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Jens Stellbrink (Devid Striesow) und seine Kollegin Lisa Marx (Elisabeth Brück) zusammen mit Horst Jordan (Hartmut Volle, Mitte).

Debakel statt Originalität

"Tatort" empört die Zuschauer

München - Am Ende blieb man ratlos zurück. Was um Himmels Willen hatte die ARD am Sonntagabend da bloß ausgestrahlt? Hatte der Saarland-„Tatort“ einen roten Faden? Heftige Diskussionen über die Folge entfachen.

Hier können Sie den Saar-"Tatort" in der ARD-Mediathek sehen

Stimmte wenigstens ein kleines Detail – oder war tatsächlich alles fachlich falsch, alles hanebüchen? Quer durch die Republik in den Medien wie auch im Internet beschwerten sich Kritiker wie Zuseher über den „schlechtesten Tatort seit 20 Jahren“, wie ein Leser auf unserer Internetseite es ausdrückte. Und ein anderer ergänzte: „Hey ARD, wofür zahlen wir eigentlich Gebühren?!? Eine Frechheit!“ Verantwortlich für diesen „Tatort“ mit dem Titel „Eine Handvoll Paradies“ war allerdings nur indirekt die ARD, ausführender Sender war der Saarländische Rundfunk (SR). Und der gab sich am Tag danach kämpferisch. SR-Sprecher Peter Meyer erklärte: „Der Film ist von vielen Zeitungen, vor allem Fachzeitschriften, gut bewertet worden. Der Rest ist Geschmackssache.“

Lesen Sie hier die Merkur-Kritik zum Saarland-Tatort

Im Januar holte Devid Striesow mit seinem ebenfalls umstrittenen Debüt „Melinda“ noch neun Millionen Zuschauer. Der Fall am Sonntag war auch die quotenstärkste Sendung an diesem Abend. Auf der SR-Homepage wird „Eine Handvoll Paradies“ deswegen auch als „dreifacher Tagessieger“ gefeiert: bundesweit, im Saarland und in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. „2,8 Millionen Menschen (19,6 Prozent) in dieser Zielgruppe haben geschaut“, erklärt Meyer dort. Doch kann man die bundesweiten Zahlen auch anders deuten: Laut Media Control nämlich schalteten „nur“ 8,35 Millionen (23,1 Prozent) ein. Das führt zur zweitschlechtesten „Tatort“-Quote in diesem Jahr. Derzeit aber ist die Reihe eigentlich ein Quotengarant mit starkem Aufwärtstrend. Der jüngste aus Münster lockte 12,7 Millionen vor die Geräte.

Dabei zählten die Saarländer „Tatorte“ einst zu den beliebtesten: Das ehemalige Kommissaren-Duo Franz Kappl (Maximilian Brückner) und Stefan Deininger (Gregor Weber) löste zwischen 2006 und 2012 insgesamt sieben Fälle. Der heute 34-jährige Brückner aus München wurde 2006 jüngster Kommissar. Doch der SR trennte sich von ihnen im Streit, die Nachfolger Striesow und Kollegin Elisabeth Brück sollten inhaltlich die „Tatort“-Landschaft um eine Facette bereichern. Sie sollten Fälle jenseits der Tradition bieten.

Anstatt Witz und Originalität ein Debakel

Striesow sagte jüngst, der „Tatort“ sei „doch ein wunderbares Format, in dem man die unterschiedlichsten Filme machen kann“. Die starke Fokussierung auf seinen Kommissar erweist sich dabei als Vorteil und Manko zugleich: Striesow überzeugt mit seiner Präsenz, die anderen Beteiligten jedoch verblassen. Vor allem seiner Mit-Kommissarin Lisa Marx (Brück) bleibt nur übrig, dem neuen Kollegen hinterherzurennen. Und der dritte Neuzugang, Staatsanwältin Nicole Dubois (Sandra Steinbach), scheint bereits nach zwei Folgen festgefahren in ihrer Rolle als bürokratische Vorgesetzte.

Das Problem: Der Fall sollte lustig, witzig und originell sein, endete aber in einem Debakel. Laut der Bild-Zeitung habe „der finnische Regisseur Hannu Salonen (40) zuvor nie Komödien gedreht. Mit Striesow bildet er eine unbeirrbare, beratungsresistente Einheit.“ Und weiter: „Alle wissen, dass Salonen es nicht kann.“

Bekannt ist außerdem, das dem kleinen SR, der außer ein bis zwei „Tatort“-Filmen pro Jahr keine weitere Fiction produziert, das Geld fehlt. Beide bisherigen Fälle wurden an einem Stück gefilmt. Dieses Defizit zeigte sich auch in den verheerenden qualitativen Mängeln, die dieser „Tatort“ offenbarte. So sah man den viel zu klinisch reinen Rockern ihre angeklebten Haaren deutlich an, und die Nebendarsteller agierten hölzern. Doch konnte sich der SR neben Striesow keine weiteren hochkarätigen Schauspieler mehr leisten, der einst so gefeierte Verpflichtungs-Coup entpuppt sich als Fehler. Denn hat Striesow tatsächlich solch einen Ruf wie etwa Til Schweiger, dass die Zuschauer nur wegen ihm einschalten? Oder wäre es nicht sinnvoller, das Geld aufzuteilen?

Für solche Entscheidungen ist der SR verantwortlich. Denn im Januar hatte ARD-Vorsitzende Lutz Marmor verkündet: „Gerade der ,Tatort‘ als beim Publikum erfolgreichstes Fernsehformat ist das beste Beispiel dafür, dass jeder Sender mit einer eigenen Redaktion einen wichtigen Beitrag leistet.“ Doch schob er noch hinterher: „Wir haben gerade beschlossen, das Budget für den Bremer ,Tatort‘ moderat zu erhöhen, ebenso für den aus dem Saarland.“ So gesehen also besteht noch Hoffnung...

Von Angelika Mayr

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