Promotion genannten Schleichwerbung entkam man "DSDS" immer schwerer.

Losratternde Vermarktungsmaschinerie

Gut, dass mit Tobias Regner nun der ernsthafteste der auftoupierten Kandidaten gewonnen hat. Der wird seinen Weg als Musiker schon machen, wenn er die geckenhafte Bohlen-Mühle und soeben losratternde RTL-Vermarktungsmaschinerie der nächsten Wochen überstanden hat.

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