Rotes Telefon fürs Politbüro

- Nach vier Jahren Testbetrieb ging es richtig los: Als vor 50 Jahren das DDR-Fernsehen mit seinem regelmäßigen Programm begann, konnten nur wenige im Arbeiter- und Bauernstaat die Sendungen verfolgen. Etwa tausend DDR-Bürger hatten sich für 3500 Mark ein Gerät der Marke "Leningrad" zugelegt, um "Aktuelle Kamera" zu schauen. Mit der Eröffnung der Studios in Berlin Adlershof und dem Beginn eines festen Programms am 3. Januar 1956 startete der Deutsche Fernsehfunk (DFF) das TV-Zeitalter in der DDR. Mit Vorträgen und Bildung, Spielfilmen und Dokumentationen ging es zwei Stunden täglich in den elektronischen Konkurrenzkampf mit dem Westen. Das Programm schmückten auch künstlerisch ambitionierte Eigenproduktionen. Die SED hatte das Fernsehen noch nicht als Massenmedium entdeckt, gönnte den Machern noch etwas Freiraum.

Zu einem Massenmedium wurde der DFF erst Anfang der Sechzigerjahre. Auf dem VI. Parteitag 1963 beschloss die SED, das Fernsehen müsse eine tragende Rolle bei der Befriedigung der Konsumbedürfnisse der Bevölkerung bekommen. Massenwirksamkeit und Volksverbundenheit lautete der Parteiauftrag. Die politische Kontrolle der TV-Nachrichten wurde verschärft. Über ein rotes Telefon konnten sich die Politbüro-Mitglieder, so wird später berichtet, jederzeit in den Sendeablauf einschalten. Doch nicht alles war Agitation und Hofberichterstattung. "Der Sandmann", "Ein Kessel Buntes" oder "Außenseiter-Spitzenreiter" erlangten noch zu DDR-Zeiten Kultstatus, wie der Leipziger Medienforscher Thomas Beutelschmidt in einer Studie zum DDR-Fernsehen feststellt.

Ideologischer Ballast

Am 20. Jahrestag der Gründung der DDR 1969 begann der DFF mit der Ausstrahlung eines 2. Programms, zugleich gab es erste Farbsendungen. 1972 erreichten die nun in "Fernsehen der DDR" umgetauften Kanäle erst die Hälfte des DDR-Gebietes. Mit einer Programmreform warf die SED Ende der 80er-Jahre ideologischen Ballast ab. Die "Aktuelle Kamera" wurde politisch abgerüstet, der sozialistische Alltag kam nun verspielter im "Polizeiruf 110" oder in "Der Staatsanwalt hat das Wort" vor.

Der Einfluss des West-Fernsehens setzte dem DDR-TV unterdessen merklich zu. Mit knapp 33 Prozent Sehbeteiligung, das ergeben die später entdeckten Zahlen der DDR-Zuschauerforschung, erreichte das Fernsehen einen Tiefpunkt. Und die Wende im Herbst 1989 erschüttert das Fernsehen nachhaltig. "Diese Sendung wird nach fast 30 Jahren die kürzeste sein - nämlich die letzte", kündigte der bestgehasste Journalist der DDR, Karl-Eduard von Schnitzler, sein berufliches Ende und das seines "Schwarzen Kanals" an. Die Quote der "Aktuellen Kamera" fiel im letzten DDR-Jahr auf unter vier Prozent Marktanteil. 1992 übernahmen die ARD-Landesrundfunkanstalten das Programm. Auf einige Sendungen aus DDR-Zeiten müssen die Ostdeutschen nicht verzichten: "Sandmännchen" und "Polizeiruf 110" gibt es noch, Garten- und Tiersendungen bei MDR und RBB lehnen sich an DDR-Vorbilder an. Verschwunden aber ist die beliebte Unterhaltungsshow "Ein Kessel Buntes".

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